Die Republikaner von Minnesota hielten am vergangenen Samstag während ihres jährlichen Parteitags in Duluth eine zehnsekündige Schweigeminute für Derek Chauvin ab. Der ehemalige Polizist wurde wegen des Mordes an George Floyd verurteilt. Die Geste löste scharfe Kritik von Generalstaatsanwalt Keith Ellison aus, der den Akt als grausam gegenüber der Familie Floyd bezeichnete.
Es ist eine Symbolik, die weit über eine bloße Geste des Gedenkens hinausgeht. Dass eine staatliche Parteiorganisation einen Mann ehrt, dessen Name weltweit zum Synonym für Polizeigewalt und rassistische Tötungen wurde, markiert einen Wendepunkt in der politischen Kommunikation der Republikaner in Minnesota. Der Zeitpunkt könnte kaum provokanter gewählt sein: Die Schweigeminute fand nur wenige Tage nach dem sechsten Jahrestag des Todes von George Floyd statt, der am 25. Mai 2020 unter dem Knie von Chauvin starb.
Der Ablauf in Duluth: Gebete und politische Provokation
Die Chronologie des Parteitags offenbart eine bewusste Inszenierung. Laut einem Bericht von MS NOW begann der Tag um 9 Uhr morgens mit einem Gebet von Pater Richard Kunst aus Duluth.

Pater Richard Kunst, via MS NOW
Unmittelbar nach dem Pledge of Allegiance – dem Treueschwur an die Flagge – folgte die Forderung eines Delegierten, Chauvin zu würdigen. State Rep. Danny Nadeau aus Rogers leitete daraufhin nach einer informellen Abstimmung die zehnsekündige Stille. Dieser abrupte Übergang von religiösen Werten und patriotischem Pflichtbewusstsein zur Ehrung eines verurteilten Mörders verdeutlicht die aktuelle interne Dynamik der Partei, in der die Grenze zwischen „Law and Order“ und der Unterstützung eines rechtskräftig verurteilten Gesetzeshüters verschwimmt.
Keith Ellisons Reaktion: Ein Vorwurf der Grausamkeit
Die Reaktion der Gegenseite ließ nicht lange auf sich warten. Keith Ellison, der demokratische Generalstaatsanwalt, der gleichzeitig der leitende Staatsanwalt im Fall Chauvin war, reagierte mit einer scharfen Stellungnahme. Wie The Guardian berichtet, bezeichnete Ellison die Geste als ein Akt tiefster Grausamkeit
gegenüber der Familie Floyd.

Keith Ellison, Generalstaatsanwalt von Minnesota, via The Guardian
Ellison argumentierte nicht nur auf emotionaler, sondern auch auf professioneller Ebene. Er betonte, dass die Ehrung eines Mannes, der seinen Eid gebrochen habe, die gesamte Strafverfolgungsbehörde diskreditiere.
Es ist verstörend, einen Mann zu ehren, der seinen Eid auf die Einhaltung des Gesetzes und sein Abzeichen geschändet hat. Und es ist respektlos, einen Mann zu ehren, der den Ruf der tapferen Männer und Frauen geschädigt hat, die unsere Gemeinden Tag und Nacht schützen.Keith Ellison, Generalstaatsanwalt von Minnesota, via The Guardian
Diese Argumentation ist strategisch wichtig: Ellison positioniert die Republikaner nicht nur als empathielos gegenüber den Opfern, sondern als Feinde der Integrität der Polizei.
Die rechtliche Lage und die Rolle der „Cause Célébre“
Während die politische Bühne in Duluth Chauvin als Opfer darstellt, ist die juristische Realität unerbittlich. Chauvin wurde 2021 zu einer Haftstrafe von 22,5 Jahren wegen Mordes zweiten Grades verurteilt. Ein weiteres Urteil aus dem Jahr 2022 fügte 21 Jahre hinzu, da er die Bürgerrechte von Floyd verletzt hatte. Seine rechtlichen Optionen sind nahezu erschöpft; laut The Guardian wies der Oberste Gerichtshof der USA bereits 2023 eine Berufung gegen seine Verurteilung ab.
Trotz dieser Fakten hat sich Chauvin in bestimmten rechten Kreisen zu einer Art Symbolfigur entwickelt. Einflussreiche konservative Stimmen wie Ben Shapiro haben behauptet, Floyd sei nicht erstickt, sondern an einer Vorerkrankung gestorben. Diese Narrative werden durch prominente Unterstützer wie Elon Musk verstärkt, der Forderungen nach einer Begnadigung durch Trump unterstützte. Analysten weisen jedoch darauf hin, dass eine präsidiale Begnadigung Chauvin nicht unmittelbar befreien würde, sondern lediglich einen Transfer in eine staatliche Einrichtung bedeuten könnte.
Die physische Situation von Chauvin ist ebenfalls volatil. Nachdem er in einem Gefängnis in Arizona überlebt hatte, in dem er erstochen wurde, wurde er im August 2024 in eine Einrichtung mit geringerer Sicherheitsstufe in Texas verlegt.
Die Radikalisierung der Minnesota GOP
Die Schweigeminute steht nicht isoliert da, sondern ist Teil eines breiteren Trends innerhalb der staatlichen GOP-Sektion. Kritiker sehen darin eine bewusste Strategie, die Partei weiter nach rechts zu rücken. MS NOW verweist in diesem Zusammenhang auf die Förderung von Figuren wie Royce White, der die Unterstützung der Partei für seinen Senatslauf 2024 erhielt, im allgemeinen Wahlkampf jedoch eine deutliche Niederlage erlitt.

Die Entscheidung, einen verurteilten Mörder während eines Parteitags zu ehren, signalisiert eine neue Phase der politischen Identität: Es geht nicht mehr nur um die Verteidigung der Polizei im Allgemeinen, sondern um die explizite Unterstützung eines Individuums, das durch ein Gericht als Mörder eingestuft wurde. Damit bricht die Partei mit der traditionellen konservativen Rhetorik von „Recht und Ordnung“ und ersetzt sie durch eine Loyalität gegenüber ideologischen Symbolfiguren.
Was bleibt, ist eine tiefe gesellschaftliche Spaltung in Minnesota. Während die eine Seite in der Schweigeminute einen Akt des Widerstands gegen eine vermeintlich einseitige Justiz sieht, betrachtet die andere Seite – angeführt von Ellison – dies als einen Angriff auf die Rechtsstaatlichkeit und die Würde der Opfer. In den nächsten Wochen wird zu beobachten sein, ob diese Richtung innerhalb der Partei konsolidiert wird oder ob die Gegenreaktion aus der Mitte der Wählerschaft die GOP in Minnesota weiter isoliert.