Zum Inhalt springen
Welt

Aktuell: Maricarmen Abascal stirbt nach Zwangsräumung

Die 87-jährige Maricarmen Abascal, deren Zwangsräumung aus ihrer langjährigen Madrider Wohnung landesweite Proteste und eine politische Krise auslöste, ist am Mittwoch im Hospital Gregorio Marañón in Madrid gestorben. Sie erlag den gesundheitlichen Folgen einer monatelangen juristischen Auseinandersetzung und des emotionalen Stresses nach ihrem erzwungenen Auszug.

Die Räumung im Distrikt Retiro und der politische Druck

Am 23. September wurden die Bilder von der betagten Spanierin, die auf einer Trage aus ihrer Wohnung im gehobenen Madrider Stadtteil Retiro getragen wurde, zum Sinnbild der sozialen Krise. Die Immobilienfirma Urbagestión hatte das Gebäude im Jahr 2018 gekauft und den Mietzins von 500 Euro auf 2.650 Euro monatlich erhöht. Diese Summe überstieg die Möglichkeiten der Rentnerin, die von einer monatlichen Pension von 1.400 Euro lebte und ihre Miete unter dem alten Mietkontrollsystem stets pünktlich bezahlt hatte.

Die gewaltsame Szene entfachte umgehend breite Entrüstung. Tausende Menschen strömten noch am selben Abend auf die Strassen von Madrid, während im Zentrum des Landes ein grosses Protestlager auf der Puerta del Sol entstand.

Der Streit um den Mietvertrag und die verpasste Rückkehr

Obwohl das Schicksal der Rentnerin bereits eine Wende erfahren hatte, kam die Rettung zu spät. Fünf Tage nach der Zwangsräumung erzielten die Vertreter der Seniorin und der Eigentümerkonzern eine Vereinbarung über einen neuen Achtjahresvertrag, der eine Miete von rund 500 Euro pro Monat und maximal 30 Prozent ihres Nettoeinkommens vorsah. Sie konnte die Papiere jedoch nicht mehr unterzeichnen, da sie sich seit dem Tag ihrer Ausweisung im Krankenhaus befand.

Wir bedauern ankündigen zu müssen, dass Maricarmen heute von uns gegangen ist. Obwohl ein historisches Abkommen erzielt wurde, das ihr die Rückkehr in ihr Zuhause ermöglicht hätte, kam diese Lösung viel zu spät.

Madrider Mietergewerkschaft, über EL PAÍS English

Die genaue Todesursache wurde von ihrer Rechtsanwältin Beatriz Duro gegenüber dem Sender Cadena Ser nicht genannt, während Wegbegleiter und die Mietergewerkschaft den körperlichen Verfall auf die Belastungen des juristischen Tauziehens zurückführten. Nach Angaben der Madrider Mietergewerkschaft und ihrer Sprecherin Alicia del Río setzte die Spekulation im Immobiliensektor dem Leben von Maricarmen ein Ende. Die Gewerkschaftssprecherin erklärte in einer Stellungnahme, dass Profitgier und Rentenwirtschaft letztlich zum Tod der Kollegin geführt hätten, auch wenn ihr Andenken weiterlebe. Die spanische Gesundheitsministerin Mónica García erklärte dazu, dass die Notlage der Rentnerin das Bewusstsein im ganzen Land geweckt und eine unaufhaltsame Flamme entfacht habe. Ihrer Ansicht nach zeigten Würde und Mut den richtigen Weg auf. Die Podemos-Europaabgeordnete und ehemalige Gleichstellungsministerin Irene Montero äußerte sich noch drastischer und bezeichnete den Vorfall in den sozialen Medien als Mord. In einer Videobotschaft aus dem Krankenbett hatte die betagte Spanierin zuvor selbst dazu aufgerufen, für das eigene Recht zu kämpfen und hartnäckig zu bleiben, auch wenn sie selbst die Verteidigung ihres Zuhauses nicht habe durchsetzen können.

