Zum Inhalt springen
Technik und Wissenschaft

NSDAP-Akten durch KI blitzschnell durchsuchbar gemacht

Mithilfe Künstlicher Intelligenz lassen sich die über 5000 Filmrollen mit 16 Millionen NSDAP-Akten aus der Zeit zwischen 1925 und 1945 nun innerhalb von Millisekunden durchsuchen. Ein KI-Ingenieur bei BILD und der Historiker Professor Jürgen W. Falter bewerten die digitalisierte und bereinigte Mitgliederkartei als enormen Fortschritt für die historische Forschung.

Die Aufarbeitung der historischen NSDAP-Mitgliederkartei hat durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz eine enorme Beschleunigung erfahren. Wie BILD berichtet, ist es dank moderner Technologie nun möglich, Millionen digitalisierter Akten innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde zu durchsuchen. Riccardo Longo, KI-Ingenieur bei BILD und einer der Köpfe hinter der Technik, erklärt den technologischen Hintergrund: Die Mikrofilme wurden gerettet. Die Amerikaner haben dann einen großen Dienst geleistet, indem sie die über 5000 Filmrollen mit 16 Millionen Akten eingescannt haben.

Im März 2026 wurde ein erster Schritt öffentlich zur Verfügung gestellt, nachdem die Amerikaner eine optische Zeichenerkennung über die Scans hatten laufen lassen. Dadurch entstand neben den reinen Scans auch ein durchsuchbares Textdokument. Vor dem Einsatz Künstlicher Intelligenz wäre an dieser Stelle das Endstadium erreicht gewesen, erklärt Longo. Die Suche nach einem Verwandten hätte auf der Webseite monatelanges Durchblättern erfordert. Zwischen 1925 und 1945 waren den Daten zufolge etwa 12 Prozent aller neu aufgenommenen Mitglieder Frauen.

Datenbereinigung durch KI und historische Einordnung im BILDplus-Chat

Da viele Dokumente in Schreibschrift verfasst und teilweise von Stempeln verdeckt sind, wies die initiale Zeichenerkennung zahlreiche Fehler auf. Das von BILD entwickelte KI-System griff genau an dieser Stelle ein. Longo beschreibt den Prozess: Wir haben diese OCR-Daten genommen und ein KI-System entwickelt, das diese Daten bereinigt. Viel ist da in Schreibschrift geschrieben, von Stempeln verdeckt. Es gab viele Fehler. Die moderne KI hat es geschafft, die Daten besser nutzbar zu machen.

Wer eine Akte aufruft, öffnet zudem automatisch einen KI-Chat, der mit den Dokumenteninformationen vertraut ist. Longo erläutert dazu: Der KI-Chat kann die Akte dann historisch einordnen, so dass man zum Beispiel weiß, was es bedeutet, wenn ein Familienmitglied am 20. April, dem Geburtstag von Adolf Hitler, beigetreten ist. Auch Abkürzungen und Symbole werden erklärt; so steht ein Eisernes Kreuz beim Feld „Ausgetreten“ für die Angabe „Gefallen im Krieg“.

Einordnung von Professor Jürgen W. Falter zur wissenschaftlichen Tragweite

Professor Jürgen W. Falter, 82 Jahre alt von der Universität Mainz und Verfasser eines der wichtigsten Standardwerke über die NSDAP, bewertet den technologischen Wandel als fundamental für die Geschichtswissenschaft. Früher mussten Karteikarten wie im Jahr 2004 in Berlin-Lichterfelde händisch durchsucht werden, was spezielle Genehmigungen und Anträge erforderte.

KI ermöglicht es, riesige Datensätze, wie sie die NSDAP-Mitgliederkartei mit ihren über zwölf Millionen Karteikarten darstellt, in ihrer Gesamtheit zu analysieren. Bisher waren nur Stichproben möglich.

Falter verweist zudem auf den enormen Zeitgewinn bei Forschungsarbeiten. Während sein eigenes Projekt über die NSDAP-Mitglieder insgesamt acht Jahre in Anspruch nahm und mehrere wissenschaftliche Mitarbeiter sowie Hilfskräfte beschäftigte, lassen sich vergleichbare Untersuchungen heute in wenigen Monaten oder mithilfe einer gut trainierten KI sogar in wenigen Wochen bewältigen. Dies beschleunige die Gewinnung neuer Erkenntnisse enorm und demokratisiere den Umgang mit den Daten, da auch kenntnisreiche Laien und andere Forscher Veröffentlichungen leichter überprüfen können.

Teilen Facebook X WhatsApp E-Mail
Clara Vogt

Über den Autor

Clara Vogt verantwortet das Ressort Technik und Wissenschaft. Sie schreibt ueber KI, Digitalisierung, Forschung und Innovation und uebersetzt komplexe Entwicklungen in klaren, belastbaren Journalismus.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.