Marine Le Pen eröffnete ihren Präsidentschaftswahlkampf auf dem Parteitag des Rassemblement National in Orléans, während Jordan Bardella erneut zum Parteichef gewählt wurde und Umfragen die Rechtspopulistin vor den Präsidentschaftswahlen vorn sehen.
Unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen hat Marine Le Pen auf dem Parteitag des Rassemblement National (RN) in Orléans offiziell ihren Wahlkampf für die kommende Präsidentenwahl begonnen. Die traditionsreiche Stadt an der Loire, in der Jeanne d’Arc im Jahr 1429 die Briten vertrieb, verkörpere die Wiedergeburt Frankreichs, wie Le Pen vor den Delegierten und ihren rund 8500 beziehungsweise 10 000 erwarteten Anhängern betonte. Die Präfektur mobilisierte 3000 Sicherheits- und Rettungskräfte, um das Kongresszentrum CO’Met Arena und die umliegenden Strassen zu sichern.
In ihrer grossen Rede beschwor Le Pen die französische Lebensart und erklärte, in Frankreich lebe man wie die Franzosen. Keine fremde Autorität, auch keine europäische, werde darüber stehen. Sie kündigte an, das Prinzip der nationalen Gemeinschaft in der Verfassung festschreiben zu wollen, und betonte mit Blick auf die atomare Abschreckung Frankreichs, dass jegliche Konzession dieses Instruments der Souveränität für sie ein Verrat sei. Sie wolle nicht in Kriege ziehen, die nicht die ihren sind, und betonte zudem das Festhalten an der atomaren Abschreckung.
Jordan Bardella als RN-Parteichef im Amt bestätigt
Bereits am Samstag wurde Jordan Bardella mit knapp 99 Prozent der Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von nahe 68 Prozent als Vorsitzender des Rassemblement National wiedergewählt. Die Mitglieder hatten online abgestimmt für den 31-Jährige, der der einzige Kandidat für den Posten war, den er seit 2022 offiziell innehat, nachdem er 2021 zunächst übergangsweise die Führung übernommen hatte. Vor den Delegierten stellte Bardella eine harte Ordnungspolitik in Aussicht und betonte, Polizisten und Gendarme seien die wichtigsten Schutzschilde der Gesellschaft. Er forderte die Absenkung der Strafmündigkeit auf 16 Jahre, die Schaffung zusätzlicher Plätze in den Gefängnissen und kündigte an, dass die Regierung, der er vorstehen werde, alle Mittel nutzen werde, um Ordnung herzustellen.

Die Regierung, der ich vorstehen werde, wird alle Mittel nutzen, um Ordnung herzustellen.
Jordan Bardella, Parteichef des Rassemblement National
Die Veranstaltung wurde von Protesten begleitet, wobei es während der Rede von Bardella zu Unruhen im Publikum kam, zu denen sich der französische Verband jüdischer Studierender auf der Plattform X bekannte.
Gegendemonstrationen und massive Polizeipräsenz prägen das Wochenende
Rund 50 politische Parteien, Gewerkschaften und Verbände hatten zu Gegenkundgebungen gegen den Parteitag aufgerufen. Am Tag vor dem Zusammentreffen zogen zwischen 10 000 und 26 000 Menschen durch die Straßen von Orléans, um gegen den RN-Kongress zu protestieren; die Behörden bezifferten die Teilnehmerzahl um die Mittagszeit auf circa 11 000 Personen. Am Nachmittag kam es zudem zu einer kleineren, nicht genehmigten Demonstration von etwa 100 politischen Gegnern. Gleichzeitig protestierten in Orléans rund 13 000 Menschen gegen den Parteitag der Rechtsnationalen. Der Bürgermeister von Saint-Denis, Bally Bagayoko von der Linksaussenpartei La France insoumise (LFI), brachte das Geschehen in Zusammenhang mit dem faschistischen Diskurs der Rechten. Landesweit waren schliesslich zahlreiche Polizisten im Einsatz, nachdem am vergangenen Wochenende 30 000 Ordnungskräfte im Einsatz gewesen waren.
Aktuelle Umfragen und der Zeitplan bis zum Urnengang im April 2027
Aktuelle Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Ifop sehen Marine Le Pen im ersten Wahlgang mit Werten von 34 bis 38 Prozent klar auf dem ersten Platz SRF. Im Vergleich zu früheren Erhebungen verbesserte sie sich um ein bis zwei Prozentpunkte, während sonstige Kandidaten wie Jean-Luc Mélenchon als Chef der französischen Linkspartei, Raphaël Glucksmann als Sozialdemokrat, der Mitte-Politiker Édouard Philippe, Gabriel Attal von der liberalen Partei Renaissance und die Grünen-Politikerin Marine Tondelier mit deutlichem Abstand hinter Le Pen platziert sind. Für den zweiten Wahlgang sieht die Ifop-Umfrage Le Pen unabhängig vom Herausforderer in sämtlichen Szenarien vorn. Präsident Emmanuel Macron kann nicht mehr antreten. Die Umfrage wurde im Auftrag der Sender LCI und Sud Radio sowie der Zeitung «Le Figaro» durchgeführt. Der erste Wahlgang der französischen Präsidentenwahl findet am 18. April 2027 statt.

Die 58-jährige Marine Le Pen wird bei der Präsidentschaftswahl im Frühjahr 2027 zum vierten Mal für die Rechtspopulisten antreten. Gegen ein früheres Urteil hatte sie Revision eingelegt, weshalb es vorläufig nicht vollstreckt wird und derzeit einen Wahlkampf ohne Fußfessel ermöglicht; der Kassationsgerichtshof will nach Berichten noch vor dem ersten Wahlgang im April eine Entscheidung verkünden.
Weiterlesen