Die Milliarden-Bewertung im Vergleich zu OpenAI und SpaceX
Die Wall Street betrachtet den geplanten Börsengang von Anthropic als Meilenstein des aktuellen KI-Booms. Mit einer Bewertung von 965 Milliarden Dollar hat sich das Unternehmen in einer Position manövriert, in der es laut DIE ZEIT derzeit als wertvoller eingestuft wird als sein direkter Rivale OpenAI. Dieser Aufstieg ist rasant: Noch im Februar lag die Bewertung bei einer Finanzierungsrunde über 30 Milliarden Dollar lediglich bei 380 Milliarden Dollar.
Anthropic ist jedoch nicht das einzige Schwergewicht, das die US-Börsen stürmen will. Elon Musks SpaceX, in dem nun auch die KI-Firma xAI aufgegangen ist, könnte bereits Mitte Juni an die Börse gehen. Wie Der Spiegel berichtet, strebt SpaceX eine Bewertung von 1,75 Billionen Dollar an und will Erlöse in Höhe von 75 Milliarden Dollar generieren.
Auch OpenAI bereitet sein Debüt vor. Eine mit dem Vorgang vertraute Person gab gegenüber Reuters Ende Mai an, dass OpenAI in den kommenden Wochen ebenfalls einen vertraulichen Antrag bei der SEC einreichen will. Diese Strategie der Vertraulichkeit erlaubt es den Unternehmen, sensible Geschäftszahlen vor der Öffentlichkeit zu schützen, bis kurz vor der eigentlichen Erstnotierung.
Die Dimensionen dieser Börsengänge sind beispiellos. Wir sehen hier nicht mehr nur Start-ups, sondern die Entstehung einer neuen Klasse von Tech-Giganten, deren Marktkapitalisierung in einer Geschwindigkeit wächst, die selbst die Ära der Dotcom-Blase in den Schatten stellt.
Strategische Allianzen mit Google, Amazon und Nvidia
Die finanzielle Schlagkraft von Anthropic basiert auf einem hochkarätigen Netzwerk aus strategischen Partnern. Gegründet 2021 von ehemaligen OpenAI-Mitarbeitern, wird das Unternehmen massiv von Google und Amazon unterstützt. Laut n-tv planen zudem Microsoft und Nvidia, bis zu 15 Milliarden Dollar in das Unternehmen zu investieren.
Dass die größten Cloud-Anbieter und Hardware-Produzenten gleichzeitig in einen Konkurrenten investieren, wirkt paradox, ist aber kalkuliertes Risiko. Für Nvidia bedeutet jede erfolgreiche KI-Plattform mehr Absatz für ihre Chips; für Google und Amazon geht es darum, den Zugriff auf eine Alternative zu OpenAI zu sichern.
Die Marktakzeptanz von Anthropics Produkten, insbesondere der leistungsstarken Programmierassistenten, hat das Unternehmen vom kleineren Player zum dominierenden Akteur befördert. Dies spiegelt sich auch in der Nutzerbasis wider: Anfang März 2026 schoss Claude in den US-App-Store-Charts an die Spitze.
Der Konflikt mit dem Pentagon und die „Sicherheitsrisiko“-Klausel

Während die Finanzzahlen glänzen, führt Anthropic einen harten Rechtsstreit mit dem US-Verteidigungsministerium. Der Kern des Konflikts ist eine fundamentale Weigerung: Anthropic verbot dem Pentagon die uneingeschränkte militärische Nutzung seiner KI-Technologien. Das Unternehmen argumentiert, dass KI weder für Massenüberwachung im Inland
noch in vollautonomen Waffensystemen eingesetzt werden dürfe.
Die Reaktion des Pentagons war drakonisch. Wie t3n berichtet, stufte das Ministerium Anthropic daraufhin als Sicherheitsrisiko in der Lieferkette
ein. OpenAI hingegen sprang ein und schloss eine Vereinbarung mit der US-Regierung ab, obwohl CEO Sam Altman intern einräumen musste, keinen Einfluss darauf zu haben, wie das Pentagon die Modelle tatsächlich einsetzt.
Dieser moralische Bruch hatte überraschende geschäftliche Folgen. Viele Nutzer, die mit der Zusammenarbeit von OpenAI und dem Militär nicht einverstanden waren, wechselten zu Claude. Anthropic hat es geschafft, eine ethische Nische zu besetzen, die nun – ironischerweise – den Weg an die Börse ebnet. Ein Gericht konnte die Einstufung als Lieferkettenrisiko vorerst blockieren.
Ethik-Ambitionen zwischen Vatikan und Profit
Anthropic versucht konsequent, sich als das „verantwortungsbewusste“ Gesicht der KI zu positionieren. Ein symbolischer Höhepunkt war der Besuch des Mitgründers Christopher Olah im Vatikan. Dort schloss er sich der Forderung von Papst Leo XIV. nach mehr Ethik in der KI-Entwicklung an und betonte, dass die Entwicklung nicht allein Tech-Konzernen überlassen werden dürfe.
Diese Allianz wird jedoch nicht von allen mit Begeisterung gesehen. Kritiker werfen dem Unternehmen Vatikan-Washing
vor – den Versuch, durch eine religiöse Allianz einen moralischen Glanz zu erzeugen, dem es an substanzieller Kritik fehle.
„Es kann eine gefährliche Waffe sein“
Anthropic, via DIE ZEIT
Die Spannung zwischen diesem ethischen Anspruch und der kommerziellen Realität wird besonders deutlich beim Modell „Mythos“. Während Anthropic vor den Gefahren der Technologie warnt, halten die US-Behörden und einige ausgewählte Konzerne bereits testweise Zugriff auf dieses Modell. Die breite Öffentlichkeit hat Mythos bislang nicht zu Gesicht bekommen.
Die Frage der Rentabilität in einem überhitzten Markt
Trotz der astronomischen Bewertungen bleibt eine zentrale Frage unbeantwortet: Wann wird das Geld zurückkommen? Laut WELT gibt es wachsende Zweifel, ob die Investitionen von hunderten Milliarden Dollar in die KI-Infrastruktur jemals vollständig amortisiert werden können.
Die Abhängigkeit von massiven Finanzierungsrunden und der Unterstützung durch Big Tech zeigt, dass Anthropic – trotz seines Börsengangs – in einer extrem volatilen Umgebung agiert. Der Erfolg des IPOs wird davon abhängen, ob das Unternehmen beweisen kann, dass es nicht nur ein ethisches Aushängeschild ist, sondern ein skalierbares Geschäftsmodell besitzt, das über die reine Nutzerakquise hinausgeht.
Die nächsten Wochen werden entscheidend sein. Wenn die SEC den Antrag prüft und die Details zu Aktienpreis und Volumen bekannt werden, wird sich zeigen, ob die Bewertung von fast einer Billion Dollar eine fundierte Analyse oder lediglich das Ergebnis einer kollektiven Euphorie ist.