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Technik und Wissenschaft

Studie: Meeresspiegelanstieg könnte invasiven Arten neue Lebensräume bieten

Nach Computersimulationen einer Forschungsgruppe um Xuan Liu und Qiang Lin von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, die im Fachmagazin „Nature Ecology & Evolution publiziert wurde, sind etwa zwei Drittel der Landflächen, die bis zum Jahr 2100 überflutet sein werden, als Lebensraum für bereits ansässige fremde Lebewesen geeignet. Ein Hauptfokus der theoretischen Betrachtungen liegt dabei auf der Nordsee.

Klimaszenarien und betroffene Arten an den Küsten

Für ihre Berechnungen nutzte das Forschungsteam zwei Klimawandelszenarien aus dem sechsten Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC: das mit einer mittleren Erderwärmung verbundene Szenario SSP2-4.5 sowie das mittlerweile als unwahrscheinlich geltende Extremszenario SSP5-8.5. Das moderate Szenario prognostiziert an den Küsten Überflutungen von rund 360.000 Quadratkilometern bis zum Jahr 2050 und etwa 550.000 Quadratkilometern bis zum Jahr 2100.

Von letzterer Fläche seien schätzungsweise 300.000 Quadratkilometer für invasive Arten geeignet — eine Fläche, die in etwa der Größe Italiens entspricht.

Die Untersuchung betrachtete insgesamt 122 Tierarten, die bereits in verschiedenen Küstengebieten als invasiv auftreten und eine starke Affinität zu Gezeitenzonen und Flachwasserhabitaten aufweisen. „Biologische Invasionen verursachen einen globalen Verlust an biologischer Vielfalt und weitreichende Ökosystemveränderungen, die direkt für massive sozioökonomische Kosten und Gesundheitsrisiken für die Gesellschaft verantwortlich sind“, schreiben die Autoren in der Publikation.

Studie: Meeresspiegelanstieg könnte invasiven Arten neue Lebensräume bieten

Eingeschleppt werden solche invasiven Arten etwa über Ballastwassertanks großer Frachtschiffe, die in einer Meeresregion mit Wasser und den darin befindlichen Lebewesen gefüllt und in einer anderen Meeresregion wieder geleert werden. Haben die betreffenden Organismen in ihrem neuen Lebensraum keine oder nur wenige Fressfeinde, können sie sich stark vermehren.

Speziell für die Nordsee nennen die Wissenschaftler mehrere Organismen, die sich in neu überfluteten Flussmündungsgebieten und Küstenbereichen ausbreiten könnten. Dazu zählen die von der amerikanischen Atlantikküste stammende Blaukrabbe oder blaue Schwimmkrabbe () und die Zuiderzeekrabbe (). Ebenfalls aufgeführt werden die Asiatische Strandkrabbe () nebst ihrer Verwandten , die Schwarzmund-Grundel (), die Skelettgarnele (), die Amerikanische Schwertmuschel () sowie die Pazifische Auster ().

Einschränkungen durch Deichbau und ökologische Realität

Unabhängig von den theoretischen Simulationen weisen externe Experten auf erhebliche praktische Barrieren und Auslassungen in der Studie hin.

Fakt ist, dass das derzeit bestehende Bollwerk aus einer nahezu geschlossenen Deichlinie die Ausbreitung des Meeres an der deutschen Küste extrem einschränkt und daher die Ausbreitung eingeschleppter Meeresorganismen in Richtung Land momentan vor den Deichen enden wird.

Zudem gebe es an der deutschen Nordseeküste gegenwärtig keinen einzigen dokumentierten Fall, in dem eine eingeschleppte Art eine heimische Art verdrängt habe. Laut Buschbaum handle es sich vielmehr um eine Addition von Arten, was darauf zurückzuführen sei, dass das Wattenmeer jung ist, über ausreichend Platz verfügt und viele heimische Organismen dieses Platzangebot gar nicht vollständig ausschöpfen.

Da viele heimische Arten mit nah verwandten eingeschleppten Organismen gut zurechtkommen, bleiben erwartete Konkurrenzkämpfe oft aus. So könne es zu einer gemeinsamen Ausbreitung kommen, weshalb von einer neuen biologischen Invasionsfront keine Rede sein könne.

Mark Schürch von der Universität Bremen, der ebenfalls nicht an der Studie mitwirkte, hob als wichtige Einschränkung hervor, dass die Untersuchung ausschließlich die landwärtige Ausbreitung invasiver Arten beleuchtet, jedoch einen eventuellen Habitatsverlust durch den steigenden Meeresspiegel unberücksichtigt lässt. Eine ähnliche Kritik äußerte Kasper Meijer vom Helmholtz-Institut für Funktionelle Marine Biodiversität an der Universität Oldenburg, der es als ungünstig bezeichnete, dass die gleichzeitige Besiedlung durch heimische Arten in den Modellen fehle.

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Clara Vogt

Über den Autor

Clara Vogt verantwortet das Ressort Technik und Wissenschaft. Sie schreibt ueber KI, Digitalisierung, Forschung und Innovation und uebersetzt komplexe Entwicklungen in klaren, belastbaren Journalismus.

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