Russische Luftangriffe auf Kiew richten sich zunehmend gegen die digitale Infrastruktur der ukrainischen Hauptstadt. Mehrere Rechenzentren wurden bei jüngsten Angriffswellen getroffen, was zu Internetausfällen bei rund 100.000 Haushalten, Störungen von Behörden und Einschränkungen bei Medienanbietern führte, wie Behörden und Betreiber mitgeteilt haben.
Die Angriffe auf die digitale Netzinfrastruktur markieren eine spürbare Ausweitung der russischen Luftkampagne im Krieg gegen die Ukraine. Zuvor hatten die Angriffe vor allem Kraftwerke, Stromnetze, Tankstellen und Lebensmittellager getroffen. Mit dem Beschuss von Rechenzentren greift die russische Armee nun gezielt jene Gebäude an, in denen Server für Websites, E-Mail-Dienste und digitale Kommunikationsknotenpunkte untergebracht sind.
Ausfälle bei Internetprovidern, Justiz und Fernsehsendern in Kiew
Die Auswirkungen der jüngsten Angriffswellen bekamen Provider und öffentliche Einrichtungen in der ukrainischen Hauptstadt unmittelbar zu spüren. Mehrere Internetanbieter meldeten schwere Schäden an ihrer Technik. Betroffen waren unter anderem Unternehmen wie Domonet, Kievnet, Faust, KyivLink, UTELS und Pavutyna, deren Rechenzentren, Netzknoten oder Vermittlungstechnik in Mitleidenschaft gezogen wurden.
Bei dem Anbieter UTELS verlor die zentrale Netztechnik den Strom; der Betrieb wurde schrittweise über Ersatzleitungen wieder hochgefahren. Der Hoster Etherlink musste seinen Hauptknoten an einen anderen Standort verlegen, während Cosmonova die vollständige Zerstörung seines Rechenzentrums vermeldete und den Betrieb an diesem Standort endgültig einstellen musste.
Auch staatliche Stellen litten unter den technischen Störungen. Die ukrainischen Justizdienste waren am 23. September zwischen 13:58 und 16:17 Uhr nicht erreichbar, nachdem das Netz ihres Backbone-Providers gestört worden war. Sogar westukrainische Gerichte wie das Bezirksgericht Peremyshljany meldeten den Ausfall ihrer E-Mail-Adressen. Fernsehsender wie Novyny.LIVE und Armia TV mussten ihr Programm kurzzeitig unterbrechen, blieben jedoch über digitale Plattformen wie YouTube und soziale Netzwerke erreichbar.
Strategische Absichten und militärische Einschätzungen
Das russische Verteidigungsministerium erklärte laut Berichten, es habe Rechenzentren und Logistikzentren angegriffen, die vom ukrainischen Militär genutzt worden seien. Ukrainische Stellen widersprechen dieser Darstellung jedoch deutlich.
Weil Russland auf dem Schlachtfeld nicht vorankomme, wolle es den Alltag destabilisieren und die Bevölkerung terrorisieren.
Andrij Sybiha, ukrainischer Außenminister
Aus Sicht des ukrainischen Außenministeriums dienen die Angriffe vor allem dazu, den zivilen Informationsfluss und digitale Warnsysteme zu stören. Experten weisen zudem darauf hin, dass das ukrainische Militär über eigene, vom zivilen Netz unabhängige Kommunikationskanäle sowie über das Satellitensystem Starlink verfügt, weshalb ein Ausfall ziviler Rechenzentren die militärische Operationsfähigkeit kaum unmittelbar beeinträchtigt.

Dezentrale Strukturen und ausländische Cloud-Backups verhindern Totalausfall
Trotz der Zerstörung einzelner Anlagen ist ein vollständiger Zusammenbruch des ukrainischen Internets nach Einschätzung von Experten kaum realistisch. Der Telekommunikationsexperte Oleksandr Hluschtschenko erklärte gegenüber der Deutschen Welle, dass die Ukraine über das weltweit dezentralste System von Internetzugangsdiensten verfügt, da die Branche historisch stark durch kleine und mittelständische Betreiber geprägt und kaum reguliert war.
Auch beim Datenschutz zeigt sich die Struktur des Marktes robust. Wie der Gründer des Unternehmens MiroHost, Oleksandr Olshansky, mitteilte, befanden sich die Daten von rund 95 Prozent der Kunden auf Servern außerhalb der Ukraine und blieben von der Zerstörung unberührt. Zahlreiche andere Hoster und Anbieter hatten ihre Infrastruktur redundant ausgelegt oder Sicherungskopien in europäischen Cloud-Diensten hinterlegt, wodurch betroffene Webseiten und Dienste über Ausweichstandorte weiterlaufen konnten.
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