Ärzte und Forscher haben erstmals einen konkreten Adenovirus-Typ mit einer seltenen und gefährlichen Immunreaktion in Verbindung gebracht.
Impfstoffe und Gentherapien nutzen oft modifizierte Viren als Transportmittel. Neue medizinische Erkenntnisse aus einer im Fachjournal New England Journal of Medicine veröffentlichten Untersuchung zeigen nun, wie eine natürliche Infektion zu schweren Blutgerinnseln führen kann. Die Entdeckung hilft Medizinern, ähnliche Komplikationen besser einzuordnen.
Schwerer Verlauf nach gewöhnlichem Atemwegsinfekt in Innsbruck
Normalerweise verlaufen Infektionen mit Adenoviren harmlos und äussern sich in leichten Erkältungssymptomen. Rund jeder Mensch infiziert sich mindestens einmal im Leben mit diesen Erregern. Doch bei dem betroffenen Zwölfjährigen nahm die Erkrankung einen dramatischen Verlauf.
Nach einer gewöhnlichen Atemwegsinfektion entwickelten sich binnen einer Woche schwere Gerinnungsstörungen. Der Patient wurde an der Medizinischen Universität Innsbruck aufgenommen. Dort diagnostizierten die Ärzte eine tiefe Venenthrombose, eine Lungenembolie sowie eine drastisch reduzierte Zahl an Blutplättchen.
Wegen dieser ungewöhnlichen Kombination von Symptomen zog das Innsbrucker Team Spezialisten der Universitätsmedizin Greifswald hinzu. Die Greifswalder Arbeitsgruppe erforscht seit Jahren seltene Immunreaktionen, bei denen Gerinnsel und ein Mangel an Blutplättchen gleichzeitig auftreten.
Antikörper gegen den Plättchenfaktor 4 als Auslöser
Laboruntersuchungen brachten Licht in das medizinische Rätsel. Im Blut des Jungen wiesen die Mediziner Antikörper gegen den sogenannten Plättchenfaktor 4, kurz PF4, nach. Dieses Eiweiß befindet sich in den Blutplättchen und gerät bei einer fehlgeleiteten Immunantwort ins Visier des Körpers.
Durch diesen Prozess werden die Blutplättchen aktiviert, verklumpen und verursachen gefährliche Gerinnsel in den Gefäßen. Da dabei massenhaft Plättchen verbraucht werden, sinkt deren Anzahl im Blut drastisch. Die Mediziner behandelten den Jungen daraufhin gezielt; er erholte sich vollständig und ist laut Angaben der Universitätsmedizin Greifswald heute wieder beschwerdefrei.
Genetische Charakterisierung identifiziert HAdV-B3
Lange blieb unklar, welcher Erreger die fatale Kettenreaktion in Gang gesetzt hatte. Ein Abstrich brachte schließlich Gewissheit. Die Forscher entdeckten darin das humane Adenovirus Typ 3, abgekürzt HAdV-B3, welches in Innsbruck genetisch charakterisiert wurde.
Gemeinsam konnten wir das für diese seltene Immunreaktion verantwortliche Adenovirus identifizieren und erstmals mit der Entstehung der Blutgerinnsel in Verbindung bringen.
Linda Schönborn, Institut für Transfusionsmedizin der Universitätsmedizin Greifswald
Fachleute ordnen das Krankheitsbild als virusinduzierte Immunthrombozytopenie und Thrombose ein. Zunächst wirkt es paradox, dass gleichzeitig Blutgerinnsel entstehen und die Zahl der Plättchen abnimmt. Die fehlerhafte Immunreaktion erklärt jedoch beide Phänomene.
Bedeutung für Impfstoffe und Gentherapien
Die neuen Einblicke besitzen auch Relevanz für biotechnologische Anwendungen. Bestimmte Adenoviren dienen als Vektoren für Impfstoffe und Gentherapien, indem sie verändertes Erbgut in menschliche Zellen transportieren. Die Viren sind dabei so modifiziert, dass sie sich im Körper nicht mehr vermehren können.

Die Ergebnisse könnten dazu beitragen, die Sicherheit von Impfstoffen zu verbessern, da sie Einblicke in die Mechanismen liefern, durch die Viren Blutgerinnsel auslösen können.
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