Die steirische Landesregierung hat am 28. Mai 2026 einen Grundsatzbeschluss zur Elektrifizierung und Modernisierung der Murtalbahn gefasst. Das Projekt sieht eine Fahrzeitverkürzung zwischen Unzmarkt und Murau sowie die gemeinsame Beschaffung neuer Schmalspurfahrzeuge vor. Voraussetzung für die Umsetzung ist eine Mitfinanzierung durch den Bund und das Land Salzburg.
Die Entscheidung markiert einen Wendepunkt für die Infrastruktur im Bezirk Murau, ist jedoch an strikte finanzielle und zeitliche Bedingungen geknüpft. Während die politische Zustimmung breit ist, offenbart ein Blick auf den Zeitplan und die Logistik eine gewaltige Herausforderung: Die Murtalbahn soll nicht nur technisch auf den neuesten Stand gebracht, sondern in ein überregionales Beschaffungsmodell integriert werden, um überhaupt marktfähige Angebote zu erhalten.
Strategische Sammelbestellung für neue Schmalspurfahrzeuge
cluster (priority): Kronen Zeitung
Ein zentrales Problem der Murtalbahn ist ihre technische Nische. Mit einer Spurweite von 760 Millimetern gehört sie zu einem System, für das es in Europa kaum noch einen isolierten Markt für Neu- oder Gebrauchtfahrzeuge gibt. Laut einer offiziellen Mitteilung der Kommunikation des Landes Steiermark erreichen die aktuellen Fahrzeuge trotz Grundsanierungen Mitte der 2030er-Jahre das Ende ihrer technischen Lebensdauer.
Um dieses Marktproblem zu lösen, verfolgt die Landesregierung eine Strategie der Bündelung. Die Betreiber der Murtalbahn haben sich mit der Zillertalbahn und der Pinzgauer Lokalbahn zusammengeschlossen. Ziel dieser Kooperation ist eine gemeinsame Ausschreibung von insgesamt 17 neuen elektrischen Schmalspurfahrzeugen, wovon fünf für die Steiermark vorgesehen sind.
Verkehrslandesrätin Claudia Holzer (FPÖ) erläuterte, dass dieses höhere Abrufvolumen notwendig sei, um den Stückpreis zu senken und Synergieeffekte zu generieren. Der aktuelle Verkehrsdienstevertrag mit der Steiermarkbahn und Bus GmbH (StB) läuft zwar noch bis 2030, soll aber darüber hinaus fortgeführt werden.
Finanzielle Hürden und der steirische Eigenanteil
cluster (priority): steiermark.ORF.at
Der Grundsatzbeschluss ist rechtlich gesehen eine Basis für weitere Verhandlungen, kein fertiger Finanzierungsplan. Der steirische Anteil an den Kosten beläuft sich auf 169 Millionen Euro. Diese Summe umfasst nicht nur die Beschaffung der neuen Triebfahrzeuge, sondern auch die Elektrifizierung der gesamten Strecke sowie die notwendige Adaptierung der Werkstätten.
Wie ORF Steiermark berichtet, ist die Zustimmung des Landes Steiermark zur Finanzierung an eine Bedingung geknüpft: Bund und Land Salzburg müssen ebenfalls zusagen, ihre Anteile innerhalb der etablierten Finanzierungsregelungen zu übernehmen.
In Salzburg wurde die Entscheidung aus Steiermark positiv aufgenommen. Die dortige ÖVP betonte die Bereitschaft zu konstruktiven Gesprächen, um alle Partner rasch an einen Tisch zu bringen. Ohne diese Zusagen bleibt die Elektrifizierung der Infrastruktur – und damit auch die gemeinsame Fahrzeugbestellung – blockiert.
Zeitgewinn auf der Strecke und der lange Horizont
Murtalbahn, Steiermark
Für die Pendler und den Tourismus im Bezirk Murau verspricht das Projekt eine spürbare Effizienzsteigerung. Ein wesentlicher Teil der Attraktivierung ist die Verkürzung der Fahrzeit zwischen Unzmarkt und Murau. Die aktuelle Fahrtzeit von 36 Minuten soll auf 24 Minuten reduziert werden.
Trotz dieses konkreten Nutzens sorgt der zeitliche Rahmen für Stirnrunzeln. Landeshauptmann-Stellvertreterin Manuela Khom nennt für die Umsetzung den Zeitraum von 2032 bis 2063. Diese enorme Zeitspanne führt zu einer paradoxen Situation: Während die technische Notwendigkeit (das Ende der Lebensdauer der Züge Mitte der 2030er) drängt, erstreckt sich die vollständige Fertigstellung über fast vier Jahrzehnte.
Politische Reaktionen zwischen Hoffnung und Skepsis
cluster (priority): news.google.com
Die politische Reaktion im Land spiegelt die Ambivalenz zwischen dem Wunsch nach Modernisierung und der Angst vor einem ewigen Projekt wider. Während die SPÖ unter Max Lercher die Bedeutung der Bahn als Rückgrat der Region betont, fordern andere Parteien mehr Verbindlichkeit.
„Im Jahr 2063 wäre ich 99 Jahre alt, ich hoffe also, dass ich die Fertigstellung noch erlebe“
Thomas Kalcher, Bürgermeister von Murau (ÖVP), via Kleine Zeitung
Kalcher begrüßte den Beschluss zwar als Antwort auf langjährige Forderungen, gab jedoch mit einem Augenzwinkern zu bedenken, dass die Umsetzung bis 2063 kaum realistisch in die Lebensplanung eines Politikers passt.
Ähnliche Vorbehalte äußerte Lambert Schönleitner von den Grünen. Er warnte davor, dass das Projekt erneut „auf halbem Weg stecken bleibt“, und forderte einen verbindlichen Zeit- und Finanzierungsplan. Er bezeichnete die Chance, die Bahn von einem „lahmen Murdackels“ zu einem „flotten Windhund“ zu machen, als essenziell. Auch Robert Reif von den Neos forderte rasche Klarheit über die konkrete Umsetzung.
Landesrätin Simone Schmiedtbauer betonte hingegen die strategische Bedeutung: Starke Infrastruktur im ländlichen Raum sei ein notwendiger wirtschaftlicher Impuls für die Region, von dem insbesondere der Tourismus profitiere.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Verhandlungen mit dem Bund und Salzburg die nötige Dynamik entwickeln. Sollten die Finanzierungszusagen ausbleiben, droht die Murtalbahn trotz des Grundsatzbeschlusses in einer technischen Sackgasse zu verharren, während die bestehenden Fahrzeuge langsam ausgedient haben.
Jonas Becker verantwortet das Nachrichtenressort von Germanic Nachrichten. Sein Fokus liegt auf schneller, praeziser und sauber verifizierter Berichterstattung zu Politik, Gesellschaft und aktuellen Entwicklungen in Deutschland.
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