Gerade bei sehr leistungsstarken Frauen erleben wir häufig eine auffällige Diskrepanz zwischen objektiver Leistung und subjektiver Selbstwahrnehmung,
erklärt die Fachärztin für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin Petra Beschoner. Das Impostor-Phänomen setzt vielen Frauen im Berufsleben zu, obwohl sie hervorragende Leistungen erbringen und oft die Erwartungen übertreffen.
Der ständige Spagat zwischen Kompetenz und Erwartung
Betroffene Personen leisten oft außergewöhnliches, übertreffen berufliche Vorgaben und werden befördert.
Dennoch stellen sie sich regelmäßig die Frage, ob sie wirklich gut genug sind. Erfolge führen sie meist auf den Zufall zurück, während sie jede Form von Kritik besonders ernst nehmen und überproportional gewichten. Irgendwann fliege ohnehin auf, dass sie gar nicht so kompetent sind, lautet die Befürchtung. Männer und Frauen gleichermaßen erleben dieses psychologische Phänomen. Für Frauen, insbesondere in Führungspositionen, handelt es sich dabei jedoch selten um ein reines Einzelschicksal. Tradierte Rollenbilder, fehlende Vorbilder und strukturelle Hürden verstärken die Zweifel.

Petra Beschoner, Ärztliche Direktorin der Akutklinik Bad Saulgau, beschreibt die tägliche Gratwanderung von Karrierefrauen treffend: Frauen in Führungspositionen bewegen sich täglich im Spagat, fachlich kompetent und selbstbewusst aufzutreten, ohne arrogant zu wirken, und Durchsetzungsstärke zu zeigen, ohne als unnahbar wahrgenommen zu werden.
Gute Ergebnisse werten die Betroffenen als reines Glück ab. Gleichzeitig führt das Ausbleiben von innerer Anerkennung dazu, dass Kritik umgehend auf persönliche Defizite geschoben wird.
Kreislauf aus Überforderung und Wege aus der Krise
Um die empfundene Unsicherheit auszugleichen, greifen viele Betroffene zu extremen Maßnahmen. Sie bereiten Aufgaben intensiv vor, kontrollieren Arbeitsergebnisse mehrfach und stellen sehr hohe Ansprüche an sich selbst. Außenstehende bewundern diesen Ehrgeiz und die Verlässlichkeit, doch für die Betroffenen bedeutet es enormen Kraftaufwand. Zusätzliche Aufgaben und verantwortungsvolle Positionen honorieren diesen Einsatz oft, was den Druck weiter erhöht, fehlerfrei zu funktionieren. Dieser Kreislauf aus ständiger Anspannung und Selbstkritik mündet häufig in Schlafproblemen, Erschöpfung oder Ängsten und steigert das Risiko für Depressionen.
Drei konkrete Ratschläge sollen gegensteuern. Erstens hilft ein gesundes Selbstbild, bei dem persönliche Belastungsgrenzen ebenso wahrgenommen werden wie eigene Stärken. Zweitens gehört dazu das Setzen klarer Grenzen: Ein bewusstes Nein ist kein Zeichen von Schwäche, sondern professionelles Verhalten. Drittens sollten sich Betroffene ihren Erfolg vor Augen führen. Nicht jede Frau muss noch besser werden,
betont Beschoner. Viele müssen zunächst erkennen, dass sie bereits gut genug sind.
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