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Welt

Myanmar: Junta rekrutiert Soldaten durch Zwang und Handel

Junge Männer in Myanmar leben seit Monaten in ständiger Angst vor willkürlichen Straßensperren, nächtlichen Entführungen und einem grausamen Rekrutierungssystem. Da die Junta verzweifelt nach Soldaten für den anhaltenden Bürgerkrieg sucht, hat sich ein lukrativer Schwarzmarkt entwickelt, auf dem ärmere Bürger gezielt an das Militär verkauft werden.

Die militärische Führung des südostasiatischen Landes greift angesichts massiver Personalverluste im Konflikt mit bewaffneten Widerstandsgruppen, pro-demokratischen Gruppierungen und ethnischen Milizen zu drastischen Mitteln. Ein drei Jahre nach dem Militärputsch im Jahr 2021 erlassenes Pflichtgesetz verlangt von allen Männern im Alter zwischen 18 und 35 Jahren sowie von Frauen zwischen 18 und 27 Jahren einen mindestens zweijährigen Militärdienst unter militärischem Kommando. Doch in der Praxis läuft die Durchsetzung längst über reguläre Musterungen hinaus.

Analysten und Menschenrechtsorganisationen schätzen, dass die Junta in etwa zweieinhalb Jahren rund 100.000 Wehrpflichtige beschafft hat, viele davon durch Zwangsmaßnahmen wie Erpressung und Verschleppung. Ein Großteil dieser Rekrutierungen erfolgt jedoch nicht durch offizielle Einberufungen, sondern durch Nötigung, Erpressung und direkte Abholung von der Straße, wie verschiedene Medienberichte dokumentieren. Internationale Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch haben weitreichende Muster von ziviler Entführung und erzwungener Rekrutierung dokumentiert.

Angst an Straßensperren und in den Straßen von Hpa-An

Besonders in Hpa-An, der Hauptstadt des Karen-Staates, wagt sich nach Einbruch der Dunkelheit kaum noch ein junger Mensch nach draußen. Die Angst vor willkürlichen Festnahmen lähmt das tägliche Leben. Viele Jugendliche verbarrikadieren sich zu Hause, meiden öffentliche Verkehrswege oder fliehen in Nachbarländer oder zu entfernten Verwandten, um dem Zugriff der Sicherheitskräfte zu entgehen.

Myanmar: Junta rekrutiert Soldaten durch Zwang und Handel
Foto: Bangladesh Post

Dabei ist das Entkommen oft schwierig. Lokale Beobachter wie Naung Yoe berichten, dass die Sicherheitskräfte skrupellos vorgehen. Wegen der steigenden Nachfrage und des schrumpfenden Nachschubs haben Sicherheitskräfte demnach begonnen, Jugendliche an Straßensperren festzunehmen, Arbeiter auf dem Weg zur Arbeit zu verfolgen und zu überfallen, über gefälschte Jobinserate Fallen zu stellen und gewaltsam in Privatwohnungen einzudringen.

„Ich bin extrem besorgt, aber ich muss zur Arbeit raus. Meine Familie ruft wiederholt an, um mich zu warnen. Ich muss die ganze Zeit wachsam bleiben.“

Zaw Min, Tuk-Tuk-Fahrer aus Hpa-An, via Bangladesh Post

Der illegale Handel mit Menschen und das System der Freikkäufe

Um die Quoten zu erfüllen, hat sich ein korruptes und illegales System etabliert. So sind Fälle dokumentiert, in denen Personen in ein Ward-Büro gebracht und von dort aus unter mutmaßlichem Geldfluss an Rekrutierungszentren überstellt wurden.

Dies führt zu einer extremen Ungleichbehandlung. Während wohlhabendere Familien in der Lage sind, beträchtliche Summen zu zahlen, um ihre Söhne vor dem Kriegsdienst zu bewahren oder einen Ersatzmann zu finanzieren, trifft die Pflicht vor allem die ärmsten Bevölkerungsschichten. Diese können sich weder Schutz noch Bestechungen leisten und sind den Übergriffen schutzlos ausgeliefert.

Das Schicksal von Phyo Wai und die Verstrickung lokaler Behörden

Wie das System im Detail funktioniert, zeigt ein dokumentierter Fall aus Yangon. Auf der Suche nach ihm wandte sie sich an einen Verwandten, der in einer lokalen Verwaltungsbehörde arbeitete.

Er befand sich in einem Rekrutierungszentrum auf der anderen Seite der Stadt. Man drängte ihn dazu, Dokumente unter dem Vorwand zu unterschreiben, man wolle ihm lediglich helfen.

Wenn mein Mann durch ein normales und rechtmäßiges militärisches Rekrutierungsverfahren ausgewählt worden wäre, hätte ich das vielleicht akzeptieren können. Aber ich kann nicht akzeptieren, dass unser eigenes Bezirksverwaltungsbüro ihn an einen anderen Bezirk verkauft hat.

Die militärischen Behörden verweigerten jeglichen Kommentar zu den Anschuldigungen bezüglich erzwungener Aushebungen und Verhaftungen.

Soziale Medien als Seismograph einer humanitären Krise

Dass sich die Situation seit dem Militärputsch im Februar 2021 drastisch verschärft hat, belegen auch digitale Datenanalysen. Die Organisation Myanmar Witness untersuchte Hunderte von Suchanzeigen nach vermissten Personen auf Social-Media-Plattformen und stellte dabei einen drastischen Anstieg fest: Die monatlichen Meldungen kletterten von lediglich vier im Januar 2021 auf 82 Fälle im Jahr 2025.

Die Forscher schlossen daraus, dass ein erheblicher Teil der Einberufungen über verdeckte Verhaftungen, Entführungen und das spurlose Verschwinden der Betroffenen abgewickelt wird, oft gänzlich ohne Benachrichtigung der Familien. Internationale Organisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch prangern dieses Vorgehen seit langem an.

Die ständige Furcht vor dem Zugriff treibt Tausende in die Flucht. Viele verlassen ihre Heimat, um sich dem bewaffneten Widerstand anzuschließen, während andere ins Ausland flüchten, um nicht im Bürgerkrieg auf ihre eigenen Landsleute schießen zu müssen.

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Anna Richter

Über den Autor

Anna Richter leitet das Weltressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet ueber internationale Politik, Diplomatie und geopolitische Entwicklungen mit Fokus auf Kontext, Verlaesslichkeit und Relevanz fuer deutschsprachige Leser.

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