Ein Messerangriff in Winterthur am vergangenen Donnerstag hat die politische Debatte in der Schweiz massiv verschärft. Der Vorfall rückt die Frage nach der Kontrolle von radikalisierten Doppelbürgern und die bevorstehende Abstimmung über die 10-Millionen-Initiative der SVP am 14. Juni in den Fokus der nationalen Sicherheitspolitik.
Die Kantonspolizei Zürich bestätigte, dass der Tatort unmittelbar nach dem Vorfall weiträumig abgesperrt wurde, um Spuren zu sichern und den Bereich für die Forensik vorzubereiten. Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) hat eine Untersuchung eingeleitet, um festzustellen, ob der mutmassliche Täter über digitale Kommunikationswege Kontakt zu extremistischen Gruppierungen unterhalten hat oder ob er bereits zuvor in den Fokus der staatlichen Überwachung stand. Bisher konzentrieren sich die Ermittler auf eine mögliche Einzeltäter-Radikalisierung, wobei die Analyse des digitalen Fußabdrucks des Täters noch andauert.
Politische Erschütterung vor der Volksabstimmung
Der [Messerangriff in Winterthur] hat die ohnehin angespannte Stimmung vor der nächsten eidgenössischen Abstimmung weiter aufgeheizt. Während die Junge SVP unmittelbar nach dem Anschlag die Notwendigkeit einer strikteren Zuwanderungskontrolle betonte, warnt die politische Opposition vor einer emotional getriebenen Entscheidung der Stimmbürger.
In der Zürcher Kantonsregierung wächst der Druck auf die Bundesbehörden. Mitglieder des Kantonsrates forderten eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen der lokalen Polizei und den Bundesstellen zur Prävention von Extremismus. Die Junge SVP kündigte zudem an, die Debatte über die Sicherheitspolitik im Vorfeld der Abstimmung durch gezielte Kampagnen zu intensivieren, um die nationale Stabilität als zentrales Thema zu positionieren.
Nils Fiechter, der Präsident der Jungen SVP, bezeichnete die Initiative als den entscheidenden Schritt, um die Schweiz wieder in die Lage zu versetzen, Missstände effektiv zu bekämpfen und die nationale Stabilität zu wahren. Thomas Aeschi, Fraktionschef der SVP, forderte zudem eine deutlich schärfere Selektion bei der Einwanderung und der Vergabe des Bürgerrechts.
Der Fall zeigt, dass wir genau hinschauen müssen, welche Leute wir in die Schweiz lassen und wem wir dann später auch das Bürgerrecht verleihen.Thomas Aeschi, SVP-Fraktionschef
Die SP-Co-Chefin Mattea Meyer, die selbst in Winterthur lebt, sieht die Behörden nun in der Pflicht. Sie ist überzeugt, dass die Untersuchungen klären müssen, ob die islamistisch-terroristische Tat hätte verhindert werden können und welche Massnahmen zur Bekämpfung des extremistischen Terrorismus künftig notwendig sind.
Die rechtlichen Hürden beim Entzug des Passes
In der direkten Folge des Anschlags steht nun die Frage im Raum, wie radikalisierte Personen langfristig aus dem Land entfernt werden können. Der Zürcher Sicherheitsdirektor Mario Fehr forderte das [Staatssekretariat für Migration] dazu auf, dem mutmasslichen Täter – einem türkisch-schweizerischen Doppelbürger – die Staatsbürgerschaft zu entziehen, um eine Ausweisung in die Türkei zu ermöglichen. Fehr kritisierte dabei offen, dass die Behörden in Bern in solchen Fällen zu zögerlich agierten.
Doch der Entzug des Schweizer Bürgerrechts ist ein juristisches Schwergewicht mit extrem hohen Hürden. Ein solcher Schritt ist nur bei Doppelbürgern möglich, um die Entstehung von Staatenlosigkeit zu verhindern, und er setzt eine rechtskräftige Verurteilung voraus.

- Zehn eingeleitete Verfahren zum Entzug des Bürgerrechts in den letzten zehn Jahren
- Sieben verfügte Entzüge, die alle terroristische Akte betrafen
- Nur drei rechtskräftige Entscheide
Das Staatssekretariat für Migration (SEM) wies darauf hin, dass ein solcher Entzug unter Artikel 69 des Bürgerrechtsgesetzes erfolgt. Die rechtliche Prüfung durch das SEM kann im Falle eines Widerspruchs vor das Bundesverwaltungsgericht und abschliessend vor das Bundesgericht gezogen werden. Das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) betonte in einer Stellungnahme, dass die Abwägung zwischen der nationalen Sicherheit und dem völkerrechtlichen Verbot der Staatenlosigkeit der zentrale rechtliche Konfliktpunkt bei solchen Verfahren bleibt. Zudem prüft das EJPD derzeit die Kapazitäten, um die Verfahren bei Terrorverdacht beschleunigen zu können, ohne die rechtsstaatlichen Standards der Grundrechte zu untergraben.
Die rechtliche Aufarbeitung kann Jahre dauern. In einem Fall wurde ein Entscheid erst nach fünf Jahren zwischen Verhaftung und definitivem Entzug rechtskräftig, nachdem das Verfahren bis vor das Bundesgericht gezogen wurde.
Sicherheitsrisiken durch die 10-Millionen-Initiative
Die politische Debatte dreht sich nun verstärkt um die [10-Millionen-Initiative], über die die Schweiz am 14. Juni abstimmt. Während die SVP die Vorlage als Garant für Sicherheit sieht, befürchten Gegner einen massiven Rückschlag für die nationale Sicherheit. Susanne Vincenz-Stauffacher, Co-Präsidentin der FDP, warnte davor, dass eine Annahme der Initiative die innere Sicherheit schwächen könnte.
Umso schlimmer ist es, wenn sich jemand aus den Emotionen heraus für die Initiative entscheidet.Susanne Vincenz-Stauffacher, FDP-Co-Präsidentin
Das Kernproblem der Initiative liegt in den rechtlichen Konsequenzen bei Erreichen der besagten Bevölkerungszahl: Die Schweiz müsste die bilateralen Verträge kündigen. Dies würde bedeuten, dass das Land nicht mehr am Schengen- und Dublin-System teilnimmt. Für Vincenz-Stauffacher ist dies ein Szenario, das den Wegfall von Personenkontrollen an den Grenzen und eine Schwächung der internationalen Zusammenarbeit bei der Kriminalitätsbekämpfung zur Folge hätte. Die FDP und die Mitte weisen zudem darauf hin, dass die Kündigung der bilateralen Verträge die Grundlage für die aktuelle Sicherheitskooperation in Europa zerstören würde.
Zudem warnten Wirtschaftsverbände wie economiesuisse vor den Folgen für die laufenden Verhandlungen zu den „Bilateralen III“. Ein Austritt aus dem Schengen-Raum würde die Einführung von Grenzkontrollen für den Warenverkehr zwingend machen, was die Logistikkosten für Schweizer Unternehmen laut Branchenanalysen massiv steigern würde. Die Handelskammer betonte, dass die politische Unsicherheit die Planungssicherheit für grenzüberschreitende Lieferketten bereits jetzt beeinträchtigt.