Eltern dürfen von ihren Kindern enttäuscht sein, doch laut Experten richtet sich das Gefühl meist gegen eigene Erwartungen. Laut der Pädagogin Anke Ballmann kommen Kinder als Menschen und nicht als Ideenerfüller zur Welt.
Schon die Fragestellung wirkt auf viele Menschen unanständig: Darf man von seinem eigenen Kind enttäuscht sein? Während Überforderung, Erschöpfung, Sorge oder Wut gesellschaftlich eher akzeptiert werden, klingt Enttäuschung nach einem Gefühl, für das man sich schämen müsse.
Anke Ballmann über die Differenz zwischen Wunsch und Wirklichkeit
Dabei ist Enttäuschung rein definitorisch zunächst nichts weiter als die Differenz zwischen dem, was erwartet wurde, und dem, was tatsächlich eingetreten ist. Eltern erwarten erstaunlich viel, oft lange bevor ein Kind überhaupt weiß, was es selbst will.
Kinder kommen aber als Menschen zur Welt und nicht als Ideenerfüller ihrer Eltern.
Anke Ballmann, Pädagogin und Entwicklungspsychologin
Wenn Leistung und Ehrgeiz in einer Familie zentrale Werte darstellen, das Kind selbst aber eher genügsam, verträumt oder naturverbunden ist, entsteht laut Ballmann eine für das Kind belastende Dynamik. Das Kind erlebt dann, dass sein eigentliches Wesen in der Familie wenig Resonanz bekommt. Solche Kinder neigen oft dazu zu denken, mit ihnen stimme etwas nicht oder sie reichten nicht aus, obwohl Eltern laut Ballmann Leistung natürlich wichtig finden dürfen.

Die Biografie der Eltern und der Einfluss von Morgan-Crossley
Warum Eltern so konkrete Vorstellungen von Bildungswegen und Interessen ihrer Kinder haben, liegt laut familiengeschichtlicher Psychologie oft tiefer. Kinder berühren immer auch die eigene Biografie der Eltern: unerfüllte Wünsche, Ängste, Statusvorstellungen, Auf- und Abstiegs-Erfahrungen oder eigene Kränkungen. Wer finanzielle Unsicherheit erlebt hat, wünscht sich einen sicheren Beruf für den Nachwuchs. Wer selbst nie studieren durfte, sieht das Studium des Kindes womöglich als nachträgliche Erfüllung eines alten Traums.
Hier greift auch die von Morgan-Crossley beschriebene Dynamik der sogenannten do-as-I-did
-Eltern, also jener Eltern, die aus ihrem eigenen Lebensweg eine Art Gebrauchsanweisung machen. Liebe allein schützt Erwachsene demnach nicht davor, die eigene Geschichte auf ein Kind zu übertragen. Zugleich kann auch die reine Freiheit des Kindes schwer auszuhalten sein: Zieht der Sohn weit weg, erleben Eltern dies manchmal als Verlassenwerden. Auch der Erfolg des Kindes kann wehtun, wenn er an das erinnert, was man selbst nicht erreicht hat.
Langfristige Folgen für den Nachwuchs
Die Konsequenzen für den Nachwuchs sind weitreichend. Kinder fühlen sich oft schuldig, weil ihnen Möglichkeiten offenstehen, die ihre Eltern nicht hatten, und wählen stattdessen den sicheren Job oder bleiben in der Nähe. Erwachsene Klienten können sich laut Morgan-Crossley oft noch Jahre später genau an Momente erinnern, in denen sie spürten, dass ihre Eltern mit ihrer Entwicklung nicht zufrieden waren, selbst wenn nie ein direkter Satz wie Ich bin enttäuscht von dir
gefallen ist.
Manche Betroffene reagieren darauf mit Perfektionismus und streben nach Makellosigkeit. Andere entwickeln sich zu People-Pleasern, die sich stark anpassen, während ein dritter Typus sich ganz zurückzieht, um Beurteilung oder Zurückweisung zu vermeiden. Viele halten diese Verhaltensweisen lange für einen festen Teil ihrer Persönlichkeit.
Die Erkenntnis für Eltern
Um aus dieser Dynamik auszusteigen, sollten Eltern laut den Analysen im WELT-Bericht hinterfragen, worüber sie genau enttäuscht sind. Zwar kann dieser Blick zurück auf die eigenen Vorstellungen schmerzhaft sein, doch das Wort Enttäuschung beschreibt es treffend: Eine Täuschung endet. Eltern müssen ihr eigenes Kind demnach immer wieder neu kennenlernen, anstatt es starr an einer vorgefassten Vorstellung zu messen, wie es der Ausgangspunkt für eine eigene Biografie ist.
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