Zum Inhalt springen
Welt

Netanjahu fordert Identifizierung der Informanten aus dem Film Naza

Der Film, der den Einsatz von KI-Systemen und den Umgang mit zivilen Kollateralschäden thematisiert, löste in Israel eine heftige Debatte über Militärgeheimnisse und die Grenzen öffentlicher Kritik aus.

Netanjahus Forderung nach Identifizierung der Informanten

Der Vorwurf des Regierungschefs wiegt schwer: Er spricht von einem Verrat an Militärgeheimnissen und fordert die strafrechtliche Verfolgung potenzieller Straftaten. Die Forderung zielt direkt auf die anonymen Quellen ab, deren Aussagen die Grundlage des Films bilden. Der Ministerpräsident wirft den Beteiligten dabei nicht nur die Gefährdung der Informationssicherheit vor, sondern auch eine Schädigung der diplomatischen und sicherheitspolitischen Interessen des Staates Israel.

Die israelische Armee weist die Darstellungen des Films unterdessen zurück. Ein Sprecher betonte, dass die im Film erhobenen Vorwürfe nicht unabhängig überprüft werden könnten, da keine konkreten Einheiten oder Dienstgrade genannt würden. Auch hochrangige Politiker wie der ehemalige Generalstabschef Gadi Eisenkot und der Abgeordnete Avigdor Lieberman haben sich gegen das Werk positioniert und kritisieren, dass den Soldaten, die das Land verteidigen, auf internationaler Bühne ein moralischer Makel angehängt werde.

Netanjahu fordert Identifizierung der Informanten aus dem Film Naza
Foto: n-tv.de

Vorwürfe im Dokumentarfilm über Kollateralschäden

Der von den israelischen Filmemachern Yuval Abraham und Rachel Szor inszenierte Film „Naza“ – ein Akronym für den hebräischen Begriff „Nezek Agavi“, was Kollateralschaden bedeutet – wurde bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. Über drei Jahre hinweg interviewten die Regisseure 24 Angehörige oder ehemalige Angehörige der Armee und Geheimdienste, darunter 23 Männer und eine Frau. Die Gespräche fanden laut Berichten nachts auf Dächern in Tel Aviv statt, wobei die Identitäten der Beteiligten durch Stimmverfremdung und visuelle Unkenntlichmachung geschützt wurden.””

Die anonymen Zeugen berichten von einem System, in dem KI-gestützte Berechnungen des Militärgeheimdienstes potenziell zivile Opfer im Voraus beziffern. Die Zahlen sollen dabei laut den Interviewten von 5 bis zu 500 Menschen pro Angriff reichen. Ein ehemaliger Militärangehöriger beschreibt im Film, wie Mitglieder einer Angriffszelle wussten, dass eine große Zahl an Zivilisten zu Schaden kommen könnte, die Berechnungen jedoch auf 250 bis 300 Personen lauteten. Andere Gesprächspartner berichten davon, dass der Wunsch, so viel wie möglich zu zerstören, bevor die internationale Legitimität verloren gehe, eine treibende Kraft hinter den Bombardierungswellen gewesen sei.

Hintergrund und Entstehung des Werks

Der Dokumentarfilm basiert auf Enthüllungen, die zwischen 2023 und 2025 unter anderem im israelisch-palästinensischen Online-Portal „+972 Magazine“, der Webseite „Local Call“ sowie der britischen Tageszeitung „The Guardian“ veröffentlicht wurden. „The Guardian“ fungierte zudem als Koproduzent des Films. Die Regisseure Abraham und Szor sind in der Branche keine Unbekannten; sie waren bereits Co-Regisseure des oscarprämierten Dokumentarfilms „No Other Land“ aus dem Jahr 2024. Die Produktion von „Nazawurde zudem durch Jonathan Glazer unterstützt, der als ausführender Produzent fungierte.”””””

Reaktionen in Israel und internationale Resonanz

Die Veröffentlichung des Films hat in Israel eine Welle der Empörung ausgelöst. Teile der Regierung und der Bevölkerung betrachten das Werk als Rufmord. Eine solche Maßnahme wäre jedoch von einer gesetzlichen Grundlage abhängig, die derzeit nicht existiert.

Netanjahu fordert Identifizierung der Informanten aus dem Film Naza
Foto: Jüdische Allgemeine

Innerhalb der israelischen Gesellschaft zeigt sich eine tiefe Spaltung. Während Kritiker die Anonymisierung der Soldaten als methodische Schwäche werten und die Seriosität der Vorwürfe bezweifeln, formierte sich auch Solidarität. Für Abraham und Szor, die selbst aus Israel stammen, hat die öffentliche Debatte ein bedrohliches Ausmaß angenommen, wobei ein Wandbild mit ihren Gesichtern in Aschdod zeitweise mit dem Wort „Verräter“ beschmiert wurde, bevor es später in „Heldenumgewandelt wurde.”

Die Regisseure haben angekündigt, den Dokumentarfilm ab November kostenlos online zur Verfügung zu stellen, um einem weltweiten Publikum die Möglichkeit zu geben, sich ein eigenes Bild von den Aussagen zu machen. Ob die Generalstaatsanwaltschaft den Forderungen Netanjahus nachkommt und förmliche Ermittlungen gegen die anonymen Beteiligten einleitet, bleibt vorerst offen. Der Film selbst wird in Israel nach aktuellem Stand nicht offiziell gezeigt, bleibt jedoch Gegenstand einer hitzigen Debatte über militärische Transparenz und die Verantwortung der „Volksarmeein einer Zeit des Krieges, der durch das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 ausgelöst wurde.

Teilen Facebook X WhatsApp E-Mail
Anna Richter

Über den Autor

Anna Richter leitet das Weltressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet ueber internationale Politik, Diplomatie und geopolitische Entwicklungen mit Fokus auf Kontext, Verlaesslichkeit und Relevanz fuer deutschsprachige Leser.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.