Der Chef der Internationalen Energieagentur, Fatih Birol, warnt vor einer kritischen Energieversorgung und unkalkulierbaren Märkten im kommenden Winter. Verantwortlich dafür sind unter anderem der Irankrieg, fehlende Gaslieferungen aus den Golfstaaten und drastisch gesunkene europäische Gasspeicherstände. Eine schnelle Entspannung ist laut der Agentur erst für die Zeit nach 2027 zu erwarten.
Fatih Birol warnt vor dem Zitter-Winter in Europa
Europa steuert auf eine harte Zerreißprobe zu, weil Öl und Gas auf den Weltmärkten knapp bleiben und geopolitische Konflikte die Versorgungswege belasten. Fatih Birol, Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur, dämpft die Hoffnung auf eine schnelle Entspannung für Verbraucher und Industrie. In Interviews mit Medien wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erklärte der Behördenchef, dass der kommende Winter stark vom Wetter abhängen werde. Wir können nur hoffen, dass es kein allzu strenger Winter wird
, sagte Birol zur aktuellen Sicherheitslage der europäischen Gas- und Ölversorgung.
Die von der Internationalen Energieagentur koordinierten Notfallmaßnahmen unterstrichen zuvor die Dringlichkeit der Lage. Im März 2026 stellten die 32 Mitgliedsstaaten insgesamt 400 Millionen Barrel an strategischen Ölreserven bereit. Das war erst die sechste gemeinsame Notfallaktion seit der Gründung der Agentur im Jahr 1974, welche damals als Reaktion auf das arabische Ölembargo ins Leben gerufen wurde. Trotz dieser massiven Freigabe rechnet die Behörde mit anhaltenden Turbulenzen. Ein plausibler Weg zur Normalisierung der Energiemärkte sei vor 2027 nicht in Sicht, so Birol.
Leere Speicher und globale Konkurrenz treiben die Preise
Für die angespannte Lage gibt es handfeste Gründe im internationalen Handel. Der Gasimport aus den Golfstaaten ist unterbrochen, nachdem die Straße von Hormus über drei Monate hinweg fast vollständig gesperrt blieb. Dieser Engpass schnitt Europa von rund einem Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggasangebots ab. Zugleich treibt der Wille der Europäischen Union, sich von russischen Lieferungen abzukoppeln, den Wettbewerb an den Märkten für Flüssigerdgas an.
Asiatische Abnehmer wie Japan, Korea und China konkurrieren nun direkt mit den europäischen Staaten um begrenzte Tankerladungen. Das treibt die Kosten in die Höhe. Gleichzeitig hinken die Vorräte hinterher. Der europäische Füllstand der Gasspeicher liegt nach Angaben von Franceintel bei rund 67 Prozent, während die übliche Saisonmittel bei 80 Prozent liegt. Die Energierechnung des Blocks hat sich dadurch massiv erhöht. Allein im laufenden Jahr kostete die Krise das Bündnis 100 Milliarden Euro zusätzlich, während sich die Gesamtbelastung seit 2022 auf mehr als 900 Milliarden Euro summiert. Der Preis für die Ölsorte Brent kletterte zeitweise auf knapp 120 US-Dollar je Barrel.
Am Abgrund: IEA-Chef warnt vor größter Energiekrise der GeschichteDie Warnsignale der Internationalen Energieagentur (IEA) sind unüberhörbar: Chefökonom Fatih Birol sieht die Welt in die "größte Energiekrise der Geschichte" schlittern. Auslöser ist die massive Eskalation… pic.twitter.com/QJUrLpwGFa
Kritik an Deutschlands Atomausstieg in der Energiekrise
Angesichts der Verknappung hat Birol einen klaren Rat an die Politik formuliert: So viel Strom wie möglich erzeugen. Das führt direkt zu den politischen Widersprüchen in Berlin. In Deutschland, das im April 2023 seine letzten drei Meilensteine der Kernkraft vom Netz nahm, sieht der IEA-Chef den Ausstieg kritisch.
Ich habe nie verstanden, wie das Land von Immanuel Kant perfekt funktionierende Kernkraftwerke stilllegen und zur Kompensation versuchen kann, grünen Wasserstoff aus Namibia zu beziehen.
Fatih Birol, IEA-Chef
Während Deutschland auf Importe von grünem Wasserstoff aus Afrika setzt, stehen die deutschen Gasspeicherstände mit rund 61 Prozent im späten Oktober historisch niedrig da. Birol betont dennoch, dass Europa nicht in die alte Abhängigkeit von russischem Gas zurückfallen dürfe. Stattdessen befürwortet er kurzfristig eine möglichst hohe eigene Förderung von Öl und Gas. Langfristig sieht er das weltweite Comeback der Kernenergie in Kombination mit erneuerbaren Energien, Batterien und Elektrofahrzeugen als richtigen Weg, um die Verbraucher vor extremen Preissprüngen zu schützen.

Europäische Reaktionen und die Suche nach marktwirtschaftlicher Entlastung
Auf institutioneller Ebene reagieren die Verantwortlichen in Brüssel auf die strukturellen Probleme. Dan Jorgensen, der europäische Kommissar für Energie, räumte im Rahmen der Vorbereitungen auf die kalte Jahreszeit ein, dass Verbraucher und Industrie mit sehr hohen Preisen rechnen müssen. Dan Jorgensen erklärte zudem, dass eine akute Unterbrechung der Grundversorgung während der Wintermonate nicht drohe. Um den Druck zu mildern, schlug die Kommission vor, die strengen Regeln für Methanemissionen bei Energieimporten zeitlich zu verschieben.
Zugleich verändern sich die Logistikketten auf dem Atlantik. Die Vereinigten Staaten haben als wichtiger Lieferant von Flüssigerdgas ihre Produktion hochgefahren. Laut Analysen haben zahlreiche Neubauten die Flotte verstärkt – allein 55 Schiffe wurden in den vorangegangenen sieben Monaten ausgeliefert, während weitere 40 bis 45 Einheiten bis zum Jahresende erwartet werden. Das größere Transportangebot drückt auf die Frachtraten im Atlantik. Dennoch bleibt der Kontinent den Prognosen zufolge der Hauptabnehmer für amerikanisches Flüssigerdgas, da das heimische Speicherdefizit in Europa kaum andere Optionen zulässt.
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