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PPPL und IPP: KI und Materialwissenschaft überwinden Kernfusions-Hürden

Wissenschaftler am Princeton Plasma Physics Laboratory (PPPL) haben eine Methode zur Vermeidung von Plasma-Disruptionen mittels KI-gesteuerter Magnetfelder entwickelt. Parallel dazu lösen neue Tests am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik die Probleme der Materialerosion durch extreme Hitze. Diese Fortschritte adressieren die kritischen Hürden für einen stabilen, kontinuierlichen Fusionsbetrieb.

Die Erzeugung kontrollierter Kernfusion steht vor einem technologischen Wendepunkt. Bisher scheiterten Versuche an einem dauerhaften Betrieb meist an zwei physikalischen Instabilitäten: dem plötzlichen Zusammenbruch des Plasmas und der thermischen Zerstörung der Reaktor Komponenten. Neue Daten aus Forschungsprojekten am PPPL und dem Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) zeigen nun, dass diese Barrieren durch eine Kombination aus künstlicher Intelligenz und fortschrittlicher Materialwissenschaft überwindbar sind.

KI-gesteuerte Magnetfelder verhindern Plasma-Abbrüche

Das größte Hindernis für die Kernfusion in Tokamak-Reaktoren ist die Instabilität des Plasmas. Wenn das millionengradheiße Gas die magnetische Einschlusswand berührt, kommt es zu einer sogenannten Disruption. Dieser Prozess setzt enorme Kräfte frei, die nicht nur die Reaktion sofort beenden, sondern auch die Reaktorstruktur beschädigen können.

Forscher am Princeton Plasma Physics Laboratory haben ein System implementiert, das auf Deep Reinforcement Learning basiert. Die KI analysiert die magnetischen Fluktuationen im Inneren des Reaktors in Echtzeit. Anstatt auf eine Instabilität nur zu reagieren, berechnet das System innerhalb von Millisekunden präventive Korrekturen für die Magnetspulen.

Die Fähigkeit, Unregelmäßigkeiten im Plasma zu erkennen, bevor sie sich zu einer Disruption ausweiten, ist der entscheidende Schritt weg von experimentellen Kurzzeit-Reaktionen hin zu einem stabilen Dauerbetrieb.

Dr. Elena Rossi, Senior Researcher am PPPL

Durch diese proaktive Steuerung konnte die Häufigkeit schwerer Disruptionen in Testläufen signifikant reduziert werden. Die KI fungiert hierbei als ein digitaler Operator, der die komplexen, nicht-linearen Dynamiken des Plasmas schneller verarbeitet, als es herkömmliche algorithmische Steuerungen ermöglichen.

Materialresistenz gegen thermische Belastung

Während die KI die Stabilität des Plasmas sichert, muss die Hardware der extremen Hitze standhalten. Die Komponente, die für den Ausstoß der Reaktionsprodukte zuständig ist – der sogenannte Divertor –, ist der am stärksten belasteten Stelle des Reaktors ausgesetzt. In einem kommerziellen Fusionsreaktor müssen diese Bauteile Temperaturen verkraften, die weit über denen herkömmlicher Metalllegierungen liegen.

Untersuchungen am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik konzentrieren sich auf die Verwendung von hochreinen Wolfram-Legierungen und die Implementierung von Flüssigmetall-Systemen. Wolfram besitzt einen sehr hohen Schmelzpunkt, neigt jedoch unter intensiver Bestrahlung durch Neutronen zur Versprödung. Die Forscher haben eine neue Methode entwickelt, um die Mikrostruktur des Materials so zu verändern, dass die Defekte durch Neutronenbeschuss kontrolliert absorbiert werden, ohne die strukturelle Integrität zu gefährden.

Ein weiterer Ansatz, der in aktuellen Forschungsberichten diskutiert wird, ist die Nutzung von flüssigem Lithium als Schutzschicht. Ein dünner Film aus flüssigem Metall auf der Divertor-Oberfläche könnte die Hitze effizienter ableiten und gleichzeitig die Erosion durch Ionenbeschuss minimieren. Dieser duale Schutz – die Stabilisierung des Plasmas von innen und die Härtung der Wand von außen – reduziert das Risiko eines Systemausfalls während des Dauerbetriebs.

Die Rolle der Hochtemperatur-Supraleiter

Die Effizienz dieser Schutzmaßnahmen hängt auch von der Stärke der Magnetfelder ab. Die Entwicklung von Hochtemperatur-Supraleitern (HTS) ermöglicht es, wesentlich stärkere Magnetfelder bei kompakteren Bauformen zu erzeugen. Stärkere Magnetfelder bedeuten eine bessere Kontrolle über das Plasma, was wiederum die Anforderungen an die Materialbelastung der Reaktorwand senkt.

Unternehmen wie Commonwealth Fusion Systems (CFS) nutzen diese Technologie bereits, um Reaktoren zu bauen, die kleiner und kostengünstiger sind als das internationale ITER-Projekt. Die Integration der KI-Steuerung in diese kompakteren HTS-Reaktoren gilt als der nächste logische Schritt in der Entwicklung der kommerziellen Fusionsenergie.

Technologische Hürden und wirtschaftliche Skalierung

Trotz der Fortschritte bei der Plasma-Stabilität und der Materialforschung bleibt die Skalierung eine Herausforderung. Ein kommerzieller Reaktor muss nicht nur stabil laufen, sondern auch eine positive Energiebilanz aufweisen, bei der die gewonnene Energie die für den Betrieb und die Magnetfelder benötigte Energie deutlich übersteigt.

Die aktuelle Forschung konzentriert sich nun auf die Langzeitstabilität dieser Systeme. Während die bisherigen Erfolge im Sekunden- oder Minutenbereich erzielt wurden, ist für ein Kraftwerk ein Betrieb über Wochen oder Monate ohne Unterbrechung erforderlich. Die Kombination aus KI-gestützter Fehlerprävention und neuen Wolfram-Verbundwerkstoffen bietet hierfür die technische Grundlage, doch die Validierung dieser Systeme unter realen Dauerlastbedingungen steht noch aus.

Die kommenden Testphasen an Anlagen wie dem Wendelstein 7-X in Deutschland werden zeigen, ob die theoretischen Modelle der Materialresistenz auch der kontinuierlichen Neutronenbestrahlung standhalten, die in einem kommerziellen Kraftwerk unvermeidlich ist.

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Clara Vogt

Über den Autor

Clara Vogt verantwortet das Ressort Technik und Wissenschaft. Sie schreibt ueber KI, Digitalisierung, Forschung und Innovation und uebersetzt komplexe Entwicklungen in klaren, belastbaren Journalismus.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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