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Graz‘ Wahlkampf: EU-Verbot stoppt bezahlte Social-Media-Werbung

Graz wählt am 28. Juni einen neuen Gemeinderat, wobei der Wahlkampf durch ein EU-Verbot bezahlter politischer Werbung auf Meta-Plattformen massiv verändert wurde. Laut der Wiener Zeitung müssen Parteien nun rein über organische Reichweite und Interaktion punkten, wobei die Grünen und die KPÖ derzeit die höchste digitale Aufmerksamkeit erzielen.

Das Ende der bezahlten Reichweite auf Meta

Seit dem Herbst 2025 gelten in der Europäischen Union neue Regeln für die Transparenz und das Targeting politischer Werbung. Infolgedessen hat Meta entschieden, bezahlte politische Anzeigen auf Facebook und Instagram zu verbieten. Diese regulatorische Änderung hat die Art und Weise, wie politische Akteure in Graz versuchen, Wählergruppen zu erreichen, grundlegend transformiert.

Diese Entscheidung folgt einem breiteren europäischen Trend zur Erhöhung der Transparenz im digitalen Raum. Ziel ist es, die Manipulation durch gezieltes Micro-Targeting zu erschweren und sicherzustellen, dass politische Botschaften für eine breitere Öffentlichkeit nachvollziehbar bleiben. Der Wegfall der bezahlten Reichweite zwingt die Parteien zudem zu einer neuen Form der Content-Strategie. Da der Algorithmus nun primär auf Interaktionen reagiert, müssen politische Inhalte so gestaltet sein, dass sie eine organische Dynamik auslösen. Dies begünstigt Akteure, die eine starke emotionale oder inhaltliche Bindung zu ihrer Zielgruppe aufgebaut haben.

Früher war es Standard, in den entscheidenden Monaten vor einer Wahl gezielt Geld in die Reichweite zu investieren. Dieser Weg ist nun versperrt. Wer Aufmerksamkeit generieren möchte, muss sie sich stattdessen durch aktive Community-Arbeit und Inhalte verdienen, die Nutzer zum Teilen, Kommentieren oder Liken bewegen. Eine hohe Interaktion ist somit die einzige verbliebene Währung, um den Algorithmus zu füttern und organische Sichtbarkeit zu sichern.

Interaktions-Ranking: Die Grünen und die KPÖ führen

Interaktions-Ranking: Die Grünen und die KPÖ führen
Photo: MFG Österreich | Menschen • Freiheit • Grundrechte

Eine Auswertung des Marktforschungsinstituts BuzzValue zeigt die Auswirkungen dieser neuen Dynamik. Im Zeitraum vom 1. April bis zum 18. Juni wurden 39 Social-Media-Profile der Grazer Parteien und Spitzenkandidaten analysiert. Insgesamt veröffentlichten diese 1.637 Beiträge, die rund 344.300 Interaktionen – darunter Likes, Kommentare, Shares und Saves – hervorriefen.

Die digitalen Ergebnisse weichen von der traditionellen Dominanz der FPÖ auf nationaler Ebene ab. In Graz liegt die FPÖ bei den Interaktionen lediglich im Mittelfeld. Die Spitzenreiter im digitalen Raum sind die Grünen und die KPÖ:

  • Grüne: ca. 104.200 Interaktionen
  • KPÖ: ca. 92.100 Interaktionen
  • ÖVP: 42.400 Interaktionen
  • FPÖ: 17.900 Interaktionen
  • SPÖ: 17.800 Interaktionen

Die Daten von BuzzValue verdeutlichen, dass die Personalisierung der politischen Kommunikation ein entscheidender Erfolgsfaktor ist. Während traditionelle Parteistrukturen oft auf institutionelle Präsenz setzen, nutzen die führenden Akteure in Graz die Möglichkeit, durch persönliche Profile eine direkte und weniger formelle Verbindung zu den Wählern aufzubauen.

