Am Dienstag starteten die Hilfsorganisation Nachbar in Not und der ORF einen erneuten Spendenaufruf, während intensivierte russische Luftangriffe auf die Energie- und Zivilinfrastruktur im fünften ukrainischen Kriegswinter eine humanitäre Krise auslösen.
Luftalarm in Kyjiw
Im September stand die ukrainische Hauptstadt Kyjiw nach Angaben von Klaus Gestwa, Direktor des Instituts für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde an der Universität Tübingen, etwa ein Drittel des gesamten Monats unter Luftalarm. Rund 6.700 Flugobjekte wurden im September auf ukrainisches Gebiet abgefeuert.
Die ukrainischen Streitkräfte fingen davon laut dem Verteidigungsministerium rund 4.700 ab. Die Angriffe treffen gezielt Kraftwerke, Wärmekraftwerke und die Telekommunikation. Am 27. September wurde die Zentrale von Kyivstar getroffen, wodurch rund 100.000 Haushalte in der Region von Störungen betroffen waren. Auch Bildungseinrichtungen und Krankenhäuser gerieten wiederholt unter Beschuss, darunter ein Kindergarten am 17. September im Bezirk Dniprovskyi und das Entbindungskrankenhaus Nr. 2 am 24. September.

Dennoch ergaben Daten des Kiewer internationalen Instituts für Soziologie (KIIS), dass mehr als 70 Prozent der Einwohner bereit sind, den Krieg so lange wie nötig zu ertragen. Berichte von Greenpeace-Aktivistin Polina Kolodiazhna aus Kyjiw belegen, dass Angriffe auf die Infrastruktur zu Notabschaltungen und zeitweiligem Ausfall von Wasser und Strom in der Hauptstadt führen.
Russische Drohnen greifen mittlerweile Tag und statt, ebenso wie Raketen. Polina Kolodiazhna beschrieb den Zustand der Stadt, in der die Einwohner morgens aufwachen und sehen, wie Rauch die Nachbarschaft von Bränden in Kyjiw und der umliegenden Region verdunkelt, während der Alltag von ständiger Angst und unzähligen Nächten in Schutzkellern oder U-Bahn-Stationen geprägt ist, die sich gegen 22 Uhr in große Bettenlager verwandeln.
Nothilfe für die Bevölkerung und Debatte in Baden-Württemberg
Seit Februar 2022 konnten die beteiligten Organisationen mehr als 3,2 Millionen Menschen erreichen. Die Hilfsorganisationen Caritas, Rotes Kreuz, Arbeiter-Samariter-Bund, CARE, Diakonie, Hilfswerk, Malteser und Volkshilfe leisten vor Ort gezielte Winter- und Nothilfe.
Michael Opriesnig, Vorstandsvorsitzender von Nachbar in Not und Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes, beschrieb die Situation der Zivilbevölkerung angesichts drohender Temperaturen von bis zu minus 20 Grad. Die Teams helfen vor Ort mit Wärmestellen, Notunterkünften und mobiler medizinischer Versorgung, während Andreas Knapp, Vorstand von Nachbar in Not und Caritas-Auslandshilfechef, ergänzte, dass Kinder mit Luftalarmen und ständiger Angst aufwachsen, Familien unzählige Nächte in Schutzkellern verbringen und ältere Menschen vielfach ganz auf sich allein gestellt sind.

Alexis von Komorowski, Hauptgeschäftsführer des Landkreistags Baden-Württemberg, rechnet wegen der Angriffe auf die Energieversorgung mit steigenden Aufnahmegesuchen in den kommenden Monaten. Zum Stichtag 30. September hielten sich nach Angaben des Ausländerzentralregisters 193.680 ukrainische Staatsangehörige in Baden-Württemberg auf, davon 110.962 Personen mit einer Aufenthaltserlaubnis nach der Massenzustromrichtlinie, wie der SWR berichtete.
Alles spricht dafür, dass der Ukraine tatsächlich ein Horror-Winter bevorsteht – ein Winter, der wahrscheinlich die letzten Winter deutlich übertreffen wird
Klaus Gestwa, Professor und Direktor des Instituts für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde an der Universität Tübingen