Die Bank of England warnt vor schweren Marktrisiken durch den weltweiten Boom und die massive Kreditvergabe im Sektor der Künstlichen Intelligenz. Zentralbankgouverneur Andrew Bailey verweist auf stark gestiegene Bewertungen und mahnt an, dass nicht jedes Unternehmen als Gewinner aus der Entwicklung hervorgehen wird.
Die rapide Expansion der Künstlichen Intelligenz birgt nach Einschätzung der britischen Notenbank erhebliche Gefahren für die Stabilität der Finanzmärkte. In ihrem aktuellen Quartalsbericht zur Finanzstabilität warnt die Bank of England vor einer potenziell schärferen Korrektur der Bewertungen im Technologiesektor als noch im Juli. Die Zentralbank verweist darauf, dass vernetzte Schwachstellen im globalen Finanzsystem zunehmen und das Risiko mehrerer gleichzeitig auftretender Krisenherde steigt.
Besonders die enorme Verschuldung im Zusammenhang mit der KI-Infrastruktur bereitet den Währungshütern Sorgen. Die KI-bezogene Kreditvergabe erreichte im Jahr bis September ein Volumen von 450 Milliarden US-Dollar, was einer Verdopplung gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht. Diese Schätzungen basieren auf Analysen von Morgan Stanley. Die globale Neuemission von Schuldtiteln im KI-Bereich wird voraussichtlich sogar das Volumen der britischen Staatsanleihenemissionen im laufenden Jahr übertreffen.
Andrew Bailey warnt im BBC-Interview vor überzogenen Markterwartungen
Zentralbankgouverneur Andrew Bailey erklärte in einem exklusiven Interview mit der BBC, dass die britische Wirtschaft auf mögliche Marktschocks vorbereitet sein müsse. Er betonte, dass die Notenbank die immensen Investitionen in die neue Technologie sehr genau beobachte.

Andrew Bailey erklärte, dass die Gelder, die in den letzten Jahren in der Hoffnung auf große Renditen für KI-Unternehmen ausgegeben und diesen geliehen wurden, dazu führen, dass die Märkte einige von ihnen als multi-trillion-Dollar-Unternehmen bewerten. Auf die Frage, ob eine KI-Blase platzen könnte, räumte Bailey ein, dass man zu einem gewissen Zeitpunkt eine Korrektur der Vermögenspreise sehen könnte. Zwar besitze die Technologie ein großes Potenzial zur Stärkung des Wirtschaftswachstums, doch bringe sie eben auch erhebliche Risiken mit sich.
Der Chipkonzern Nvidia gilt derzeit mit einer Marktbewertung von 5,5 Billionen US-Dollar (rund 4,14 Billionen Pfund) als das wertvollste börsennotierte Unternehmen weltweit. Zugleich investieren Tech-Giganten wie Alphabet, Meta, Microsoft und Amazon dreistellige Milliardenbeträge in die Technologie. Auch führende KI-Entwickler wie Anthropic und OpenAI bereiten Börsengänge am US-Markt vor, wodurch weitere Hunderte Milliarden Dollar in den Sektor fließen dürften.
Everybody is currently priced to be a winner, but you look back at the past, not everybody is a winner. Google was not the first market leader in internet search. It was Netscape. Nobody can remember Netscape today. It doesn’t exist. So not everybody always wins.
Andrew Bailey, Gouverneur der Bank of England, via BBC
Auswirkungen auf Staatsanleihen und Regulierung der Finanzmärkte
Die britischen Währungshüter weisen darauf hin, dass die langfristigen Wachstumsaussichten stark von der Erwartung abhängen, dass KI die Produktivität ankurbelt. Sollten diese Erwartungen enttäuscht werden, drohen nicht nur fallende Aktienkurse, sondern auch negative Rückkopplungseffekte auf die Märkte für Staatsanleihen. Der Ausschuss für Finanzpolitik (Financial Policy Committee) warnt vor einer wachsenden Verwundbarkeit risikoreicher Kreditmärkte.
Parallel dazu hat die Notenbank angekündigt, die Kapitalanforderungen für britische Banken durch eine Lockerung der Verschuldungsquote (Leverage Ratio) zu senken. Gleichzeitig verdoppelten sich die Kredite britischer Banken an Hedgefonds und andere Schattenbanken im Repo-Markt für Staatsanleihen seit 2023 auf rund 200 Milliarden Pfund. Die Bank of England plant daher für Anfang 2027 Konsultationen über Reformen des Marktes für Staatsanleihen, um die Risiken dieser Hebeleffekte einzudämmen.
In einem begleitenden Beitrag betonte Bailey, dass Regulierer nicht untätig zusehen dürfen, mahnte jedoch einen schrittweisen Ansatz an. Vor der Einführung formaler Regeln müsse zunächst ein fundiertes Verständnis der Technologie sowie eine strenge Überprüfung von Sicherheits- und Cyberrisiken stehen.
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