Eltern knüpfen oft Erwartungen an ihre Kinder, lange bevor diese wissen, was sie selbst wollen. Laut Experten liegt das Problem meist nicht in den Eigenschaften des Kindes, sondern in der Differenz zwischen dem Nachwuchs und dem eigenen Wunschbild. Kinder werden so oft zu emotionalen Detektiven.
Die Frage klingt für viele Menschen unanständig: Darf man von seinem eigenen Kind enttäuscht sein? Etwa wenn der Sohn beim Sport als Letzter gewählt wird, obwohl in der Familie sonst alle sportlich sind, wenn die Tochter keine Lust mehr auf Klavier hat oder wenn das Kind in einer Arztfamilie kein Medizin studieren will. Eltern dürfen laut Berichten überfordert, erschöpft oder wütend sein und sich Sorgen machen. Enttäuschung hingegen klingt nach einem Gefühl, für das man sich schämen muss.
Dabei ist Enttäuschung nach Definition zunächst nichts weiter als die Differenz zwischen dem, was man erwartet hat, und dem, was eingetreten ist. Eltern erwarten erstaunlich viel, oft lange bevor das Kind überhaupt weiß, was es selbst will. Nach Einschätzung der Pädagogin und Entwicklungspsychologin Anke Ballmann, deren Buch Ab wann kann ein Kind …?
im Frühjahr im Goldegg Verlag erschienen ist, lauten Sätze in ihrer Praxis oft: Er könnte so viel aus sich machen
oder Sie nutzt ihre Möglichkeiten nicht
. Dahinter stecke häufig eine feste Vorstellung davon, wie das Kind sein sollte, wie Welt-Berichte zeigen.

Anke Ballmann und die Erwartungen stark leistungsorientierter Familien
Kinder kommen als Menschen zur Welt und nicht als Ideenerfüller ihrer Eltern, betont Anke Ballmann.
Das Problem lag nicht in der jeweiligen Eigenschaft selbst, sondern darin, dass die Eltern nicht aushalten konnten, was diese Eigenschaft in ihnen auslöste, und deshalb versuchten, das Kind zu verändern, kleinzumachen oder zu kontrollieren.
Anke Ballmann, Pädagogin und Entwicklungspsychologin
Wer nie studieren durfte, sieht das Studium des Kindes womöglich als nachträgliche Erfüllung eines alten Traums.
Morgan-Crossley über Mach-es-wie-ich-Eltern und den emotionalen Druck
Besonders deutlich zeigt sich dieses Muster bei Eltern, die nach Beschreibung von Morgan-Crossley als sogenannte do-as-I-did
-Eltern (also Mach-es-wie-ich
-Eltern) agieren. Sie machen aus ihrem eigenen Lebensweg eine Art Gebrauchsanweisung für ihre Nachkommen. Liebe allein schützt Erwachsene demnach nicht davor, die eigene Geschichte auf das Kind zu übertragen. Zugleich kann auch die Freiheit des eigenen Kindes schwer auszuhalten sein. Wenn der Sohn weit wegzieht, empfindet die Mutter dies bisweilen als Verlassenwerden. Die zunehmende Selbstständigkeit des Nachwuchses löst bei Eltern oft Gefühle über frühere Entscheidungen, das Älterwerden oder nicht verwirklichte Möglichkeiten aus. Manchmal weckt sogar der Erfolg des Kindes schmerzhafte Erinnerungen an das, was man selbst nicht erreicht hat.
Diese Dynamiken bleiben für Kinder nicht unsichtbar. Sie fühlen sich schuldig, weil ihnen Möglichkeiten offenstehen, die ihre Eltern nicht hatten. Sie ergreifen den sicheren Job, bleiben in der Nähe oder wählen einen Weg, den die Eltern gutheißen. Nicht unbedingt aus Überzeugung, sondern weil es schwer ist, frei zu sein, wenn die eigene Freiheit jemanden verletzt, den man liebt. Dabei muss Missbilligung gar nicht ausgesprochen werden. Kinder registrieren Tonfälle, Gesichtsausdrücke, Schweigen, Kritik, Vergleiche und den spürbaren Verlust von Wärme.
Mit der Zeit entwickelt sich das Kind laut Morgan-Crossley zum emotionalen Detektiv
. Es beobachtet ständig, ob die Eltern zufrieden, enttäuscht, wütend oder zurückgezogen sind, und richtet sein Verhalten entsprechend aus.
Was muss ich tun, damit die Verbindung zu meinen Eltern erhalten bleibt?
Morgan-Crossley, Psychologin
Manche reagieren darauf mit Perfektionismus, andere werden zu People-Pleasern oder ziehen sich zurück, um Beurteilung und Zurückweisung zu vermeiden. Viele halten diese Anpassung lange für einen festen Teil ihrer eigenen Persönlichkeit.
Der Blick zurück auf die eigenen Vorstellungen
Psychologen raten Eltern deshalb, sich zu fragen, worüber sie genau enttäuscht sind. Das kann schmerzhaft sein, weil die Antwort den Blick auf die eigenen Vorstellungen lenkt. Das Wort Enttäuschung beschreibt diesen Zustand nach Angaben der Berichte treffend: Eine Täuschung endet, weil das Bild, das man sich vom Kind gemacht hat, nicht zur Wirklichkeit passt. Für Eltern bedeutet das, den Nachwuchs immer wieder neu kennenzulernen, statt ihn an starren Erwartungen zu messen. Ein Kind ist keine Fortsetzung einer Biografie, sondern der Beginn einer eigenen.
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