Astronomen haben erstmals intensive Radiosignale von einem Gezeiten-Zerreißereignis außerhalb eines Galaxienkerns nachgewiesen. Das Phänomen mit der Bezeichnung AT2024tvd ereignete sich in großem Abstand zum Zentrum seiner Heimatgalaxie und wirft neue Fragen über den Verbleib supermassereicher Schwarzer Löcher auf.
Im Außenbereich einer fernen Galaxie haben Forschende ein verwaistes, wanderndes Schwarzes Loch aufgespürt, das einen Stern verschlungen hat. Das Ereignis wurde im November 2025 durch die Himmelsdurchmusterung der Zwicky Transient Facility am Palomar-Observatorium in Südkalifornien entdeckt. Ein neuer Algorithmus mit Künstlicher Intelligenz erkannte das Aufleuchten automatisch als mögliches Gezeiten-Zerreißereignis, wie die Nasa mitteilte.
Entdeckung eines verwaisten Schwarzen Lochs durch automatisierte Künstliche Intelligenz
Fast jede große Galaxie beherbergt in ihrem Zentrum ein supermassereiches Schwarzes Loch. In der Vergangenheit suchten Forschende daher primär im Kernbereich nach sogenannten Tidal Disruption Events, bei denen die enorme Schwerkraft eines Schwarzen Lochs einen zu nahe kommenden Stern zerreißt. Das nun untersuchte Objekt befindet sich jedoch weit abseits des Zentrums. Nach Angaben des Fachmagazins New Scientist liegt das Ereignis mehr als 30.000 Lichtjahre vom Galaxienzentrum entfernt.
Ein automatisierter KI-Algorithmus der Zwicky Transient Facility filterte den Lichtblitz aus rund einer halben Million Signalen heraus, die das System jede Nacht aufzeichnet. Anschließend bestätigten weitere Instrumente die Interpretation, darunter das SOAR-Teleskop in Chile sowie das Neil Gehrels Swift Observatory der Nasa. Das ultraviolette Licht des Ereignisses überstrahlte zeitweise die gesamte Heimatgalaxie und erreichte eine Leuchtkraft von rund 10 Milliarden Sonnen.
Unerwartete Radiosignale und die Suche nach dem Ursprung
Folgemaobachtungen offenbarten eine weitere Besonderheit. Astronomen detektierten intensive und sich schnell verändernde Funksignale, die von dem Ereignis ausgingen. Forschende der University of California-Berkeley leiteten die Radiomessungen und stellten dabei ungewöhnliche Verläufe fest. Konkret verzeichneten sie ein Paar kräftiger Funkausbrüche: den ersten 131 Tage nach der Entdeckung und einen noch stärkeren nach 194 Tagen.
Itai Sfaradi, postdoctoral researcher at the University of California-Berkeley, erklärte, dass dies wahrhaft außergewöhnlich sei; nicht nur habe man zum ersten Mal eine derartig helle Radioemission von einem Gezeiten-Zerreißereignis beobachtet, das fernab eines Galaxienzentrums stattfindet, sondern diese entwickele sich auch schneller als alles, was man bisher gesehen habe.
Die extrem steile Gravitationsfalle des supermassereichen Schwarzen Lochs, dessen Masse etwa den millionenfachen Wert unserer Sonne erreicht, zerriss den Stern innerhalb weniger Stunden in einen schmalen Strom aus Atomen. Dieser Prozess setzte Schockwellen frei, als Material auf umgebendes Gas prallte, was wiederum die gemessenen Radioemissionen erzeugte.
Hinweise auf verschmolzene Galaxien im Kosmos
Wie das Schwarze Loch so weit an den Rand geraten ist, bleibt Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Fachleute ziehen zwei wesentliche Entstehungsszenarien in Betracht. Entweder wurde das Objekt bei der Verschmelzung von drei oder mehr Galaxien durch das Zusammenspiel der Gravitationskräfte an den Rand geschleudert, oder es stammt aus einer Zwerggalaxie, die mit einer anderen verschmolzen ist. Die Veröffentlichung im The Astrophysical Journal Letters vom 13. Oktober liefert Daten, die diese Hypothesen stützen.

Zusätzlich zeigt eine Auswertung der Radiobeobachtungen, dass im Zentrum derselben Heimatgalaxie ein weiteres, wesentlich unauffälligeres supermassereiches Schwarzes Loch existiert. Dieser Umstand lässt laut wissenschaftlicher Analysen der University of California-Berkeley vermuten, dass das System tatsächlich aus einer früheren Galaxienkollision hervorgegangen ist. Forschende gehen davon aus, dass solche wandernden Giganten im Universum weit verbreitet sind und meist unsichtbar bleiben, bis ein unvorsichtiger Stern ihren Weg kreuzt.
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