Eva Menasse legt mit ihrem Roman «Alleinruhelage» ein nachdenkliches und gewitztes Werk über den Abschied von einem Ferienhaus in Ostdeutschland vor. Die Bestsellerautorin verknüpft in dem 2026 erschienenen Buch persönliche Lebensbilanzen mit scharfen Beobachtungen über das Ost-West-Gefälle nach der deutschen Wiedervereinigung.
Die wichtigen Dinge fallen einem oft beim Aufwachen ein. Aus diesem spontanen Einfall entstand ein assoziatives Erinnerungs- und Reflexionsbuch, das im Sommer 2026 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschien.
Abschied vom Ferienhaus im brandenburgischen Kiefernwald
Im Mittelpunkt der Handlung steht eine Ich-Erzählerin in der Mitte ihres Lebens – eine in Deutschland lebende Österreicherin, deren Ehe gescheitert ist, während die Kinder mittlerweile erwachsen sind. Der Entschluss steht fest, sich von dem lang geliebten Wochenenddomizil in Ostdeutschland zu trennen. Das Haus, das nach der Wende von der Erzählerin und ihrem damaligen Mann erworben wurde, besitzt so viel eigenen Charakter, dass es die Autorin das ganze Buch über in der Du-Form ansprechen lässt.
Die Ich-Erzählerin reflektiert, dass das Haus Zeuge von allem gewesen sei, ihrer Ehe etwa, dem Aufwachsen ihrer Kinder, dem Ende der Ehe sowie ihren Renovations- und Gartenarbeiten, stellt aber fest: «Aber nun verkaufe ich dich, diesmal wirklich.» Die Ich-Erzählerin, aus «Alleinruhelage»
Das Setting entstammt dem eigenen Erleben der Autorin. Vor gut 20 Jahren erwarb sie eine frühere Gaststätte in einer Wald- und Seenlandschaft in Vorpommern nahe der polnischen Grenze, um dem städtischen Trubel in Berlin zu entfliehen. Das als idyllisch geplante Wochenendhaus in titelgebender «Alleinruhelage» – einem österreichischen Begriff für absolute Abgeschiedenheit – entpuppte sich im Laufe der Jahre jedoch als Schauplatz kleiner und grosser Reibereien.
Kulturkampf in der Datschensiedlung und das Ost-West-Gefälle
Statt der erhofften vollkommenen Ruhe stiess die Familie auf ein von der DDR-Vergangenheit geprägtes Umfeld. In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich eine alte DDR-Bungalow-Siedlung, deren eng vernetzte Bewohner für reichlich Konfliktpotenzial sorgen. Die Erzählerin beschreibt das anfängliche und anhaltende Fremdeln zwischen den Zuzüglern und den Einheimischen.
Beide Seiten liessen sich von Vorurteilen leiten: «Sie hielten uns für reich und hochmütig, wir hielten sie für gemein und schadenfroh.» Während die West-Zuzüglicher oft mit praktischen Kenntnissen geizten, schmunzelten sie über Gartenzwerge und Keramikenten – obwohl sie selbst weiss-steinerne Nymphen zwischen die Kiefern hievten, wie die Erzählerin selbstkritisch anmerkt. Neben diesen alltäglichen Reibereien thematisiert das Buch auch politische Aspekte wie den Umgang der DDR mit der RAF und verhandelt literarisch das gespannte Verhältnis zwischen Ost und West.
Zwischenbilanz in Bruchstücken und literarische Einordnung
Mit 56 Jahren legt Eva Menasse ein Buch vor, das sich stilistisch deutlich von ihrem letzten grossen Werk unterscheidet. Ihr monumentaler NS-Roman «Dunkelblum» aus dem Jahr 2021, der sich über 120.000-mal verkaufte, war ein ambitioniertes Opus Magnum. «Alleinruhelage» hingegen präsentiert sich als lockeres, weitschweifiges Zwischenwerk in Bruchstücken, das auf Anekdoten, Episoden und Mosaiksteinchen baut.
Die Autorin selbst erklärte bereits anlässlich ihres Romans «Quasikristalle» aus dem Jahr 2013 in einem Interview mit der APA: Einen Roman, dessen Plot man mit einem Satz nacherzählen kann, werde ich vermutlich nie schreiben.
Auch das neue Werk folgt diesem Prinzip. Die Rückblenden spannen grosse Bogen: Sie reichen von Erinnerungen an Ehestreits und die pubertierende Tochter über handwerkliche Reparaturen bis hin zu Reflexionen über das Gefühl von Heimat und das ständige Fremdsein als Österreicherin in Deutschland.
Souveräne Gelassenheit und ungelöste Fäden
Trotz gelegentlicher Bitterkeit – im letzten Buchteil nimmt eine gescheiterte Beziehung zu einem narzisstischen Partner namens «Habibi» viel Raum ein – dominiert ein Grundton von grosser Gelassenheit und heiterer Ironie. Das Buch versteht sich als souveräne Bestandsaufnahme einer resolute Frau, die noch einmal innehält.

Viele lose Enden bleiben dabei bewusst unaufgelöst. So verschwindet die in eine Krise stürzende Tochter ebenso rasch wieder aus dem Plot wie manche Erinnerung an die glücklichen Anfänge der Ehe, bevor es mit dieser steil und schnell abwärts ging. Letztlich feiert der Roman mit seinem Abschied vom vertrauten Ort das bewusste Loslassen und den Mut zu einem gänzlich neuen Lebensabschnitt.
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