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Unterhaltung

ICH WOLLTE EINFACH SELBST ZUM KLAVIER GEHEN UND SCHAUEN, WAS DA KOMMT“ – LIA PALE IM MICA-INTERVIEW – mica

Die Sängerin Lia Pale hat mit ihrem neuen Album „Woman & I“ den Schritt von der Interpretin zur Urheberin vollzogen. In einem Interview mit MICA erläutert sie den künstlerischen Bruch mit ihrer bisherigen Zusammenarbeit mit Matthias Rüegg und die bewusste Abkehr von klassischen Kunstliedern hin zu Jazz- und Pop-Ansätzen.

Die Ablösung der klassischen Meister

Lange Zeit definierte sich Lia Pale über die Stimmen anderer. In ihren ersten Veröffentlichungen widmete sie sich den Werken von Franz Schubert, Johannes Brahms und Robert Schumann. Diese Phase war geprägt von einer tiefen Auseinandersetzung mit dem Kunstlied, wobei insbesondere „Die Winterreise“ einen maßgeblichen Einfluss auf ihre Entwicklung hatte.

Das Interpretieren ist für Pale ein besonderer Akt des Eintauchens in Geschichten und Melodien, die oft über 150 Jahre alt sind. Doch diese Rolle brachte eine inhärente Begrenzung mit sich. In der Welt des Kunstliedes waren die Plätze der Urheber bereits besetzt. Pale agierte als Medium für Genies der Vergangenheit, was ihr zwar eine technische und emotionale Basis verschaffte, sie aber gleichzeitig in einer künstlerischen Hierarchie festhielt.

Dieser Zustand führte zu einem Gefühl des Festgefahrenseins. Die Erwartungen an die Interpretation klassischer Werke lassen wenig Raum für eine eigene, zeitgenössische Erzählweise.

Vom Interpreten zum Urheber: Der Prozess hinter „Woman & I“

Der Übergang zur eigenen Komposition war kein plötzlicher Impuls, sondern das Ergebnis einer jahrzehntelangen parallelen Entwicklung. Während Pale öffentlich als Interpretin auftrat, schrieb sie im Privaten kontinuierlich weiter. Das Ergebnis dieser Arbeit sind 55 Lieder, die über einen Zeitraum von 10 Jahren entstanden sind.

Mit dem Album „Woman & I“ bricht sie nun aus diesem Muster aus. Musikalisch bewegt sie sich weg von der strengen Form des Kunstliedes hin zu feinen Arrangements, die Jazz-Elemente mit Pop-Ansätzen kombinieren.

„Ich wollte einfach selbst zum Klavier gehen und schauen, was da kommt.“
Lia Pale, Sängerin und Komponistin

Dieser Wunsch nach Autonomie erforderte eine physische und mentale Distanzierung. Pale beschreibt, dass sie Wien ein Stück weit verlassen musste, um den notwendigen Freiraum für ihre eigenen Geschichten zu finden. Dieser Prozess gleicht für sie einer Art Alchemie, bei der die Veränderung der Musik zwangsläufig zu einer Veränderung der eigenen Person führt.

Das Ende der Zusammenarbeit mit Matthias Rüegg

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Ein zentraler Aspekt dieses Neuanfangs ist das Ende der intensiven Zusammenarbeit mit Matthias Rüegg. Rüegg fungierte in der bisherigen Phase als künstlerischer Leiter. Unter seiner Führung war die Vision klar definiert und die Rollenverteilung präzise: Er gab die Richtung vor, Pale setzte sie stimmlich um.

Obwohl Pale diese Zeit nicht negativ bewertet, war die Struktur letztlich zu eng für ihr wachsendes Bedürfnis nach eigener gestalterischer Freiheit. Die Hierarchie, in der sie sich zwischen den größten Liedkomponisten der Geschichte und einem starken künstlerischen Leiter befand, ließ keinen Platz für die Frage, was sie selbst als Künstlerin sagen und geben möchte.

Die Erkenntnis, dass die Kunstlied-Phase beendet ist, war für beide Seiten klar. Pale betont, dass Neuanfänge zwingend Enden voraussetzen. Das bewusste Abschließen dieser Ära war die notwendige Bedingung, um die eigene Stimme jenseits vorgegebener Rollen zu finden.

Die Bedeutung des künstlerischen Bruchs

Die Bedeutung des künstlerischen Bruchs
cluster (priority): fda.gov

Die Entwicklung von Lia Pale ist symptomatisch für einen klassischen Konflikt in der Musikwelt: das Spannungsfeld zwischen technischer Perfektion in der Interpretation und der Suche nach einer authentischen eigenen Identität. Wer zu lange in den Schatten von Giganten wie Schubert steht, läuft Gefahr, die eigene Sprache zu verlieren.

Indem Pale den Schutzraum der Interpretation verlässt, begibt sie sich in eine vulnerablere Position. Sie ist nicht mehr die Vermittlerin einer bewährten Meisterschaft, sondern die verantwortliche Urheberin ihrer eigenen Erzählungen. Die Wahl von Jazz und Pop als Genre-Rahmen unterstreicht diesen Wunsch nach Modernität und emotionaler Unmittelbarkeit.

Die Erwähnung von Amsterdam und dem Porgy & Bess im Kontext der Albumentstehung deutet darauf hin, dass internationale Einflüsse und spezifische Spielorte den Reifeprozess von „Woman & I“ maßgeblich mitgeprägt haben. Es ist die Transformation einer Künstlerin, die gelernt hat, die Disziplin des Klassischen zu nutzen, um die Freiheit des Eigenen zu erkunden.

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Sophie Krueger

Über den Autor

Sophie Krueger leitet das Unterhaltungsressort von Germanic Nachrichten. Ihr Schwerpunkt liegt auf Film, Streaming, Popkultur und prominenten Entwicklungen mit redaktioneller Einordnung und sauberer Quellenlage.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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