Ungarns Ministerpräsident Péter Magyar ist am Donnerstag von Papst Leo XIV. im Vatikan zu seiner ersten Audienz als Regierungschef empfangen worden. Bei dem Treffen im Apostolischen Palast standen die bilateralen Beziehungen, die Situation in Ungarn sowie die internationalen Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten im Mittelpunkt der Gespräche.
Erstes Treffen im Vatikan nach dem Machtwechsel in Budapest
Die Begegnung im Apostolischen Palast im Vatikan besitzt für Magyar auch eine persönliche Dimension. Der Tisza-Parteichef wuchs in einer bürgerlich-katholischen Familie in Budapest auf, besuchte das dortige Piaristengymnasium und absolvierte sein Jurastudium an der Katholischen Péter-Pázmány-Universität.
In einem am Vortag veröffentlichten Video auf Facebook betonte Magyar, dass das Treffen mit dem Kirchenoberhaupt für ihn als ehemaligen Piaristen-Schüler von großem persönlichen Wert ist. Seine katholische Prägung begleitete auch den zurückliegenden Wahlkampf, in dem er sich wiederholt als konservativ und christlich positionierte. Politische Beobachter merken dazu an, dass Magyar den christlichen Glauben in seiner politischen Sprache deutlich weniger kulturchristlich auflädt als sein Amtsvorgänger Orbán, dessen Politik jahrelang von einer engen Verflechtung zwischen Staat und Religionsgemeinschaften geprägt war.
Gespräche im Staatssekretariat zu internationaler Politik und Kirchenfinanzierung
Im Anschluss an die Audienz beim Papst trat der ungarische Regierungschef mit Erzbischof Paul Richard Gallagher, dem vatikanischen Sekretär für die Beziehungen mit den Staaten und internationalen Organisationen, zu Verhandlungen im Staatssekretariat zusammen. Laut Angaben des Heiligen Stuhls würdigten beide Seiten die guten bilateralen Beziehungen und den Beitrag der katholischen Kirche zum gesellschaftlichen Leben in Ungarn. Neben sozioökonomischen Fragen und dem Bildungssektor ging es in den Unterredungen auch um den weltweiten Schutz gefährdeter christlicher Gemeinschaften.

Ein wesentlicher Schwerpunkt lag auf der geopolitischen Lage. Angesichts der gemeinsamen Grenze Ungarns zur Ukraine tauschten sich die Gesprächspartner ausführlich über die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten aus und bekräftigten den Wunsch nach einem verstärkten internationalen Engagement für den Frieden. Damit schlägt die neue Regierung in Budapest einen veränderten diplomatischen Ton an, nachdem Orbán während des russischen Angriffskriegs eine betont neutrale Haltung eingenommen hatte.

Dass sich der Kurs gegenüber den Kirchen unter Magyar substanziell wandeln soll, unterstrich Anfang September der Staatssekretär für gesellschaftliche Beziehungen, György Heidl. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Kathpress kündigte Heidl ein Ende der bisherigen unreflektierten Alimentierung
der Kirchen durch den Staat an. Zwar bleibe die staatliche Unterstützung grundsätzlich bestehen, künftig solle sie jedoch an strenge und transparente Kriterien geknüpft werden.
Heidl erklärte zudem, dass die Konsultationen zu einem geplanten neuen Kirchengesetz mit sämtlichen christlichen Konfessionen und den jüdischen Gemeinden in einer intensiven Phase der Beratung stehen. Ein Entwurf werde daher bewusst noch während der herbstlichen Parlamentssitzungsperiode zurückgehalten.
Religiöse Landschaft und Kritik an institutioneller Nähe
Die Neuordnung des Verhältnisses zwischen Staat und Religion findet vor dem Hintergrund einer tiefgreifenden Diskussion über die gesellschaftliche Rolle der Kirchen statt. Unter der vorherigen Regierung hatten Calvinisten, Lutheraner und Katholiken durch umfangreiche staatliche Förderungen für Kirchenrenovierungen und konfessionelle Privatschulen enge Bindungen an den Staatsapparat aufgebaut. Kritiker bemängelten wiederholt eine daraus resultierende finanzielle Abhängigkeit. So äußerte der ungarisch-stämmige Belgrader Erzbischof Kardinal Ladislav Német im Frühjahr nach dem Regierungswechsel die Einschätzung, dass die Kirchen dadurch ihre prophetische Stimme verloren
hätten.
Zahlen zur religiösen Zugehörigkeit in Ungarn verdeutlichen die gesellschaftliche Relevanz der Debatte. Bei der Volkszählung im Jahr 2022 bekannten sich rund 2,89 Millionen Menschen und damit etwa 30 Prozent der Gesamtbevölkerung von 9,6 Millionen Einwohnern zur katholischen Kirche. Über 40 Prozent der Teilnehmer verweigerten damals allerdings die Angabe zur Konfession. Das offizielle Vatikan-Jahrbuch beziffert die Zahl der Katholikinnen und Katholiken im Land zuletzt auf 5,59 Millionen.