Nach dem Rücktritt von Bundesrat Guy Parmelin rücken in der Schweiz zwei profilierte Politikerinnen ins Zentrum der Nachfolgedebatte. Während die St. Galler Ständerätin Esther Friedli zögert, sorgt eine mögliche Kandidatur der Zürcher Regierungsrätin Natalie Rickli für parteiinterne Spannungen und weitreichende Fragen im Wahlkalender.
Die Ausgangslage nach Parmelins Rücktritt und Esther Friedlis Zögern
Seit der Ankündigung des Rücktritts von Bundesrat Guy Parmelin richten sich alle Blicke auf Esther Friedli. Die SVP-Politikerin und Ständerätin aus dem Kanton St. Gallen gilt in ihrer Partei als Wunschkandidatin vieler Mitglieder, wie die Zürcher Neue Zürcher Zeitung berichtete. Friedli selbst reagierte auf die Spekulationen zunächst mit Zurückhaltung. Bei einer Veranstaltung im Toggenburger Haus der Freiheit
wich sie Fragen zu einer Bundesratskandidatur aus und erinnerte an ein Déjà-vu vor vier Jahren, als nach dem Rücktritt von Ueli Maurer ebenfalls ihr Name fiel.
Mit Toni Brunner ist sie seit fast dreissig Jahren ein Paar, und die beiden heirateten im Jahr 2024. Als Mitbetreiberin des Gasthofs im Toggenburg ist sie tief in ihrer Partei verwurzelt, geniesst jedoch grosse Sympathien weit über die Parteigrenzen hinaus. Politische Beobachter verweisen auf ihre im Jahr 2023 historische Wahl in den Ständerat für den Kanton St. Gallen. Bei ihrer Veranstaltung am Samstagmorgen im vollbesetzten Saal des Gasthofs, bei dem Serviceangestellte balancierend Café Crème servierten und sie selbst nach letzten freien Stühlen suchte, sprach sie in den ersten fünfzig Minuten mit keinem Wort über Parmelin. Stattdessen thematisierte sie die im Parlament beratenen EU-Verträge und präsentierte eine exklusive Überraschung in Form eines Jodelchors aus Appenzell. Ein mögliches Detail im Hintergrund: Toni Brunner sitzt in der Findungskommission der SVP, sieht jedoch keinen Grund wegen Befangenheit auszusteigen, da er lediglich Wirt und Bauer sei und seine Frau selbst entscheiden müsse.

Gegen eine Kandidatur könnte sprechen, dass der Kanton St. Gallen genau wie bei der FDP-Bundesrätin Karin Keller-Sutter im Bundesrat übervertreten wäre, und auch aus der Romandie kommt Widerstand. Dennoch loben Befürworter ihre gewinnende und in der Bundesversammlung extrem mehrheitsfähige Art sowie ihre hervorragende Vernetzung in Bern. Die SP-Regierungsrätinnen Silvia Steiner, Carmen Walker Späh, Ernst Stocker und Jacqueline Fehr wollen derweil für keine neue Legislatur im Kanton Zürich kandidieren.
Natalie Ricklis Dilemma und das drohende Rücktritts-Chaos in Zürich
Neben Friedli wird immer wieder Natalie Rickli als mögliche Nachfolgerin gehandelt. Die Zürcher Regierungsrätin und Gesundheitsdirektorin bringt durch ihre steile politische Karriere und ihre Wiederwahl mit dem zweitbesten Resultat starke Voraussetzungen mit. Sie politisiert seit 2019 nicht mehr in Bern, was laut Analysen dazu führen könnte, dass ihr ein nötiges Netzwerk an Unterstützern fehlt. Zudem könnte ihr eine Kandidatur von Wählern als mangelnde Loyalität gegenüber dem Kanton Zürich ausgelegt werden, und im Falle einer Niederlage in Bern würde sie ganz ohne politisches Amt dastehen. Sie ist mit 49 Jahren für eine angehende Bundesrätin relativ jung.
Doch eine Bundesratskandidatur bringt die Zürcher SVP in eine heikle Lage, wie das Newsportal 20 Minuten aufzeigte. Im kommenden Frühjahr stehen im Kanton Zürich ohnehin Regierungsratswahlen an, bei denen bereits vier von sieben bisherigen Mitgliedern nicht mehr antreten. Er nannte in den Tamedia-Zeitungen neben Rickli auch die Nationalräte Thomas Matter, Benjamin Fischer und Gregor Rutz als mögliche Optionen. Dennoch stünde die Zürcher SVP unter erheblichem Druck, kurzfristig Ersatz zu finden.
Parallelen zur Vergangenheit und die Frage des Frauen-Tickets
Die Situation ruft Erinnerungen an das Jahr 2022 wach, als Ueli Maurer am 30. Damals schlugen die Zürcher Wahlen gleich doppelt zu, da auch SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr nach dem Rücktritt von Simonetta Sommaruga auf eine Bundesratskandidatur verzichtete. Unter anderen Vorzeichen stand im April 1995 die Wahl von SP-Mann Moritz Leuenberger, der nach dem überraschend vorgezogenen Rücktritt von Otto Stich trotz der nötigen Ersatzwahl die Chance packte.

Beobachter und Medien wie Soaktuell betonen, dass die grösste Partei der Schweiz mit Esther Friedli und Natalie Rickli — die beide 49 Jahre alt sind — die historische Chance auf ein reines Frauen-Ticket hätte, sofern beide Frauen antreten wollen. Die Politologin Ladina Bütikofer merkt an, dass die SVP inzwischen auf Bundes- und Kantonsebene zahlreiche erfahrene Frauen wie Céline Amaudruz, Diana Gutjahr, Cornelia Stamm, Martina Bircher, Denise Neuweiler und Monika Rüegger in ihren Reihen hat. Ob Esther Friedli und Natalie Rickli das Amt übernehmen und dieses Risiko eingehen wollen, müssen sie in den nächsten Tagen entscheiden.
Zwar ist noch ein weiter Weg zu gehen und die Beteiligten schauen Schritt für Schritt, doch der Fokus der Findungskommission liegt gegenwärtig klar auf Natalie Rickli, während die offizielle Meldefrist bis zum 23. Oktober läuft.

Es ist noch unklar, wie sich die Parteigremien und die beiden Umworbenen positionieren. Die Schweizerinnen und Schweizer könnten sich im Falle einer Kandidatur des weiblichen Duos auf eine hochkarätige Bundesratswahl einstellen.
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