Europas Autohersteller stecken in einer tiefen Krise, während schwache Elektroauto-Verkäufe und chinesische Konkurrenz die Kapazitäten belasten. Nun prüfen Führungskräfte, ob steigende Verteidigungsbudgets und Rüstungsgüter eine neue Einnahmequelle bieten können, um ungenutzte Fabriken auszulasten.
Die europäischen Automobilkonzerne blicken auf eine Phase erheblicher wirtschaftlicher Belastungen. Der langjährige, verlässliche Gewinnstrom aus China ist ins Stocken geraten, während gleichzeitig chinesische Konkurrenten auf dem heimischen europäischen Markt drängen. Diese Entwicklung trifft die Unternehmen zu einem Zeitpunkt, an dem sie massiv in die Produktion von Elektrofahrzeugen investiert haben. Entsprechende Verkaufszahlen hinken jedoch den Erwartungen hinterher, wie Branchenanalysen und Berichte verdeutlichen.
Werksschließungen und hohe Überkapazitäten in der Automobilindustrie
Die Hersteller räumen offen ein, dass sie bei den niedrigen Produktionskosten und der Entwicklungsgeschwindigkeit der neuen Konkurrenz aus Asien ins Hintertreffen geraten sind. Als direkte Konsequenz versuchen die europäischen Unternehmen, ihre Kosten drastisch zu senken. Gleichzeitig stehen sie vor dem Problem, teure Werke zu betreiben, deren Kapazitäten weit über dem tatsächlichen Absatz liegen. Branchenschätzungen zufolge verfügen westeuropäische Automobilwerke über eine ungenutzte Jahreskapazität von rund 2,5 Millionen Fahrzeugen.
Besonders drastisch zeigt sich diese Entwicklung bei Volkswagen. Der Konzern hat Pläne bekannt gegeben, in den kommenden Jahren 100,000 Arbeitsplätze abzubauen. Noch vor wenigen Jahren galten Werksschließungen in Deutschland als undenkbar, doch inzwischen wurde ein Standort in Dresden geschlossen. Zudem steht die mögliche Schließung von vier weiteren Werken im Raum. Darunter befindet sich auch das Werk in Zwickau, wo Volkswagen über €1bn (entsprechend 857 Millionen britischen Pfund) investierte, um die Fertigungslinien auf Elektrofahrzeuge umzustellen – ein Prozess, der erst vor vier Jahren abgeschlossen worden war.
Verteidigungsausgaben als potenzieller Rettungsanker für Fabriken
Angesichts dieser massiven Überkapazitäten richten sich die Blicke in der Branche auf die europaweit stark steigenden Verteidigungshaushalte. Sigrid de Vries betont, dass die Automobilhersteller gut aufgestellt sind, um zu den Plänen zur europäischen Verteidigungsbereitschaft beizutragen. Viele der vom Verteidigungssektor benötigten Fähigkeiten würden ohnehin von der Automobilindustrie geliefert.

„So automotive manufacturers and suppliers possess industrial assets, they possess manufacturing expertise, logistics capabilities, also advanced technologies. They have vast and also very integrated supply chains that may be relevant for Europe’s broader defence preparedness objective.
Sigrid de Vries, via Bbc
Die Verantwortlichen verweisen darauf, dass Automobilkonzerne und Zulieferer über industrielle Vermögenswerte, Fertigungsexpertise, Logistikfähigkeiten und fortschrittliche Technologien verfügen. Zudem besitzen sie weitreichende und stark integrierte Lieferketten, die für die strategischen Ziele der Rüstungsvorsorge von Bedeutung sein können.
Herausforderungen und Grenzen der Rüstungskooperation
Dennoch warnt die Branche vor allzu schnellen Erwartungen. Zwischen der zivilen Autofertigung und der militärischen Produktion liegen grundlegende Unterschiede, die eine einfache Umstellung verhindern.

Neben strengen Sicherheitsprotokollen bremsen auch politische und wirtschaftliche Rivalitäten innerhalb Europas eine nahtlose Zusammenarbeit. Ein entscheidender Faktor bleibt zudem das Volumen: Abgesehen von konkreten Kriegssituationen können militärische Stückzahlen den Massenmarkt für Pkw nicht ersetzen. Während Regierungen ihre Verteidigungskapazitäten ausbauen möchten und die Märkte beobachten, wird dieser Sektor die strukturelle Unterauslastung der bestehenden Fabriken nicht allein lösen können.