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Welt

Harald Lesch kritisiert im Interview den Bau neuer Atomkraftwerke

In einem am 23. Oktober 2026 publizierten Gespräch mit der Schweizer Zeitung „Tages-Anzeiger“ übte der seit 1995 als Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München tätige Astrophysiker massive Kritik an der Atomenergie. Lesch bezeichnete die Technologie als komplett veraltet und erklärte, Kernkraftwerke würden im Grunde nur Wasser heiß machen. Mit Blick auf Klimaprojektionen, die in Zukunft einen strengeren Umgang mit dem knapper werdenden Gut Wasser verlangen, warf er europäischen Nachbarn wie Frankreich vor, notwendige Anpassungen zu vernachlässigen.

Harald Lesch und die scharfe Kritik an der Atomkraft

Der 66-Jährige argumentierte, dass selbst Staaten wie Frankreich, die im Sommer mehrere ihrer 57 Reaktoren wegen Wassermangels drosseln oder abschalten mussten, umdenken müssten. Lesch sagte dazu, dass niemand, der bei Verstand sei, heute noch Atomkraftwerke baue, es sei denn, Staaten würden sie für die Produktion von Plutonium für Atombomben benötigen.

Finnlands historische Endlager-Genehmigung im direkten Kontrast

Am selben Tag, an dem das Interview erschien, setzte Finnland ein völlig anderes Signal in der Energiepolitik. Als weltweit erstes Land erteilte der nordische Staat eine offizielle Betriebsgenehmigung für ein Endlager für abgebrannte Brennelemente. Finnland genehmigte ein Endlager für Brennelemente.

Während Deutschland die Kernenergie vor Jahren für unbherrschbar erklärte, demonstriert Finnland mit diesem Schritt einen gänzlich anderen praktischen Umgang mit den nuklearen Hinterlassenschaften der Stromerzeugung.

Internationale Reaktoren im weltweiten Vergleich

Ein Blick über die Grenzen Deutschlands hinaus zeigt eine erhebliche Diskrepanz zwischen der hiesigen Debatte und dem globalen Baugeschehen. Laut Daten der World Nuclear Association werden weltweit derzeit 79 Reaktoren mit einer Nettoleistung von knapp 79.000 Megawatt errichtet. China führt die Liste mit Dutzenden im Bau befindlichen Blöcken an und nahm allein im Laufe des Jahres 2026 fünf neue Reaktoren ans Netz.

Harald Lesch kritisiert im Interview den Bau neuer Atomkraftwerke
Foto: Tichyseinblick
Land / RegionAktuelle Entwicklung bei der Kernkraft
FinnlandErteilung der weltweit ersten Betriebsgenehmigung für das Endlager Onkalo
ChinaErrichtung von rund drei Dutzend Reaktoren; Inbetriebnahme von fünf neuen Blöcken im Jahr 2026
IndienBau von acht Reaktoren, darunter die im März gestarteten Blöcke Kaiga 5 und 6
Belgien und ItalienRücknahme des Atomaustiegs beziehungsweise energiepolitische Rückkehr zur Kernkraft
Vereinigte StaatenBetrieb von 94 Reaktoren, womit das Land weltweit die meisten Anlagen führt

Zwei unterschiedliche Ansichten zur Physik der Energieversorgung

Die Aussagen des Münchner Astrophysikers und die weltweiten Reaktionen spiegeln eine fundamentale Kontroverse wider. Während in Deutschland erneuerbare Energien, Speichertechnologien und Energiegenossenschaften wie das Projekt „Energiewende in Bürgerhände als maßgeblicher Weg propagiert werden – untermauert durch Beispiele wie die bürgerschaftlich stark ausgerichtete Gemeinde Wildpoldsried im Allgäu –, setzen zahlreiche andere Nationen weiterhin auf die Kombination aus erneuerbaren Quellen und konstanter Grundlast durch Kernkraft.

Harald Lesch kritisiert im Interview den Bau neuer Atomkraftwerke
Foto: WELT

Ob die von Lesch geforderte strikte Vermeidung wasserkühlen- und erhitzender Kraftwerkstechnologien angesichts des weltweiten Ausbaus von rund 79 neuen Reaktoren und der konkreten Planungen für etwa 120 weitere Einheiten international Gehör finden wird, bleibt offen. Klar ist jedoch, dass die europäische und internationale Debatte über die Zukunft der Energie- und Endlagerpolitik keineswegs an Schärfe verloren hat.

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Anna Richter

Über den Autor

Anna Richter leitet das Weltressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet ueber internationale Politik, Diplomatie und geopolitische Entwicklungen mit Fokus auf Kontext, Verlaesslichkeit und Relevanz fuer deutschsprachige Leser.

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