Statine senken das Herzinfarkt-Risiko bei gesunden Menschen über 70 Jahren um 30 Prozent, wie eine im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie zeigt. Gleichzeitig wirft eine französische Untersuchung Fragen über den Nutzen des Absetzens auf, während Experten betonen, dass das Alter allein kein Grund für den Medikamentenstopp ist.
Millionen Menschen nehmen täglich Statine ein, um ihr Cholesterin zu senken und Herzinfarkten sowie Schlaganfällen vorzubeugen. Doch für Menschen im fortgeschrittenen Alter ohne bekannte Vorerkrankungen gab es lange Zeit widersprüchliche Daten. Nun liefern zwei Untersuchungen neue Einblicke in den tatsächlichen Nutzen und die Risiken einer langfristigen Einnahme oder eines Absetzens der Cholesterinsenker bei Senioren.
Neue Daten aus Australien: Atorvastatin senkt Herz-Kreislauf-Risiko bei Über-70-Jährigen um 30 Prozent
Eine umfassende, im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie bringt Licht in die Frage, ob gesunde Ältere von Statinen profitieren. Fast 10.000 Menschen ab 70 Jahren aus Australien nahmen an der Untersuchung teil, wobei das Durchschnittsalter bei 74,7 Jahren lag und rund 52 Prozent der Teilnehmenden weiblich waren. Keiner der Beteiligten hatte zu Beginn eine bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung, Diabetes oder Demenz.
Die Forschenden teilten die Gruppe per Zufallsprinzip auf. Eine Hälfte erhielt täglich 40 Milligramm des Statins Atorvastatin, die andere ein wirkstofffreies Placebo. Nach einer Beobachtungszeit von knapp sechs Jahren zeigte sich ein signifikanter Unterschied: In der Behandlungsgruppe erlitten 6,0 Prozent ein schwerwiegendes Herz-Kreislauf-Ereignis, verglichen mit 8,3 Prozent in der Placebogruppe. Dies entspricht einer relativen Risikoreduktion von 30 Prozent für Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Herzinfarkte, Schlaganfälle und notwendige Eingriffe an den Herzkranzgefäßen.
„Das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle bereitet vielen älteren Menschen Sorge; zu wissen, dass es eine wirksame Maßnahme gibt, dieses Risiko zu senken, wird für sie und ihre Familien eine große Beruhigung sein.“
Sophia Zoungas, Studienautorin und Professorin an der Monash University School of Public Health and Preventive Medicine
Einen Schutz vor allen Altersfolgen bieten die Medikamente jedoch nicht. Die Auswertung ergab keinen statistisch bedeutsamen Vorteil hinsichtlich der Verlängerung der Lebenszeit ohne Demenz oder ohne dauerhafte körperliche Einschränkungen.
Französische Untersuchung zum Absetzen von Statinen im Alter
Während die australische Studie den Nutzen einer Neueinnahme belegt, widmete sich eine französische Forschergruppe des Universitätsklinikums Bordeaux der Gegenfrage: Was passiert, wenn ältere Menschen die Tabletten absetzen?

Von Juni 2016 bis Januar 2020 wurden 1180 Teilnehmende erfasst, von denen 1160 in die Auswertung flossen. Das Durchschnittsalter lag bei 80 Jahren; knapp 30 Prozent hatten Diabetes und mehr als drei Viertel litten unter Bluthochdruck. Der Zufall entschied, ob die Patienten ihr Medikament weiter einnahmen oder absetzten. Nach einer Beobachtungszeit von 36 Monaten starben 7,9 Prozent der Gruppe mit fortgeführter Therapie und 7,2 Prozent in der Gruppe ohne Statin. Auch bei schweren Herz-Kreislauf-Ereignissen lagen die Raten mit 4,4 Prozent unter Therapie und 5,0 Prozent nach dem Absetzen dicht beieinander.
Die Autorinnen und Autoren räumen jedoch Einschränkungen ein: Es konnten statt der geplanten 2430 nur 1180 Teilnehmende gewonnen werden, und es starben deutlich weniger Menschen als angenommen, wodurch die Schätzungen ungenauer ausfielen.
Lebensqualität und das Ausbleiben messbarer Vorteile
Ein besonders beachteter Befund der französischen Untersuchung betrifft das subjektive Wohlbefinden der Patienten. Wer das Statin wegließ, fühlte sich hinterher nicht besser. Unerwünschte Ereignisse traten in beiden Gruppen mit 73,1 zu 74,0 Prozent ähnlich häufig auf, und auch die Lebensqualität unterschied sich nach drei Jahren nicht.
Untersucht wurde allerdings ausschließlich eine Gruppe, die ihr Medikament ohnehin seit Langem gut vertrug.
Wann ein Absetzen sinnvoll ist und wo die Grenzen liegen
Fachleute und die Deutsche Herzstiftung warnen davor, Medikamente im Alter pauschal wegzulassen. Menschen mit koronarer Herzkrankheit oder anderen arteriosklerotischen Gefässerkrankungen profitieren demnach auch jenseits des 75. Lebensjahrs von dem Schutz vor Herzinfarkten und Schlaganfällen. Die französische Bordeaux-Studie schloss solche Vorerkrankungen explizit aus.
Ein Absetzen kann laut den Experten jedoch unter bestimmten Bedingungen sinnvoll sein, etwa bei einer begrenzten Lebenserwartung, einer zu hohen Gesamtlast an verschiedenen Medikamenten, geänderten Therapiezielen oder wenn die Patienten ihre Medikamentenlast aktiv senken möchten. Das Alter allein ist kein ausreichender Grund
für einen Verzicht auf die Therapie.
Zu den bekannten Nebenwirkungen von Statinen gehören in fünf bis zehn Prozent der Fälle Muskelbeschwerden, wobei die Herzstiftung betont, dass in neun von zehn Fällen eine andere Ursache dahintersteckt. Sehr selten kommt es zum Muskelverfall, der sogenannten Rhabdomyolyse. Zudem können Cholesterinsenker bei Menschen mit einer Diabetes-Vorstufe die Verarbeitung von Zucker leicht verschlechtern und Leberwerte verändern.
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