Trauer und Kundgebungen vor dem Parlament in Madrid

Nach Bekanntwerden ihres Todes versammelten sich hunderte Demonstrierende spontan vor dem spanischen Parlament und dem Protestcamp auf der Puerta del Sol. Mit einer Schweigeminute gedachten die Anwesenden der Verstorbenen, gefolgt von Parolen wie Maricarmen lebt, der Kampf geht weiter. Eine Teilnehmerin, die 32-jährige Psychologin Iciar López, äußerte im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Associated Press tiefe Trauer und Frustration über die Zustände. Auch junge Demonstrierende wie der 22-jährige Eugenio Melchor machten ihrem Ärger Luft und betonten, dass die Seniorin lediglich habe in ihrer vertrauten Umgebung sterben wollen. Im Anschluss an die Proteste marschierten mehrere Hundert Menschen von der Puerta del Sol zum spanischen Abgeordnetenhaus und skandierten, dass man keine einzige Zwangsräumung mehr tolerieren werde. In ähnlicher Weise forderten Kritiker wie der linke Parlamentarier Gabriel Rufián von der Partei ERC ein sofortiges Eingreifen der Politik, um die Regierung durch die Dynamik der Wohnungsnot herauszufordern. Gewerkschaften kündigten zudem für den 11. November einen landesweiten Generalstreik an, der die anhaltende Unzufriedenheit mit der Wohnungspolitik im Land bündeln soll.

Politische Reaktionen folgten auf allen Ebenen. Premierminister Sánchez drückte den Angehörigen sein Beileid aus und schrieb im Onlinedienst X, er umarme alle, die diesen Verlust als den eigenen empfinden. Auch der konservative Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo mahnte Respekt an und erklärte, beim Tod eines Menschen dürfe es keine Selbstinszenierung für Parteipolitik geben. Über seine Social-Media-Kanäle betonte Feijóo, dass weder Wahlkämpfe noch politische Parteien oder eigennützige Ausbeutung angebracht seien, und forderte rein respektvollen Umgang mit dem Todesfall.

Aktuell: Maricarmen Abascal stirbt nach Zwangsräumung
Foto: BBC

Die Regierung unter Pedro Sánchez wies unterdessen darauf hin, dass rund 26 Prozent der Mieterhaushalte in Spanien etwa 40 Prozent ihres Einkommens für Miete und Nebenkosten aufwenden müssen, während der entsprechende Durchschnitt in der Europäischen Union lediglich bei 18 Prozent liegt. Laut Angaben von Immobilienportalen wie Idealista hat sich die Durchschnittsmiete im Land im Laufe des vergangenen Jahrzehnts nahezu verdoppelt, was den sozialen Druck in den urbanen Zentren massiv verschärft hat.

Für die Beisetzung hatte die Verstorbene vor ihrem Ableben zwei konkrete Wünsche geäussert: Sie wollte in ihrer angestammten Wohnung sterben und wünschte sich, dass ihre Asche später im Kantabrischen Meer verstreut wird. Obwohl der letzte Wunsch vom plötzlichen Tod im Krankenhaus durchkreuzt wurde, blieben ihre persönlichen Habseligkeiten auf das Wesentliche beschränkt; Berichten zufolge hatte sie in das Hospital lediglich schwarz-weiße Familienfotografien mitgenommen.

Die rechtliche Vertretung der Familie bestätigte, dass der Fall internationale Aufmerksamkeit erregt und das Ausmass der Gewalt verdeutlicht habe, das mit solchen Zwangsräumungen einhergeht. Die Anwältin Beatriz Duro erklärte gegenüber den Medien, die Bilder des gewaltsamen Auszugs hätten weltweit schockiert und die verheerenden gesundheitlichen Folgen für verletzliche Personen offengelegt. Während die Proteste im Land anhalten, ist noch unklar, welche nachhaltigen politischen Reformen aus dem Fall hervorgehen werden.

Teilen Facebook X WhatsApp E-Mail
Anna Richter

Über den Autor

Anna Richter leitet das Weltressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet ueber internationale Politik, Diplomatie und geopolitische Entwicklungen mit Fokus auf Kontext, Verlaesslichkeit und Relevanz fuer deutschsprachige Leser.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.