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Technik und Wissenschaft

Prokrastination ist ein grundlegendes Impuls-Tauziehen

Prokrastination ist laut einem Cambridge-Forscher keine reine Frage von Motivation oder Zeitmanagement, sondern ein psychologisches Tauziehen zwischen dem Suchen nach positiven Erfahrungen und dem Vermeiden von Schmerz. Wer Aufgaben aufschiebt, folgt dem Unmittelbarkeits- und Hedonismus-Prinzip, was Itamar Shatz zufolge neun verschiedene Archetypen hervorbringt.

Ob eine Hausaufgabe, ein unangenehmes Gespräch oder das schon lange fällige Putzen: Viele Menschen neigen dazu, lästige Aufgaben aufzuschieben. In manchen Fällen kann das fatale Folgen haben. Laut der Analyse verpassen Betroffene wichtige Fristen, schneiden in Prüfungen schlecht ab oder bekommen Ärger mit Kollegen, dem Chef oder der Familie. Häufig müssen sie hinterher doppelte Arbeit investieren, um das Aufschieben wieder wettzumachen.

Das psychologische Tauziehen und das Unmittelbarkeits-Prinzip

Der Hang zur sogenannten Aufschieberitis lässt sich laut Experten nicht einfach durch gute Vorsätze beseitigen. Die Prokrastination ist nicht einfach nur eine Frage der Motivation oder des Zeitmanagements – das ist ein wenig hilfreicher Irrglaube, erklärt Itamar Shatz von der University of Cambridge. Stattdessen entsteht das Phänomen laut der Auswertung von hundert Studien aus Psychologie und Neuroforschung durch ein grundlegendes Impuls-Tauziehen. Menschen sind demnach von Natur aus darauf gepolt, positive Erfahrungen zu suchen und negative Erlebnisse wie Schmerz zu vermeiden.

Dieser tiefsitzende Mechanismus sorgt dafür, dass Menschen potenziell unangenehmen Aufgaben am liebsten aus dem Weg gehen. Anstatt die To-Do-Liste abzuarbeiten, greifen Betroffene oft zu Aktivitäten, die sofort ein gutes Gefühl vermitteln, wie etwa das Anschauen lustiger Videos. Laut Shatz hilft dies jedoch nur bedingt: Unterbewusst verursachen die unerledigten Aufgaben dennoch Stress und mindern das Vergnügen.

Der Grund liegt darin, dass wir auch darauf programmiert sind, uns auf das zu fokussieren, was direkt vor uns liegt. Wenn dieses Unmittelbarkeits-Prinzip mit dem hedonistischen Prinzip zusammentrifft, folgen wir nicht dem, was uns langfristig guttut, sondern tun das, was gerade jetzt angenehmer ist.

Itamar Shatz, University of Cambridge

Neun Archetypen der Prokrastination nach Itamar Shatz

Aus seiner Auswertung zahlreicher Studien hat Itamar Shatz neun verschiedene Archetypen von Prokrastination identifiziert, die sich in ihren psychologischen Beweggründen und Persönlichkeitsmerkmalen unterscheiden. Laut dem Forscher kann eine Person dabei auch mehrere dieser Aufschiebetypen verkörpern. Je nach Persönlichkeit und Situation neigt jemand dazu, als Sorgenmacher, Pessimist, Perfektionist, Träumer, Unentschlossener, Rebell, Adrenalinjunkie, Hedonist oder psychisch Ausgebrannter zu agieren.

Bei einigen Typen steht das Vermeiden im Vordergrund. Sorgenmacher befürchten laut der Analyse, dass beim Handeln etwas schiefgehen könnte, weshalb sie genau das unterlassen, was zur Vermeidung der Probleme nötig wäre. Pessimisten denken unterschwellig, dass ihnen die Aufgabe ohnehin nicht gelingt, und sehen keinen Sinn darin, es zu versuchen. Perfektionisten wiederum scheitern an ihrem eigenen Anspruch: Sie wollen alles richtig machen und sind aus Angst vor Fehlern wie gelähmt oder durch unerreichbare Maßstäbe entmutigt.

Ablenkung durch Träumer, Hedonisten und Unentschlossene

Ein anderes Problem liegt bei bestimmten Typen in der Ablenkung. Träumer verlieren die Gegenwart durch Pläne, Fantasien und Wunschvorstellungen zur Zukunft aus den Augen. Hedonisten konzentrieren sich strikt auf das momentane Wohlgefühl, bei dem das Erledigen unangenehmer Dinge keinen Platz hat. Unentschlossene, von Shatz als Zigzagger bezeichnet, kämpfen dagegen damit, sich auf eine Sache zu konzentrieren, schweifen immer wieder ab und geraten dadurch in Verzug.

Um aus diesen Verhaltensmustern auszusteigen, empfiehlt Itamar Shatz maßgeschneiderte Wege. Sorgenmacher sollen ihre Ängste beleuchten, Aufgaben in überschaubare Schritte unterteilen, Perfektionismus ablegen und ihre Selbstwirksamkeit stärken. Wer zu Perfektionismus neigt, sollte gut genug statt perfekt anstreben, sich Fehler zugestehen und sich auf die eigenen Ziele konzentrieren. Unentschlossenen rät der Cambridge-Forscher, sich konkrete Ziele zu setzen, die Aufgaben in kleine Schritte aufzuteilen und diese idealerweise schriftlich festzuhalten.

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Clara Vogt

Über den Autor

Clara Vogt verantwortet das Ressort Technik und Wissenschaft. Sie schreibt ueber KI, Digitalisierung, Forschung und Innovation und uebersetzt komplexe Entwicklungen in klaren, belastbaren Journalismus.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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