Besonders erfolgreich präsentieren sich die weiblichen Spitzenpolitikerinnen. Bürgermeisterin Elke Kahr (KPÖ) und Vizebürgermeisterin Judith Schwentner (Grüne) erzielen sowohl über ihre Parteikanäle als auch über ihre persönlichen Accounts hohe Reichweiten. Dies wird teilweise auf den Amtsbonus und eine kontinuierliche Präsenz über die gesamte Legislaturperiode zurückgeführt. Im Gegensatz dazu wird die Performance des FPÖ-Spitzenkandidaten René Apfelknab als relativ schwach eingestuft, mit lediglich 5.800 Interaktionen auf Facebook und Instagram kombiniert.

Historische Vergleichswerte der Gemeinderatswahl 2021

Historische Vergleichswerte der Gemeinderatswahl 2021
Photo: Kronen Zeitung

Um die aktuelle politische Lage in Graz einzuordnen, ist ein Blick auf die Ergebnisse der letzten Wahl im Jahr 2021 notwendig. Damals konnte die KPÖ einen massiven Zuwachs verzeichnen, während die ÖVP deutliche Verluste hinnehmen musste. Der Wandel in der Grazer Politik war 2021 bereits als tiefgreifender Umbruch erkennbar. Der Aufstieg der KPÖ und der gleichzeitige Verlust der ÖVP markierten das Ende der jahrzehntelangen Dominanz der traditionellen Volksparteien in der Stadt.

Laut vol.at ergab sich folgendes Bild der Stimmenanteile:

Partei Stimmenanteil 2021 Veränderung
KPÖ 28,8 % +8,5 Prozentpunkte
ÖVP 25,9 % -11,9 Prozentpunkte
Grüne 17,3 % +6,8 Prozentpunkte
FPÖ 10,6 % -5,3 Prozentpunkte
SPÖ 9,5 % -0,5 Prozentpunkte
NEOS 5,4 % +1,5 Prozentpunkte

Diese Verschiebungen spiegeln sich auch in der aktuellen Mandatsverteilung im Gemeinderat wider, in dem die KPÖ derzeit 15 Mandate hält, gefolgt von der ÖVP mit 13, den Grünen mit 9, der FPÖ mit 5, der SPÖ mit 4 und den NEOS mit 2 Mandataren. Diese Verteilung der Mandate bedeutet, dass keine Partei die absolute Mehrheit im Gemeinderat besitzt, was die Bildung von Koalitionen und die politische Zusammenarbeit in der kommenden Legislaturperiode zu einem zentralen Thema macht.

Die MFG als neuer Akteur im Grazer Gemeinderat

Neben den etablierten Kräften tritt dieses Jahr die MFG (Menschen, Freiheit, Grundrechte) erstmals bei der Gemeinderatswahl in Graz an. Die Partei positioniert sich als Alternative für Wähler, die sich von den bestehenden politischen Strukturen entfremdet fühlen. Die Präsenz der MFG unterstreicht die zunehmende Fragmentierung des Parteienspektrums. In einem Umfeld, in dem sich Teile der Bevölkerung von den etablierten Institutionen nicht mehr repräsentiert fühlen, bieten neue Akteure alternative politische Identitäten an, die das Potenzial haben, die traditionellen Machtverhältnisse weiter aufzubrechen.

Nach Angaben der MFG Österreich sind fast 50 % der Stimmberechtigten von den im Gemeinderat vertretenen Parteien enttäuscht und verweigern die Wahl. Die MFG kritisiert die bisherige Stadtpolitik scharf, insbesondere die Strategien der KPÖ. Während die KPÖ ihre Arbeit in den Bereichen Wohnen und Soziales betont, wirft die MFG der Partei vor, soziale Maßnahmen lediglich als „Almosenverteilung“ zu betreiben, was zulasten gebürtiger Grazer gehe.

Mit dem bevorstehenden Wahltag am 28. Juni steht fest, ob die digitale Strategie der Grünen und der KPÖ ausreicht, um den Trend der letzten Jahre fortzusetzen, oder ob die Unzufriedenheit der Wähler den Aufstieg neuer politischer Akteure begünstigen wird.

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Photo: VOL.AT
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Jonas Becker

Über den Autor

Jonas Becker verantwortet das Nachrichtenressort von Germanic Nachrichten. Sein Fokus liegt auf schneller, praeziser und sauber verifizierter Berichterstattung zu Politik, Gesellschaft und aktuellen Entwicklungen in Deutschland.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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