Zum Inhalt springen
Technik und Wissenschaft

HMRC investiert 175 Mio. Pfund in KI von Quantexa gegen Steuerbetrug und Fehler

Die britische Steuerbehörde HM Revenue and Customs (HMRC) hat am 14. Mai 2026 einen zehnjährigen Vertrag im Wert von 175 Millionen Pfund mit dem Technologieunternehmen Quantexa bekannt gegeben. Die KI-gestützte Software soll Betrugsfälle schneller identifizieren, unbeabsichtigte Fehler in Steuererklärungen korrigieren und die Effizienz des Kundenservice verbessern, um die steigende öffentliche Unzufriedenheit zu senken.

Die Entscheidung der HM Revenue and Customs (HMRC), massiv in künstliche Intelligenz zu investieren, ist eine Reaktion auf systemische Ineffizienzen und einen wachsenden Druck aus der Bevölkerung. Mit der Partnerschaft mit Quantexa setzt die britische Steuer-, Zahlungs- und Zollbehörde auf eine Technologie, die darauf ausgelegt ist, interne Daten der Behörde mit externen Quellen zu verknüpfen. Ziel ist es, Muster zu erkennen, die für menschliche Prüfer allein kaum sichtbar wären.

Automatisierte Betrugserkennung und Fehlerkorrektur

Im Kern des neuen Systems steht die Fähigkeit, versteckte Netzwerke von Unternehmen und Einzelpersonen aufzuspüren, die versuchen, betrügerische Aktivitäten zu verschleiern. Die Technologie von Quantexa soll es der HMRC ermöglichen, diese Strukturen schneller zu identifizieren und entsprechende Maßnahmen einzuleiten. Neben der aktiven Betrugsbekämpfung adressiert das Projekt auch administrative Schwachstellen: Die Software soll dabei helfen, legitime Zahlungen an die HMRC zuzuordnen, die unter einer falschen Referenznummer eingegangen sind.

Ein weiterer Fokus liegt auf der Reduzierung von Fehlern in Steuererklärungen. Die KI soll unbeabsichtigte Fehler schneller erkennen und korrigieren, was potenziell die Anzahl der langwierigen manuellen Prüfverfahren reduziert. Durch die Unterstützung des Kundenservice-Personals soll zudem die Bearbeitungsgeschwindigkeit erhöht werden, um die Antwortzeiten gegenüber den Steuerzahlern zu verkürzen.

Das Problem der algorithmischen Transparenz

Die Implementierung von KI in staatlichen Behörden bringt erhebliche Risiken hinsichtlich der Rechtssicherheit und Transparenz mit sich. Wenn Algorithmen über steuerliche Verpflichtungen oder Betrugsverdacht entscheiden, stellt sich die Frage nach der Nachvollziehbarkeit dieser Entscheidungen. Quantexa betont daher, dass die Technologie nicht als autonomer Entscheidungsträger fungiert, sondern als Unterstützungssystem.

Das Problem der algorithmischen Transparenz
Millionen Pfund

In government environments, AI cannot operate as a black box.

Vishal Marria, Gründer und CEO von Quantexa

Das bedeutet, dass automatisierte Entscheidungen über Steuerzahler weiterhin einer menschlichen Überprüfung unterliegen müssen. Laut Vishal Marria ist die Technologie darauf ausgelegt, die menschliche Entscheidungsfindung zu unterstützen und nicht zu ersetzen. Damit versucht die HMRC, dem Vorwurf der Blackbox-KI entgegenzuwirken, bei der Ergebnisse ohne erkennbare Logik geliefert werden, was insbesondere in rechtlich bindenden Steuerverfahren unzulässig wäre.

Steigender Druck durch öffentliche Unzufriedenheit

Der Hintergrund für die Investition von 175 Millionen Pfund ist eine messbare Verschlechterung der Wahrnehmung der HMRC-Leistung. Regierungszahlen belegen, dass die Unzufriedenheit der Öffentlichkeit in den letzten Jahren zugenommen hat. Ein konkreter Beleg hierfür ist eine Anfrage nach dem Freedom of Information Act, die von der Interessengruppe Contentious Tax Group gestellt wurde.

Die Ergebnisse dieser Anfrage zeigen einen deutlichen Anstieg der Beschwerden: Im Zeitraum 2024-2025 gingen mehr als 93.000 Beschwerden über die Behörde ein. Zum Vergleich: Im Zeitraum 2020-2021 waren es etwas mehr als 70.000. Einer der Hauptkritikpunkte der Steuerzahler sind dabei die schlechten Antwortzeiten der Behörde. Die Einführung der KI-Systeme soll diese Engpässe beseitigen, indem Routineaufgaben automatisiert und das Personal effizienter eingesetzt wird.

Datensicherheit und die Rolle von Quantexa

Die Zusammenarbeit mit einem privaten Technologieunternehmen bei der Verarbeitung hochsensibler Steuerdaten wirft Fragen zum Datenschutz auf. Quantexa, ein in Großbritannien ansässiges Unternehmen mit einer Bewertung von 2,6 Milliarden Dollar (1,9 Milliarden Pfund), hat bereits namhafte Firmen wie HSBC und Vodafone als Kunden. Um Sicherheitsbedenken auszuräumen, versichert das Unternehmen, dass die Datenhoheit vollständig bei der Behörde bleibt.

Vishal Marria, Gründer und CEO von Quantexa

Die technische Umsetzung sieht vor, dass die Daten innerhalb der gesicherten Umgebung der HMRC verbleiben und nicht auf externe Server von Quantexa übertragen werden. Zudem sollen die Mitarbeiter, die für die HMRC tätig sind, strikt vom restlichen Geschäftsbetrieb des Technologieunternehmens getrennt bleiben. Damit soll verhindert werden, dass Informationen aus dem staatlichen Sektor in kommerzielle Prozesse fließen.

Für die britische Regierung hat dieser Deal eine strategische Bedeutung, die über die reine Steuerverwaltung hinausgeht. Vishal Marria bezeichnete die Partnerschaft gegenüber City AM als blueprint for how the UK government deploys AI at scale. Sollte die Implementierung bei der HMRC erfolgreich sein, könnte dies als Modell für andere staatliche Institutionen dienen, die ebenfalls mit Personalmangel und ineffizienten Legacy-Systemen kämpfen.

Kritiker und Beobachter werden nun genau prüfen, ob die versprochene Transparenz in der Praxis eingehalten wird. Die Herausforderung besteht darin, die Effizienzgewinne der KI zu nutzen, ohne die Rechte der Steuerzahler durch undurchsichtige automatisierte Prozesse zu gefährden. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die Investition von 175 Millionen Pfund tatsächlich zu einer spürbaren Verbesserung der Antwortzeiten und einer faireren Betrugsbekämpfung führt.

Teilen Facebook X WhatsApp E-Mail
Clara Vogt

Über den Autor

Clara Vogt verantwortet das Ressort Technik und Wissenschaft. Sie schreibt ueber KI, Digitalisierung, Forschung und Innovation und uebersetzt komplexe Entwicklungen in klaren, belastbaren Journalismus.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.