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Technik und Wissenschaft

Australia sues US giant 3M over ‚forever chemicals‘ in firefighting foam

Eine australische parlamentarische Untersuchung empfiehlt der Bundesregierung, rechtliche Schritte gegen den US-Konzern 3M wegen der Kontamination durch PFAS-haltige Löschschäume einzuleiten. Zeitgleich enthüllte abc.net.au, dass die Regierung von Victoria im Jahr 2023 eine Sammelklage der Feuerwehr Fire Rescue Victoria gegen den Chemiegiganten blockierte, um vermeintliche Reputationsrisiken zu vermeiden.

Politische Einflussnahme auf die Sammelklage in Victoria

Politische Einflussnahme auf die Sammelklage in Victoria
cluster (priority): orldatlas.com

Die Blockade durch die Regierung von Victoria

Es ist ein bezeichnender Vorgang: Während eine nationale Untersuchung nun die Forderung nach Rechenschaft stellt, wurde auf regionaler Ebene im Stillen interveniert. Im August 2023 untersagte die damalige Ministerin für Notfalldienste von Victoria, Jaclyn Symes, der Feuerwehr Fire Rescue Victoria (FRV) die Teilnahme an einer Sammelklage gegen 3M.

Die FRV sollte in diesem Verfahren die Rolle des Hauptklägers übernehmen. Ziel der Klage war es, 3M für die Sanierungskosten jener Gebiete haftbar zu machen, die durch den über 30 Jahre lang eingesetzten giftigen Löschschaum geschädigt wurden. Betroffen sind vor allem australische Flughäfen, Militärstützpunkte und Feuerwehrstandorte.

In einem Schreiben begründete Symes, die heute Finanzministerin ist, ihre Entscheidung mit „erheblichen und komplexen rechtlichen und öffentlichen politischen Risiken“ sowie mit potenziellen „Reputationsrisiken“. Durch diesen Entzug der Zustimmung wurde die Klage, die 3M für alle vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Reinigungskosten hätte aufkommen lassen, faktisch torpediert.

Jahrzehntelange Verschleierung der Umweltgefahren durch 3M

Jahrzehntelange Verschleierung der Umweltgefahren durch 3M
cluster (priority): britannica.com

3Ms Strategie der bewussten Täuschung

Die toxische Bilanz von 3M beginnt weit vor den aktuellen Rechtsstreitigkeiten. Dokumente, die The Guardian veröffentlicht hat, zeichnen das Bild eines Konzerns, der die Umweltgefahren seiner Produkte über Jahrzehnte verschwieg. Von den 1960er Jahren bis 2003 produzierte 3M Schäume, die PFOS und PFOA enthielten – Substanzen, die so beständig sind, dass sie als „Ewigkeitschemikalien“ bezeichnet werden.

Das Paradoxe daran ist die Diskrepanz zwischen internem Wissen und externer Kommunikation. Während bereits 1949 ein Artikel in der Zeitschrift Scientific American feststellte, dass Fluorcarbone weder brennen, korrodieren noch verrotten, behauptete 3M gegenüber seinen Kunden das Gegenteil.

Broschüren von 3M aus dem Jahr 1979 beschrieben die Löschschäume als „umweltneutral“ sowie als „biologisch abbaubar, gering toxisch und … in biologischen Behandlungsanlagen behandelbar“.
3M-Unternehmensunterlagen, via The Guardian

Sogar 1993 empfahlen Datenblätter noch die Entsorgung der Schäume über die Kanalisation, da sie in biologischen Abwasserreinigungssystemen behandelbar seien. Tatsächlich wusste 3M laut Zeugenaussagen vor dem US-Repräsentantenhaus bereits in den 1950er Jahren aus eigenen Tierstudien, dass PFAS toxisch sind. Die schrittweise Einstellung der Produktion erfolgte erst 2003.

Fataler Pfad der Entsorgung durch Kläranlagen

IN FULL: Government to sue 3M over PFAS 'forever chemicals' contamination | ABC NEWS

Die ökologische Katastrophe der Kanalentsorgung

Die Empfehlung von 3M, die Schäume einfach in die Kanalisation zu leiten, war aus wissenschaftlicher Sicht fatal. Die PFAS-Moleküle sind so stabil, dass sie herkömmliche Kläranlagen nicht passieren, sondern sie einfach durchqueren.

Die Entsorgung der Schäume über die Kanalisation war katastrophal, da die PFAS direkt durch den Abwasserreinigungsprozess gingen und entweder im Abwasser der Kläranlage oder im Klärschlamm landeten. Das Abwasser wurde in Flüsse geleitet und der Schlamm oft auf landwirtschaftlichen Flächen verteilt.
Prof. Ian Cousins, PFAS-Experte an der Stockholm University

Diese Verbreitungswege erklären, warum PFAS heute weltweit in Böden, Gewässern, menschlichen Organen und im Blut nachweisbar sind. Die chemische Familie umfasst fast 15.000 synthetische Stoffe, die Tausende von Jahren benötigen, um abgebaut zu werden.

Gesundheitliche Langzeitfolgen und Forderungen nach staatlichem Handeln

Gesundheitliche Langzeitfolgen und Forderungen nach staatlichem Handeln
cluster (priority): abc.net.au

Gesundheitsrisiken und die Forderung nach staatlicher Intervention

Die menschlichen Kosten dieser chemischen Persistenz sind hoch. PFAS werden mit einer Reihe schwerer Gesundheitsprobleme in Verbindung gebracht:

  • Geburtsfehler und Fruchtbarkeitsprobleme
  • Neurologische Auswirkungen und Schilddrüsenerkrankungen
  • Nierenversagen und hoher Cholesterinspiegel
  • Verschiedene Formen von Krebserkrankungen

Vor diesem Hintergrund hat eine parlamentarische Untersuchung in Australien nun eine klare Linie gefordert. Das Komitee empfiehlt, dass die Bundesregierung aktiv rechtliche Schritte gegen 3M und andere Hersteller von PFAS-haltigen Löschschäumen einleitet. Die daraus resultierenden Entschädigungen sollen direkt in die Sanierung der kontaminierten Standorte fließen.

Zusätzlich fordert der Bericht ein nationales Überwachungsprogramm für PFAS sowie subventionierte Bluttests und Krebsvorsorgeuntersuchungen für die betroffenen Gemeinschaften.

Die Situation in Australien verdeutlicht ein globales Muster: Die Verantwortung für die Reinigung einer Umweltkatastrophe wird oft auf den Steuerzahler abgewälzt, während die Hersteller, die über die Toxizität ihrer Produkte informiert waren, durch politische Interventionen oder langwierige Prozesse geschützt werden. Die Frage ist nun, ob die Bundesregierung den Empfehlungen der Untersuchung folgt oder ob die „Reputationsrisiken“, die Ministerin Symes in Victoria fürchtete, auch auf nationaler Ebene schwerer wiegen als die Gesundheit der Bürger und der Schutz der Natur.

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Clara Vogt

Über den Autor

Clara Vogt verantwortet das Ressort Technik und Wissenschaft. Sie schreibt ueber KI, Digitalisierung, Forschung und Innovation und uebersetzt komplexe Entwicklungen in klaren, belastbaren Journalismus.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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