Mehr als neun Monate nach dem tödlichen Schuss eines ICE-Agenten auf Renee Good in Minneapolis hat ihre Familie am 1. Oktober 2026 zwei Bundesklagen eingereicht. Die Zivilklagen richten sich gegen die US-Regierung, den beteiligten Beamten sowie hochrangige Regierungsvertreter und werfen den Behörden rechtswidrige Gewaltanwendung und eine diskriminierende Verschwörung vor.
Zwei Bundesklagen in Minneapolis
Die Familie der 37-jährigen US-Amerikanerin Renee Good hat am Donnerstag, den 1. Oktober 2026, vor einem Bundesgericht in Minnesota zwei Zivilklagen eingereicht. Good war am 7. Januar 2026 während des umstrittenen Einsatzes namens Operation Metro Surge in Minneapolis von einem Beamten der US-Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) erschossen worden. Die juristischen Schritte umfassen zum einen eine Klage gegen die Vereinigten Staaten von Amerika nach dem Bundeshaftungsgesetz Federal Tort Claims Act, die widerrechtliche Tötung, Körperverletzung, Freiheitsberaubung sowie fahrlässiges Handeln geltend macht.

Eine zweite Klage benennt konkrete Verantwortliche als Beklagte. Dazu zählen der ICE-Agent Jonathan Ross, der den tödlichen Schuss abfeuerte, sowie mehrere prominente Vertreter der damaligen Regierungsspitze, darunter die frühere Ministerin für Innere Sicherheit Kristi Noem und der stellvertretende Stabschef des Weißen Hauses für Politik Stephen Miller.
Angeführt werden die zivilrechtlichen Schritte von Brent Ganger als Treuhänder für die nächsten Angehörigen von Renee Nicole Macklin Good — zu denen ihre drei Kinder, ihre Eltern und ihre Geschwister gehören — sowie von Becca Good, der Partnerin der Getöteten. Die Klagen fordern nicht bezifferte Schadensersatzleistungen für das immense Leid, das Renee in ihren letzten Momenten erdulden musste, sowie für die dauerhaften Verluste der Familie und die Verletzungen der Partnerin, die den Vorfall vor Ort miterlebte.
Chronologie und Widersprüche beim Einsatz am 7. Januar
Am Morgen des 7. Januar gegen 9:30 Uhr hielt Renee Good, eine Mutter von drei Kindern, die ihren sechsjährigen Sohn kurz zuvor in der Schule abgesetzt hatte, mit ihrem braunen Honda Pilot in einer verschneiten Wohnstraße in Süd-Minneapolis in der Nähe der East 34th Street und der Portland Avenue. Zeugenaussagen und Videoaufnahmen von Passanten sowie eine vom beteiligten Agenten Ross aufgezeichnete Handykamera dokumentierten die Minuten vor den tödlichen Schüssen. Ihr Fahrzeug stand einige Minuten quer zur Fahrbahn und behinderte den Verkehr, während Becca Good auf dem Gehweg stand, um Videoaufnahmen zu machen.
Good legte den Rückwärtsgang ein, setzte kurz zurück und veränderte dann den Lenkeinschlag, während Becca Good von draußen rief, sie solle weiterfahren. Ross wich aus, zog seine Dienstwaffe, feuerte zunächst durch die Windschutzscheibe und danach aus kurzer Nähe durch das offene Seitenfenster auf der Fahrerseite, während der Wagen langsam vorwärtsrollte und vom Agenten wegfuhr. Eine Kugel traf Good am linken Schläfenbereich, an der Brust und am Unterarm; im Anschluss rollte der SUV davon, und auf dem Video von Ross war zu hören, wie eine männliche Stimme eine abwertende Beleidigung äußerte. Good wurde in ein nahegelegenes Krankenhaus gebracht und dort für tot erklärt.

Das Department of Homeland Security erklärte unmittelbar nach dem Vorfall, der Beamte habe in Notwehr gehandelt, da Good ihr Fahrzeug als Waffe eingesetzt habe, um Einsatzkräfte zu überfahren, und der Agent aus Angst um sein Leben Schüsse zur Abwehr abgegeben habe. Diese Darstellung stieß in der Öffentlichkeit auf heftigen Widerstand. Beobachter und die Partnerin der Getöteten widersprachen der offiziellen Version vehement, und auch Videoaufnahmen widersprachen den Angaben der Bundesbehörden.
Reaktionen von Angehörigen und Forderungen nach Aufklärung
Die Einreichung der Klagen folgt auf eine Phase intensiver parlamentarischer und öffentlicher Debatten. Wenige Tage vor den Klageerhebungen hatten die Mutter und der Bruder von Renee Good, Donna Ganger und Brent Ganger, vor einem gemeinsamen Unterhausausschuss des US-Senats ausgesagt, der von den demokratischen Senatoren Richard Blumenthal aus Connecticut und Robert Garcia aus Kalifornien geleitet wurde.
Nach dem Tod Good und der im gleichen Monat erfolgten Tötung des Intensivpflegers Alex Pretti durch Grenzschutzbeamte geriet die Operation Metro Surge, bei der rund 3.000 Bundesagenten in die Zwillingsstädte entsandt worden waren, massiv in die Kritik. Die Einsätze führten zu landesweiten Protesten und Widerstand bei regionalen Führungspersönlichkeiten, bis das Vorgehen im Februar schrittweise heruntergefahren und vollständig eingestellt wurde. Der Grenzbeauftragte Tom Homan übernahm daraufhin die Leitung von dem bisherigen Grenzschutz-Kommandanten Gregory Bovino.
Namen und Vorwürfe der erweiterten Zivilklage
Neben dem direkt beteiligten Beamten Jonathan Ross und der Regierung der Vereinigten Staaten benennt die zweite Zivilklage eine Reihe von hochrangigen Akteuren und ehemaligen Verantwortlichen der US-Sicherheits- und Einwanderungspolitik.

- Jonathan Ross, ICE-Agent
- Stephen Miller, stellvertretender Stabschef für Politik im Weißen Haus
- Kristi Noem, ehemalige Ministerin für Innere Sicherheit
- Tom Homan, Grenzbeauftragter des Weißen Hauses
- Gregory Bovino, ehemaliger Grenzsicherheitskommandeur
- Corey Lewandowski, ehemaliger Berater im Heimatschutzministerium
- Todd Lyons, ehemaliger kommissarischer ICE-Leiter
- Zehn anonyme Bundesagenten (John Doe 1–10)
Die Anwälte der Kanzleien Romanucci & Blandin sowie Riach Law fordern vor Gericht einen Geschworenenprozess und Schadensersatz für das erlittene Leid, die psychischen Verletzungen von Becca Good sowie den dauerhaften Verlust für die Familie. Gleichzeitig prüft die Staatsanwaltschaft im Hennepin County nach einer Beweisübergabe durch das Justizministerium im Juli weiterhin mögliche strafrechtliche Schritte gegen die beteiligten Agenten.