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Technik und Wissenschaft

Klimawandel bricht natürlichen Rhythmus von Eisschild vorzeitig ab

Der menschengemachte Klimawandel hat laut einer im Fachjournal „Science“ veröffentlichten Studie den natürlichen Rhythmus des Laurentidischen Eisschildes in Nordamerika überlagert. Steigende Treibhausgas-Emissionen und Sommertemperaturen führten seit etwa 1960 zu einem Rückgang der verbliebenen Barnes-Eiskappe auf der Baffininsel.

Jahrtausendelang folgte der riesige Eispanzer Nordamerikas einem natürlichen Rhythmus, den Forscher nun durch Treibhausgase aus dem Gleichgewicht gebracht sehen. Auf dem Höhepunkt der vorigen Eiszeit vor etwa 20.000 Jahren bedeckte der Laurentidische Eisschild fast ein Drittel von Nordamerika, einschließlich des größten Teils des heutigen Kanadas. Nach diesem historischen Maximum schrumpfte der Eispanzer und erreichte sein Minimum vor etwa 3.600 Jahren, wie ein überwiegend US-amerikanisches Forschungsteam berichtet.

Analyse der Barnes-Eiskappe auf der Baffininsel

Um die historische Entwicklung des Eisschildes zu rekonstruieren, untersuchte die Forschungsgruppe Gestein rund um die Barnes Ice Cap im Nordosten von Kanada. Diese rund 6.000 Quadratkilometer große Eiskappe bildet den letzten verbliebenen Rest des einst mächtigen Eispanzers. Anhand von Felsen ermittelte das Team mithilfe des seltenen Beryllium-Isotops 10, wann sich das Eis zurückzog, da dieses bei Exposition zu kosmischer Strahlung zerfällt. Zusätzlich gab das Kohlenstoff-Isotop 14 Aufschluss darüber, zu welchen Zeiten die Vegetation erneut vom Eis bedeckt wurde.

Die Auswertungen zeigen, dass der Eisschild vor rund 2.000 Jahren wieder zu wachsen begann und diese Phase bis etwa zum Jahr 1960 anhielt. Der um 1960 einsetzende Rückgang machte die Netto-Eisausdehnung der letzten rund 2.000 Jahre zunichte. Seit 1960 hat sich der Rand der Eiskappe bis zum Jahr 2022 um etwa 200 bis 800 Meter zurückgezogen. Verantwortlich dafür sind laut der Untersuchung vor allem deutlich gestiegene Sommertemperaturen, die direkt auf menschliche Treibhausgas-Emissionen zurückgehen.

Mensch als neuer geologischer Akteur im Erdsystem

Die Untersuchung verdeutlicht laut Shaun Marcott von der University of Wisconsin in Madison, wie rasch Gletscher auf veränderte Sommertemperaturen reagieren. Marcott betonte in einem „Science“-Kommentar, dass die Arbeit einen entscheidenden Richtwert dafür liefere, wie Eisschilde auf klimatische Veränderungen reagieren.

Der Mensch ist inzwischen zu einem geologischen Akteur geworden, der in der Lage ist, über Jahrmillionen ablaufende natürliche Gletscherzyklen zu durchkreuzen und das Erdklima für die kommenden Hunderttausende von Jahren aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Shaun Marcott, University of Wisconsin in Madison

Das Ausbleiben künftiger Gletscherzyklen wird nach Einschätzung des Experten spürbare Konsequenzen für andere biologische und physikalische Erdsysteme haben, die sich gemeinsam mit den Eiszeiten entwickelt haben. Auch das Forschungsteam um Nicolás Young vom Lamont-Doherty Earth Observatory der Columbia University in Palisades im US-Bundesstaat New York warnt vor den Folgen. Angesichts weiter steigender atmosphärischer CO2-Konzentrationen halten die Forscher eine Rückkehr zu glazialen Bedingungen für äußerst unwahrscheinlich.

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Clara Vogt

Über den Autor

Clara Vogt verantwortet das Ressort Technik und Wissenschaft. Sie schreibt ueber KI, Digitalisierung, Forschung und Innovation und uebersetzt komplexe Entwicklungen in klaren, belastbaren Journalismus.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.