Der „Feldhase“ und das Kriterium „Horizont 100“

Wer heute vor Dürers „Feldhasen“ steht, sieht mehr als nur eine präzise Naturstudie. Das Werk ist das inoffizielle Symbol der Albertina, doch seine Fragilität macht es zu einer Rarität in der eigenen Galerie. Da Papier extrem empfindlich auf Licht und Temperatur reagiert, werden die Ausstellungsstunden penibel kalkuliert. Wie ORF berichtet, wurde der Hase zuletzt 2019 gezeigt; insgesamt gibt es in der Geschichte der Institution erst zehn solcher Momente.
Diese Exklusivität passt zur langfristigen Strategie des Hauses. Direktor Ralph Gleis steuert die Sammlung nach einem Prinzip, das er „Horizont 100“ nennt.
„Das, was in unsere Sammlungen kommt, sollte noch in 100 Jahren interessant sein.“
Ralph Gleis, Direktor der Albertina, via Kurier
Es ist ein klares Statement gegen kurzfristige Trends. Die aktuelle Jubiläumsschau nutzt die Anziehungskraft solcher „Hausreliquien“, um eine differenzierte Geschichte der Institution zu erzählen, die weit über die bloße Präsentation von Meisterwerken hinausgeht.
Marie Christine: Die unterschätzte Mitbegründerin

Die offizielle Geschichtsschreibung schreibt die Gründung der Sammlung oft primär Herzog Albert von Sachsen-Teschen zu, nach dem das Haus seit 1864 auch benannt ist. Die aktuelle Ausstellung korrigiert dieses Bild und rückt Erzherzogin Marie Christine, die Lieblingstochter von Maria Theresia, ins Zentrum.
Die Geburtsstunde der Institution wird auf einen Tag im Juli 1776 datiert. Damals übergab der Conte Durazzo, der österreichische Gesandte in Venedig, dem Paar ein Konvolut von 10.000 Kupferstichen. Laut Online Merker war dies der Startpunkt einer leidenschaftlichen Sammelwut. Die Ehe zwischen Albert und Marie Christine galt als eine der wenigen echten Liebesheiraten ihrer Zeit, wobei Marie Christines hoher Rang innerhalb des Hauses Habsburg die finanziellen Mittel und Privilegien sicherte, die eine solche Sammlung erst ermöglichten.
Marie Christine war zudem selbst eine begabte Zeichnerin. Die Ausstellung zeigt ihre eigenen Arbeiten und belegt, dass sie nicht nur Geldgeberin, sondern eine aktive Kunstliebhaberin war, die Techniken beherrschte und Vorbilder nachgestaltete.
Der Tausch von 1796: Ein historischer Irrtum mit Weltruf

Der heutige Weltruf der Albertina basiert paradoxerweise auf einer massiven Fehleinschätzung. Im Jahr 1796 kam es zu einem Tauschgeschäft mit der Kaiserlichen Hofbibliothek. Herzog Albert gab Druckgrafiken ab und erhielt im Gegenzug 530 Zeichnungen. Der damalige Präfekt der Bibliothek hielt diese Zeichnungen für minderwertig und bezeichnete sie als „Ausschussware“, die keinen vorzüglichen Wert besitze.
In dieser vermeintlichen minderwertigen Sammlung befanden sich jedoch Werke von Raffael, Hieronymus Bosch und Pieter Bruegel sowie der berühmte „Feldhase“. Wie VOL.AT darlegt, erwies sich die Strategie des Paares, auch Dubletten zu sammeln, als entscheidender Hebel für diesen Coup.
Ein Beispiel für die Tiefe dieser Sammlung ist Pieter Bruegels Werk „Die großen Fische fressen die kleinen“. Das Bild illustriert ein niederländisches Sprichwort, das in der Darstellung durch einen Vater an seinen Sohn vermittelt wird:
„Siehe, Sohn, das habe ich seit Langem gewusst, dass die großen Fische die kleinen fressen“
Pieter Bruegel der Ältere, via Der Standard
Diese Ironie spiegelt sich in der Institutionsgeschichte wider: Was als minderwertig eingestuft wurde, bildet heute das Rückgrat eines der wichtigsten Museen Wiens.
Vom privaten Palais zum globalen Großmuseum
Die Sammlung war ursprünglich mobil. Bevor sie im Jahr 1800 in das Wiener Palais einzog, befand sie sich in Bratislava, Brüssel und Dresden. Die Institution entwickelte sich von einer privaten Leidenschaft hin zu einem öffentlichen Bildungsauftrag. Die Gründer wollten die Allgemeinheit „belehren und erfreuen“, ein aufklärerischer Impuls, der laut Direktor Gleis bis heute fortwirkt.
Die Transformation zum modernen Großmuseum wurde durch gezielte Akquisitionen ganzer Sammlungen in den letzten Jahrzehnten beschleunigt. Der Kurier führt hierzu folgende Meilensteine an:
- 2000: Übernahme der Fotosammlung der Graphischen Bundeslehr- und Versuchsanstalt.
- 2007: Integration der Sammlung Batliner.
- 2013: Integration der Sammlung Essl.
Heute umfasst die Albertina 1,2 Millionen Exponate. Die Ausstellung „Sammeln für die Zukunft“ dokumentiert diesen Weg auch durch die Darstellung von Kriegsschäden und baulichen Veränderungen, wie etwa das umstrittene Flugdach, dessen Entwurf von Hans Hollein im Jahr 2003 sogar auf einem Zwanzigschillingschein abgebildet war.
Indem die Albertina ihre „Best-of“-Werke – von Michelangelos „Rückenakt“ bis zu Egon Schieles „Aktselbstbildnis“ – als Köder einsetzt, zwingt sie den Besucher, die eigene Geschichte der Institution wahrzunehmen. Es ist eine Erzählung über den Wert von Kunst, die oft erst durch den Blick der Zeit und nicht durch die Meinung zeitgenössischer Experten definiert wird.
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