Krähen treffen visuelle Entscheidungen in durchschnittlich 235 Millisekunden. Damit verarbeiten sie optische Reize rund doppelt so schnell wie Menschen oder Affen, wie eine in der Fachzeitschrift Science veröffentlichte Untersuchung zeigt.
Experiment am Touchscreen mit Iggy und Lemmy
Für die am 22. Oktober 2026 veröffentlichte Studie untersuchten die Neurobiologen Philipp Schmidbauer und Andreas Nieder vom Institut für Neurobiologie der Universität Tübingen zwei männliche Rabenvögel der Art Corvus corone (Rabenkrähen). Die Tiere wurden darauf trainiert, auf einem berührungsempfindlichen Monitor eine Wolke aus Punkten zu beobachten und die Bewegungsrichtung zu bestimmen. Einige Punkte bewegten sich gezielt nach links oder rechts, während andere als Ablenkung zufällig umherirrten.

Die beiden Krähen namens Iggy und Lemmy absolvierten die Aufgabe nach Angaben der Forschenden in Tausenden von Durchläufen, nachdem sie in über 100 Sitzungen auf diesen Test vorbereitet worden waren, bevor die eigentlichen Daten aufgezeichnet wurden. Bei klaren Signalen erreichten die Vögel eine Trefferquote von nahezu 100 Prozent. Selbst wenn die Bewegungsmuster schwer zu erkennen waren, waren die Entscheidungen der Krähen immer noch besser als zufällige Auswahlen
, erklärte Schmidbauer in einer Mitteilung, die unter anderem von Yahoo und der Smithsonian Magazine dokumentiert wurde.
Blick in die neuronale Aktivität im Gehirn von Krähen
Um die biologischen Ursachen für diese Geschwindigkeit zu ermitteln, implantierten die Forschende Elektroden in die Gehirne der Tiere. Sie überwachten die Aktivität von 248 einzelnen Neuronen im sogenannten Nidopallium caudolaterale (NCL). Dieses Areal übernimmt im Vogelgehirn eine ähnliche Funktion wie der präfrontale Cortex bei Primaten, wo höhere Denkprozesse und Entscheidungen gesteuert werden.

Die Messungen ergaben, dass die Nervenzellen bereits 70 Millisekunden nach dem Erscheinen der Punkte auf dem Bildschirm erste Richtungsunterschiede verzeichneten. Die neuronale Aktivität stieg danach schrittweise an, bis sie eine Reizschwelle erreichte, die mit einer endgültigen Entscheidung verknüpft war. Nach rund 235 Millisekunden pickten die Krähen schließlich auf den entsprechenden Zielkreis, um einen Mehlwurm als Belohnung zu erhalten. In vergleichbaren Tests benötigen Primaten laut früheren Daten rund 410 bis 600 Millisekunden, Menschen 450 bis 820 Millisekunden.
Einordnung durch die Forschende
Vögel besitzen im Gegensatz zu Säugetieren keinen geschichteten Neocortex. Die neuen Daten verdeutlichen jedoch, dass das Gehirn der Tiere über eine andere Struktur dennoch zu vergleichbaren Berechnungen fähig ist. Diese Ergebnisse zeigen, dass die neuronale Dynamik im Gehirn der Vögel mit etablierten Entscheidungsmodellen bei Menschen und nicht-menschlichen Primaten übereinstimmt
, fasste Andreas Nieder von der Universität Tübingen zusammen, wie SciTechDaily berichtete. Zudem betonte Nieder, dass ein Gehirn keinen Säugetier-Neocortex benötigt, um anspruchsvolle Berechnungen auszuführen. Die Forscher analysierten die Ergebnisse im Rahmen einer Arbeit, die am 22. Oktober 2026 in der Fachzeitschrift Science unter der DOI 10.1126/science.aed6459 erschienen ist. Die Aufzeichnungen belegten zudem, dass die Wissenschaftler durch die Elektrodenmessungen die spätere Entscheidung der Tiere bereits 70 Millisekunden nach dem Erscheinen der Punkte und damit rund 170 Millisekunden vor dem eigentlichen Picken vorhersagen konnten. An dem Projekt waren neben den Autoren der Universität Tübingen auch Tiere beteiligt, die in zahlreichen Tests ihre bemerkenswerte Reaktionsfähigkeit unter Beweis stellten. Zu den Experten, die die Ergebnisse unabhängig einordneten, gehört auch Aaron Blaisdell, ein Neurowissenschaftler an der University of California in Los Angeles, der selbst nicht an der Untersuchung beteiligt war. In diesem Zusammenhang wies Blaisdell darauf hin, dass noch unklar ist, wie weit verbreitet diese hohe Geschwindigkeit bei anderen Vogelarten ist. Damit stellt sich für die Fachwelt die Frage, ob es sich um eine generelle Eigenschaft aller Vögel oder um eine spezifische Anpassung bei Rabenvögeln handelt. Die Tiere mussten bei ihren schnellen Entscheidungen visuelle Reize verarbeiten, während sie gleichzeitig Bewegungen im Raum kontrollierten und nach Nahrung suchten. Für die Auswertung der Daten analysierte das Team auch die anatomischen Besonderheiten der Tiere, bei denen Nervenfasern durch kompakte Strukturen besonders kurze Wege zurücklegen. Diese dichte Packung von Nervenzellen im Pallium, dem funktionellen Äquivalent zum Säugetier-Vorderhirn, ermöglicht enorme Verarbeitungsleistungen auf kleinem Raum. Bereits in früheren Jahren hatten Studien gezeigt, dass Krähen über komplexe kognitive Fähigkeiten verfügen, wie etwa das laute Zählen in einer Spanne von eins bis vier. Die neue Arbeit ergänzt diese Befunde nun um die Erkenntnis, dass die Evolution neben intelligenten Gehirnen offenbar auch extrem schnelle Schaltkreise hervorgebracht hat.

Nach Ansicht der Autoren könnte die enorme Verarbeitungsgeschwindigkeit eine evolutionäre Anpassung an die Anforderungen des Fluges, schneller Schnabelbewegungen und der Raubtierabwehr sein, bei denen präzise visuelle Reaktionen in kürzester Zeit über das Überleben entscheiden.