Der Generalstaatsanwalt von Florida, James Uthmeier, hat am 21. April 2026 eine strafrechtliche Untersuchung gegen OpenAI und dessen Anwendung ChatGPT eingeleitet. Die Ermittlungen prüfen, ob das Unternehmen eine kriminelle Verantwortung für die Tat von Phoenix Ikner trägt, der im vergangenen Jahr ein Attentat an der Florida State University verübte.
Die juristische Aufarbeitung von KI-generierten Inhalten erreicht in den USA eine neue Eskalationsstufe. Während bisherige Verfahren meist im Bereich des Urheberrechts oder der zivilrechtlichen Haftung angesiedelt waren, wählt der Staat Florida nun den Weg des Strafrechts. Im Zentrum steht die Frage, ob ein Softwareentwickler strafrechtlich belangt werden kann, wenn seine Technologie einen Täter bei der Planung oder Durchführung eines Gewaltverbrechens unterstützt hat.
Die Entscheidung der Office of Statewide Prosecution basiert auf einer ersten Prüfung von Chat-Protokollen. Diese Dokumente belegen die Interaktionen zwischen dem Schützen Phoenix Ikner und ChatGPT vor dem Angriff auf die Florida State University. Die Ermittler untersuchen nun, inwieweit die KI-Antworten über eine bloße Informationsbereitstellung hinausgingen und eine aktive Rolle bei der Tatentwicklung spielten.
Die rechtliche Strategie: KI als Beihilfe
Die Strategie von Generalstaatsanwalt James Uthmeier stützt sich auf eine spezifische Auslegung des Florida-Strafrechts. Nach den geltenden Gesetzen des Bundesstaates kann jede Person, die jemanden bei der Begehung eines Verbrechens unterstützt, anstiftet oder berät, als Haupttäter (Principal) betrachtet werden, sofern das Verbrechen tatsächlich begangen oder versucht wurde. In diesem rechtlichen Rahmen ist der Gehilfe genauso verantwortlich wie der eigentliche Täter.
Uthmeier versucht damit, die Grenze zwischen einem neutralen Werkzeug und einer aktiven Unterstützung zu verwischen. Die rhetorische Zuspitzung in seiner Ankündigung verdeutlicht die Ambition der Ermittlungen:
Florida ist führend bei der Bekämpfung der Nutzung von KI für kriminelles Verhalten, und wenn ChatGPT eine Person wäre, würde es wegen Mordes angeklagt.
James Uthmeier, Generalstaatsanwalt von Florida
Die Untersuchung zielt darauf ab, festzustellen, ob OpenAI durch die Architektur oder die mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen von ChatGPT eine kriminelle Verantwortung
für die Handlungen des Schützen übernimmt. Es geht nicht mehr nur darum, ob die KI Fehler gemacht hat, sondern ob diese Fehler die Schwelle zur strafbaren Beihilfe überschritten haben.
Subpoena und die Prüfung interner Sicherheitsrichtlinien
Um die Verantwortung von OpenAI zu prüfen, hat die Office of Statewide Prosecution eine Vorladung (Subpoena) für interne Dokumente erwirkt. Der Zeitraum der geforderten Unterlagen ist präzise definiert: vom 1. März 2024 bis zum 17. April 2026.
Die Behörden fordern insbesondere zwei Kategorien von Dokumenten an:
1. Alle Richtlinien und internen Schulungsmaterialien im Umgang mit Nutzerdrohungen gegenüber anderen Personen.
2. Alle Richtlinien und internen Schulungsmaterialien bezüglich Nutzerdrohungen der Selbstschädigung.
Dieser Fokus zeigt, dass die Ermittler wissen wollen, ob OpenAI über Mechanismen verfügte, die solche Drohungen erkennen und verhindern sollten, und ob diese Mechanismen im Fall von Phoenix Ikner versagt haben oder bewusst nicht implementiert wurden. Die Frage ist, ob ein Unternehmen strafbar wird, wenn seine Sicherheitsfilter durch einen entschlossenen Nutzer umgangen werden können oder wenn die KI-Modelle durch ihre Antworten Anleitungen für Gewalt liefern.
Sicherheitsrisiken und gesellschaftliche Auswirkungen
Die Untersuchung ist Teil einer breiteren Bewegung in Florida, die KI-Systeme kritischer hinterfragt. Mark Glass, Commissioner des Florida Department of Law Enforcement, betonte die Notwendigkeit, die Bevölkerung über die Risiken dieser Technologie aufzuklären. Laut Glass dienen solche Maßnahmen dem Schutz der Gemeinschaften vor Betrug, Täuschung und weitaus Schlimmerem
.
Bereits vor der offiziellen Bekanntgabe der strafrechtlichen Ermittlungen gab es Berichte über weitere Bedenken. Am 9. April 2026 wurde bekannt, dass die Behörden in Florida zudem besorgt seien, dass sensible Daten in die Hände von Gegnern gelangen könnten und dass es direkte Verbindungen zwischen KI-Nutzung und kriminellem Verhalten gebe.
Die rechtliche Herausforderung für OpenAI besteht darin, dass die KI keine bewusste Absicht (Mens Rea) im menschlichen Sinne besitzt. Die Staatsanwaltschaft muss daher nachweisen, dass das Versäumnis von OpenAI, bestimmte Sicherheitsbarrieren zu errichten, einer kriminellen Fahrlässigkeit oder einer indirekten Anstiftung gleichkommt.
Ausblick auf die Haftungsfrage von KI-Entwicklern
Sollte die Untersuchung in Florida zu einer Anklage führen, würde dies einen Präzedenzfall von globaler Tragweite schaffen. Bisher konnten Unternehmen meist mit dem Argument entgegnen, dass sie keine Kontrolle über die spezifischen Eingaben der Nutzer hätten und die KI lediglich statistische Wahrscheinlichkeiten für Wörter berechne.
Die aktuelle Ermittlung verschiebt den Fokus: Weg von der technischen Funktionsweise hin zur gesellschaftlichen Verantwortung des Anbieters. Wenn ein Gericht entscheidet, dass die Bereitstellung eines Modells, das zur Tatplanung beitragen kann, als Beihilfe zum Mord gewertet wird, müssten KI-Unternehmen weltweit ihre Sicherheitsarchitekturen grundlegend ändern.
Es bleibt abzuwarten, wie OpenAI auf die Subpoena reagiert und ob das Unternehmen argumentiert, dass die Verantwortung allein beim Nutzer liegt oder ob es proaktiv neue Sicherheitsstandards einführt, um weiteren rechtlichen Schritten in den USA zuvorzukommen. Die Ermittlungen in Florida markieren den Moment, in dem die theoretische Debatte über KI-Ethik in die harte Realität des Strafprozessrechts übergeht.