Das grösste mobile Kulturtheater der Schweiz, «Das Zelt», hat am 30. Mai 2026 seine Tournee abrupt gestoppt – und setzt den Betrieb bis auf Weiteres aus. Betroffen sind 70 Angestellte und 73 Künstler, deren Auftritte und Gagen plötzlich wegfallen. Die Krise ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Verkettung von Fehlentscheidungen, externen Schocks und einer Branche im Umbruch.
Ein Megaprojekt, das das Budget sprengte
«Das Zelt» war einst ein Symbol der Schweizer Unterhaltungskultur – ein mobiles Theater, das seit der Expo.02 Millionen von Besuchern begeisterte und Stars wie Divertimento prägte. Doch der Niedergang begann nicht erst jetzt. Die Pandemie traf das Unternehmen besonders hart: 580 Tage ohne Einnahmen, während der Bund nur 80 Prozent der Ausfälle entschädigte. Als sich das Geschäft langsam erholte, setzte Direktor Adrian Steiner auf ein ambitioniertes Projekt: «The Dome», ein modulares Grosszelt für bis zu 5000 Gäste, das als europaweit einzigartig galt. Doch das Risiko ging nach hinten los. Die Energiekrise, veränderte Freizeitgewohnheiten der jüngeren Generation und zusätzliche Kosten durch das geplante Hochglanzmagazin «Showtime» belasteten die Finanzen zusätzlich.

Laut Blick war die Krise bereits im Winter 2025/26 bekannt, doch erst am 10. Februar 2026 tauchten erste Gerüchte in der Branche auf. Die Medien berichteten damals von finanziellen Engpässen und offenen Forderungen. Nun ist klar: «The Dome» hat das Budget endgültig erdrückt. Mit 17 abgesagten Shows in St. Gallen und Luzern soll der Konkurs abgewendet werden.
Steiner selbst spricht von einer «Verkettung schwieriger Umstände». Die Führung steuert derzeit mit Unterstützung einer Treuhandfirma gegen die Liquiditätsengpässe. «The Dome» soll entweder verkauft oder an einem festen Standort etabliert werden, wie Watson berichtet. Ein Neustart ist frühestens für den Herbst geplant – doch ob es dazu kommt, hängt von der Sanierung ab.
Künstler zwischen Hoffnung und Unsicherheit
Für die 73 Künstler, die kurz vor Pfingsten von der Absage erfuhren, bricht eine Welt zusammen. Es gibt keine Ausfallversicherung, keine Ticketrückerstattungen – und keine Garantie, dass es im Herbst weitergeht. Namen wie Florian Ast, Patric Scott oder Börni Höhn stehen für eine Ära, die nun auf unbestimmte Zeit pausiert. Ast zeigt sich zwar verständnisvoll: «Ich finde es sinnvoll, dass sich ‹Das Zelt› die Zeit nimmt, innezuhalten.» Doch die Unsicherheit bleibt. «In unserer Branche gehört es dazu, dass sich Situationen verändern können», so Ast weiter. Doch was bleibt, ist das Gefühl, plötzlich in der Luft zu hängen.
Börni Höhn, die aktuell schwanger ist, hatte bereits im März von den Herausforderungen gehört. «Trotzdem hofft man immer, dass der Spielbetrieb weiterlaufen kann», sagt sie gegenüber Blick. Transparenz sei wichtig gewesen – doch jetzt steht sie vor der Frage, wie es weitergeht.
Was kommt nach der Pause?
Adrian Steiner bleibt zuversichtlich. «Wir machen nur eine Pause, um danach umso stärker und gesünder zurückzukehren», sagte er gegenüber Blick. Doch die Fragen sind zahlreich: Werden die Künstler zurückkehren? Werden die Zuschauer zurückkommen? Und vor allem: Reicht die Sanierung, um «Das Zelt» langfristig zu retten?
Die Krise ist ein Symptom einer größeren Entwicklung: Die Live-Entertainment-Branche steht vor fundamentalen Veränderungen. Die Pandemie hat gezeigt, wie fragil solche Modelle sind. Gleichzeitig verändern sich die Freizeitgewohnheiten der jüngeren Generation – Streaming und digitale Events ziehen die Aufmerksamkeit weg von klassischen Bühnen. «Das Zelt» war einmal ein Fixpunkt, doch jetzt muss es sich neu erfinden. Die kommenden Monate werden zeigen, ob es gelingt.
Eines ist sicher: Die Geschichte von «Das Zelt» ist noch nicht zu Ende. Doch der Weg zurück wird steinig sein – und die Frage bleibt, ob das Publikum und die Künstler bereit sind, noch einmal von vorne zu beginnen.
Die nächsten Wochen werden entscheidend sein. Die 70 Angestellten sind bereits in Kurzarbeit, die Künstler hoffen auf ein Comeback. Doch ohne klare Finanzplanung und neue Partner könnte «Das Zelt» seine Tür für immer schließen. Die Schweizer Showbranche blickt gespannt in den Herbst – und fragt sich: Wird «Das Zelt» dann wieder stehen?