Trotz der seit Februar anhaltenden US-Militäraktion gegen den Iran sind die globalen Erdölpreise bisher weit hinter den befürchteten Verdopplungen zurückgeblieben.
Als US-Präsident Donald Trump im späten Februar seine Operationen gegen den Iran startete, warnten Energieanalysten vor drastischen Szenarien. Eine langwierige Eskalation, so die Prognosen, könnte die Ölpreise auf das Doppelte treiben und Investoren sowie Autofahrer auf eine harte Belastungsprobe stellen. Sechs Monate nach Beginn des Konflikts zeigt sich jedoch ein weniger katastrophales Bild: Zwar bleibt der Markt volatil, doch die extremsten Preisprognosen sind bislang ausgeblieben.
Ein zentraler Grund dafür liegt laut Beobachtern in Peking. Der chinesische Präsident Xi Jinping kann für sich in Anspruch nehmen, dass die Energiestrategie seines Landes Schlimmeres für die Weltwirtschaft verhindert hat. China ist der weltweit zweitgrößte Ölkonsument und der wichtigste Abnehmer iranischen Öls. Dennoch kam das Land verhältnismäßig glimpflich durch die turbulente Phase, was Experten als Bestätigung für die staatliche Planung werten.
Chinas strategische Ölreserven dämpfen den globalen Preisschock
Nach Angaben der U.S. Bis Ende des vergangenen Jahres wuchs dieser Puffer auf rund 1,4 Milliarden Barrel an. Die Verankerung von Energie-Selbstversorgung im neuesten Fünfjahresplan von Präsident Xi erwies sich als entscheidender Schutzschild gegen ausländische Versorgungsrisiken.
Als die USA und Israel den Iran bombardierten und Teheran infolgedessen faktisch die Straße von Hormus schloss, konnte Peking massiv auf diese Reserven zurückgreifen und die eigenen Rohölimporte drastisch drosseln. Zusätzliche Entlastung brachte der verstärkte Einsatz von Elektrofahrzeugen und alternativen Energiequellen in den letzten Jahren.
Mark Montgomery, pensionierter Konteradmiral der U.S. Navy und Analyst bei der Foundation for Defense of Democracies, erklärte, die Chinesen verdienten Lob, da sie in zehn Jahren das geschafft hätten, wofür die Vereinigten Staaten nach der Ölkrise von 1973 25 Jahre gebraucht hätten: nämlich tatsächlich eine Art strategische Erdölreserve aufzubauen, die es ermögliche, eine solche Lage zu überstehen.
Durch die gedrosselte Importnachfrage Chinas wurde der globale Markt entlastet. Das weichere Nachfrageverhalten schwächte den extremen Preisdruck für die Vereinigten Staaten, Europa und andere Regionen ab. Rosemary Kelanic, Direktorin des Nahost-Programms beim Thinktank Defense Priorities in Washington, erklärte mit Blick auf die Rolle der chinesischen Reserven für die globale Wirtschaft, dass man sich auf sonderbare Weise auf Kosten Pekings durchgemogelt habe.
Anhaltende Risiken im Nahen Osten und drohende Preissprünge
Trotz der stabilisierenden Wirkung der chinesischen Vorräte bleibt die Situation im Welterdölmarkt extrem angespannt. Jüngste Angriffe iranisch unterstützter Milizen zwangen Saudi-Arabien dazu, eine wichtige Pipeline vorübergehend zu schließen, die Rohöl quer durch das Königreich zu den Häfen am Roten Meer transportiert. Gleichzeitig haben jemenitische Houthi-Rebellen zwei strategische Inseln im südlichen Roten Meer besetzt, wodurch ihre Fähigkeit zur Störung dieser maritimen Handelsroute deutlich gestiegen ist.
Geplante Gespräche von Golfstaaten zur Wiedereröffnung der Straße von Hormus wurden aufgeschoben. Vor seinem Treffen mit dem chinesischen Staatschef plant US-Präsident Trump am kommenden Dienstag in New York am Rande der UN-Generalversammlung Gespräche mit Führern des Kooperationsrates der Arabischen Staaten des Golfs, dem Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar, Oman, Kuwait und Bahrain angehören.

Die Preisentwicklung spiegelt diese Fragilität wider. Im vergangenen Jahr lag der Preis für Brent-Rohöl im Durchschnitt bei etwa 69 US-Dollar je Barrel. Nach einem kurzen Höchststand von rund 126 US-Dollar Ende April bewegt sich der Preis aktuell bei etwa 100 US-Dollar je Barrel. Für die zweite Jahreshälfte prognostizieren Analysten der Bank of America einen Durchschnittspreis von 83 US-Dollar je Barrel, warnen jedoch vor weitergehenden Gefahren.
Sollte die Gewalt weiter eskalieren und den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus dauerhaft blockieren, könnten die Ölpreise nach Einschätzung der Bank of America auf 95 bis 120 US-Dollar je Barrel steigen. Bei direkten Beschädigungen zentraler Energieinfrastruktur drohen demnach sogar Preisspitzen von bis zu 150 US-Dollar je Barrel.