Gesunde Erwachsene im Alter von 55 bis 80 Jahren werden in Großbritannien im Rahmen einer weltweiten klinischen Studie auf ein experimentelles Alzheimer-Medikament getestet. Die vom Surrey and Borders Partnership NHS Foundation Trust durchgeführte Studie untersucht, ob das Präparat den Ausbruch der Demenz verhindern kann.
Die klinische Erprobung des Medikaments Trontinemab markiert einen Richtungswechsel in der medizinischen Forschung. Statt erst nach dem Auftreten von Gedächtnisverlust und kognitivem Verfall einzugreifen, setzt die von dem Schweizer Pharmakonzern Roche entwickelte Therapie im Vorfeld an.
Das internationale PrevenTRON-Verfahren und die Untersuchung im NHS
Das globale Forschungsprojekt mit der Bezeichnung PrevenTRON-Studie rekrutiert weltweit rund 1.600 gesunde Personen. Die ersten europäischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden vom Surrey and Borders Partnership NHS Foundation Trust in Großbritannien gescreent. Das NHS-Trust dient als dritter Standort weltweit für diese Form der Präventionsstudie.

Interessierte Personen aus dem gesamten Vereinigten Königreich können sich an das Forschungsteam des Surrey and Borders Partnership NHS Foundation Trust wenden. Bis Ende des Jahres sollen mindestens 15 Krankenhäuser und Kliniken im Land an dem Projekt teilnehmen. Die Behandlungsphase der Studie ist auf vier bis sechs Jahre angelegt. Dabei werden die Teilnehmenden per Zufallsprinzip entweder mit Trontinemab oder einem Placebo versorgt und fortlaufend überwacht.
Biomarker p-tau217 als Risikowerkzeug im Bluttest
Um festzustellen, wer für die Teilnahme infrage kommt, durchlaufen die Kandidaten zunächst Gedächtnistests. Anschließend erfolgt eine Blutuntersuchung, mit der das Vorhandensein des Biomarkers p-tau217 gemessen wird. Dieser biologische Marker kann laut vorliegenden Untersuchungen Alzheimer-Erkrankungen mit einer Genauigkeit von bis zu 95 Prozent identifizieren, Jahre bevor kognitive Beeinträchtigungen einsetzen.
Frühere Erhebungen zeigten, dass Personen mit den höchsten p-tau217-Werten eine geschätzte Wahrscheinlichkeit von 78 Prozent aufweisen, innerhalb von zehn Jahren eine kognitive Beeinträchtigung zu entwickeln. Da die Alzheimer-Krankheit schätzungsweise bis zu zehn Jahre im Gehirn heranreift, bevor Betroffene wegen Gedächtnisproblemen ärztliche Hilfe aufsuchen, bietet der Bluttest ein wichtiges Zeitfenster für präventive Maßnahmen.
Wirkweise von Trontinemab und der Abbau von Amyloid-Plaques
Das untersuchte Medikament Trontinemab wurde vom Schweizer Pharmakonzern Roche entwickelt. Die pharmazeutische Zusammensetzung zielt darauf ab, toxische Beta-Amyloid-Plaques anzugreifen, die sich im Gehirn zwischen den Nervenzellen ablagern und Gehirnzellen schädigen oder zerstören.
Um die Wirksamkeit im zentralen Nervensystem zu erhöhen, koppelt das Präparat den Antikörper Gantenerumab an ein spezielles Transportmolekül. Dieses sogenannte Shuttle unterstützt den Wirkstoff dabei, die Blut-Hirn-Schranke effektiver zu überwinden. In früheren Untersuchungen zeigte sich, dass das Medikament Amyloid-Ablagerungen bei neun von zehn Personen mit Alzheimer im Frühstadium oder milden kognitiven Entwicklungen innerhalb von 28 Wochen abbauen konnte.
Professor Ramin Nilforooshan, beratender Psychiatriearzt und leitender Prüfärzt für die Studie, erklärte, dass sich die Forschung jahrzehntelang auf die Behandlung der Alzheimer-Krankheit nach dem Auftreten von Symptomen konzentriert habe und PrevenTRON eine andere Frage beantworte, nämlich ob man früher handeln könne, bevor Symptome beginnen.
Professor Ramin Nilforooshan, beratender Psychiatriearzt und leitender Prüfärzt der Studie, betonte, er sage nicht, dass diese Studie Magie sei, da es sich um ein Prüfmedikament handele und man abwarten müsse, ob es wirken werde oder nicht.
Hintergrund der britischen Demenzstatistik
Die Notwendigkeit neuer Forschungsansätze wird durch nationale Zahlen unterstrichen. Laut Angaben des NHS ist die Alzheimer-Krankheit die häufigste Form der Demenz und macht 60 bis 80 Prozent aller Demenzfälle im Land aus. Ein Bericht der Alzheimer’s Society beziffert die Gesamtzahl der Menschen, die im Vereinigten Königreich mit Demenz leben, auf schätzungsweise 982.000.
Das Leiden beeinträchtigt schrittweise zahlreiche Hirnfunktionen. Während ältere Menschen besonders betroffen sind – statistisch trifft es etwa einen von 14 Menschen über 65 Jahren und einen von sechs Menschen über 80 Jahren –, bezieht die neue Untersuchung gesunde Menschen im Alter zwischen 55 und 80 Jahren ein.
Auch interessant