Der neue Intendant der Berliner Volksbühne, Matthias Lilienthal, verwandelt das Theater am Rosa-Luxemburg-Platz vom 7. August bis zum 1. Oktober 2026 in ein öffentliches Schwimmbad. Das kostenlose „Volksbad“ dient sowohl als künstlerische Erweiterung des Theaterbegriffs als auch als politischer Protest gegen die marode öffentliche Infrastruktur der Hauptstadt.
Es ist ein Coup, der in Berlin für Aufsehen sorgt und die Grenze zwischen Performance-Kunst und kommunaler Daseinsvorsorge verwischt. Matthias Lilienthal, der die Leitung nach dem überraschenden Tod von René Pollesch übernimmt, setzt ein Statement, das weit über den Rahmen eines klassischen Spielplans hinausgeht. Vor dem Haus am Rosa-Luxemburg-Platz wird ein 25 Meter langes Becken installiert, ergänzt durch einen Imbissstand mit Pommes.
Ein 25-Meter-Becken als Bühne: Das Konzept des Volksbads
Das Vorhaben ist kein bloßer Gag, sondern ein bewusster Versuch, den Begriff des Theaters zu dehnen. Für Lilienthal ist die Interaktion im Wasser bereits eine Form der Inszenierung.

Matthias Lilienthal, Intendant der Volksbühne
Das „Volksbad“ soll niederschwellig und inklusiv sein. Laut einer Mitteilung des Theaters, die auch der Spiegel aufgreift, ist der Eintritt gratis und es gibt keine Ausweispflicht. Um den sozialen Charakter zu unterstreichen, ist zudem kostenloser Schwimmunterricht für Kinder geplant.
Die künstlerische Begleitung übernimmt die Choreografin Florentina Holzinger, die zum Beirat des Hauses gehört. Sie bereitet für das Theaterschwimmen eine kleine Performance vor, während ihre bereits bekannten Wasserspiele Ophelia’s Got Talent
und A Year Without Summer
im Repertoire bleiben.
Infrastrukturkritik zwischen Pommes und Schwimmunterricht
Hinter der spielerischen Fassade verbirgt sich eine scharfe Kritik an der Berliner Stadtverwaltung. Lilienthal nutzt die Bühne – oder in diesem Fall das Becken –, um auf den Verfall der öffentlichen Infrastruktur aufmerksam zu machen. Die Liste der betroffenen Bereiche ist lang: Bahnen, Schulen, Universitäten und eben auch die städtischen Schwimmbäder.

Indem das Theater selbst zur Badeanstalt wird, kommentiert es den chronischen Mangel an funktionierenden Freibädern in der Stadt. Lilienthal betonte bei der Vorstellung seiner Pläne, dass man den Freibadmangel für zwei Monate ein klein bisschen relativieren
wolle.
Dieser Ansatz markiert eine Rückkehr zu einem Theaterverständnis, das den städtischen Raum als qualifizierten Lebensraum begreift. Lilienthal, der bereits als Gründer des Hebbel am Ufer (HAU) bewiesen hat, wie Theater mit der Stadt interagieren kann, positioniert die Volksbühne damit als eine Institution, die nicht nur im Inneren ihrer Mauern agiert, sondern aktiv in die sozialen Defizite Berlins eingreift.
Technische Hürden und der verspätete Spielzeitbeginn
So kreativ die Begründung für das Volksbad auch ist, es gibt einen sehr profanen, technischen Grund für die temporäre Umwandlung des Platzes in ein Schwimmbad. Die reguläre Spielzeit kann nicht wie geplant beginnen.
Wie die B.Z. berichtet, verzögert die Erneuerung der Steuerung der Obermaschine den Start des Spielbetriebs. Erst am 1. Oktober wird das Theater wieder in seiner vollen Funktion für das Publikum geöffnet. Das Volksbad füllt somit eine Lücke im Sommerprogramm, die durch technische Mängel entstanden ist.
Es ist eine ironische Wendung: Die Kritik an der maroden Infrastruktur Berlins wird am eigenen Leib erfahren, da die Technik des Hauses selbst den Spielbeginn verhindert. Lilienthal verwandelt dieses organisatorische Problem jedoch in eine kulturelle Chance.
Programm und Ensemble: Zwischen Kontinuität und Neuanfang
Wenn am 1. Oktober die Vorhänge wieder fallen, erwartet die Zuschauer eine Mischung aus bewährten Gesichtern und internationalen Impulsen. Die Saison 2026/2027 wird mit 14 Inszenierungen geplant, wobei die Gruppe Rimini Protokoll mit House of Hopes
die Saison eröffnet. Das Stück ist eine historische Recherche darüber, was weltweit geschah, als in Berlin die Mauer fiel.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Internationalität, etwa durch die japanische Autorin Satoko Ichihara, die am 3. Oktober Mononoki
präsentiert. Der Tagesspiegel hebt hervor, dass Lilienthal die Volksbühne sowohl lokal als auch international verankern möchte.
Trotz der personellen Neuausrichtung setzt Lilienthal auf Kontinuität im Ensemble.
- Kathrin Angerer
- Sophie Rois
- Martin Wuttke
- Sir Henry
Besonders bedeutsam ist der Umgang mit dem Erbe des verstorbenen René Pollesch. Ntv meldet, dass diverse Inszenierungen von Pollesch im Repertoire bleiben, darunter Der Schnittchenkauf
und ja nichts ist okay
. Damit wird der plötzliche Tod des Vorgängers im Februar 2024 nicht durch einen radikalen Bruch, sondern durch eine Integration seiner Werke verarbeitet.
Zusätzlich wird die Spielstätte in der Kastanienallee nach einer umfassenden Restaurierung und technischer Modernisierung wieder bespielt. Hier ist unter anderem eine Zusammenarbeit mit dem RambaZamba Theater durch Milan Peschel für das nächste Jahr geplant.
Mit dem Volksbad und dem anschließenden Programm versucht Lilienthal, die Volksbühne aus der Schockstarre nach dem Verlust von Pollesch zu führen. Er verbindet dabei die Tradition des politischen Theaters mit einer fast schon absurden Realität: Wenn die Technik im Haus versagt, baut man eben ein Schwimmbecken davor.