Ein politischer Streit um die Band Alphaville auf dem Glücksgefühle-Festival am Hockenheimring hat zu einer Welle von Protesten auf der Bühne geführt. Zahlreiche Künstler setzten trotz des von den Veranstaltern gewünschten Mottos „Good Vibes Onlydeutliche Zeichen gegen Rechtsextremismus.
Ausgeladene Band löst Welle von Statements aus
«Good Vibes Only» statt politischer Statements – das hatten sich die Veranstalter des Glücksgefühle-Festivals auf dem Hockenheimring erhofft. Doch das Hin und Her um die Ausladung der Band Alphaville hat die meisten Stars erst recht ermuntert, deutliche Zeichen zu setzen. Die Organisatoren hatten zuvor erklärt, ihr Festival sei «keine Plattform für politische Äußerungen». Da sich die Band bei einer früheren Veranstaltung mehrfach politisch geäußert hatte, wurde sie ausgeladen – und später wieder eingeladen. Sie akzeptierte die Entschuldigung der Veranstalter, verzichtete aber auf den Auftritt.
Mitveranstalter Markus Krampe bat um Entschuldigung und nannte die Entscheidung «superdämlich». Er hätte es aber begrüßt, wenn die Band nach der Wiedereinladung aufgetreten wäre – «dann hätten wir vielleicht auch ein Zeichen setzen können». Ex-Fußballstar und Mitorganisator Lukas Podolski stellte sich trotz der Kontroverse hinter seinen Partner: «Jeder macht irgendwie mal ein Missgeschick, einen Fehler im Leben.»
Dieser Vorfall verfehlte seine Wirkung auf die Künstler im Line-up nicht. Angespornt auch durch die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt positionierten sie sich lautstark gegen rechtsextremistische Tendenzen und warben für Vielfalt und Demokratie. Für die Berliner Band Culcha Candela wurde Glücksgefühle so «zum politischsten Festival Deutschlands». Viele weitere Künstler wie etwa die Band Culcha Candela hatten ebenfalls angekündigt, sich auf der Bühne politisch äußern zu wollen.
DJ Felix Jaehn, No Angels und Culcha Candela auf der Bühne
Die Reaktionen auf den Bühnen ließen an Eindeutigkeit kaum zu wünschen übrig. «Willkommen auf der politischen Veranstaltung», rief DJ Felix Jaehn von der Bühne und spielte kurz vor der Landtagswahl unter anderem einen Anti-AfD-Song. Die Pop-Girlband No Angels machte ihrer Abneigung gegen die Partei auf T-Shirts mit der Aufschrift «FCK AFD» Luft. Die AfD wird in Sachsen-Anhalt vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft. Die vier Frauen forderten zudem dazu auf, beim Wählen auch «das Kleingedruckte» zu lesen. «Es gibt viele, die euch einen vormachen und groß reden», sagten sie.
Auch Rapper wie Materia und Nura positionierten sich unmissverständlich. Rapper Materia äußerte am Freitagabend seine «Solidarität mit Alphaville» und rief: «Das ist für die Kunst, für die Freiheit, für Toleranz, für demokratische Werte». Auch Rapperin Nura sang «Forever Young» und sagte: «Wenn man mich bucht, dann kriegt man auf jeden Fall keine unpolitische Show». Auch der derzeit bekannteste Deutschrapper Ski Aggu bezeichnete es als «selbstverständlich, dass man für Werte eintritt, einsteht, wie Demokratie, Meinungsfreiheit, Freiheit». Auch der Männerchor Die Grünen Gürtelrosen
animierte das Publikum zum Mitsingen von „Forever Young, während dessen Gründungsmitglied Sebastian Mortan rief:
Gerade an diesem Wochenende: Scheiß AfD, alle Hände hoch für Alphaville!“. Auch Sänger Zartmann, der auf dem Hockenheimring den Abschluss seiner Tour feierte, nutzte seinen Auftritt für ein Statement gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Sexismus. Er werde sein Leben lang den Mund aufmachen – «egal wo, egal wann, egal wie viele was dagegen haben».
Marian Gold warnt vor Demokratiefeinden und Rechtsruck
Alphaville-Sänger Marian Gold ließ das nicht gelten. «Was die Festivalmacher durchsetzen wollten, ist Beschneidung», sagte der 72-Jährige dem «Spiegel». Veranstalter könnten nicht einfach Dinge ausblenden, weil ihnen Positionen eines Künstlers nicht passten.
Gold warnte vor rechtsradikalen Tendenzen in Deutschland. Es sei höchste Zeit, demokratiefeindlichen und rechtsradikalen Bewegungen entschieden entgegenzutreten. Wenn solche Kräfte durch Wahlen in Ämter gelangten und Grundrechte einschränken könnten, dann heiße es «gute Nacht, Deutschland», sagte er.
«Forever Young» avanciert zur inoffiziellen Hymne
Der mittlerweile zurückgenommene Versuch der Veranstalter, durch die Ausladung der Band Alphaville politische Statements auf dem Glücksgefühle-Festival am Hockenheimring zu unterbinden, hat das genaue Gegenteil bewirkt: Viele der eingeladenen Künstler haben ihre Zeit auf der Bühne für politische Statements genutzt, meist gefolgt von Alphavilles größtem Hit „Forever Young“.

Bereits am Donnerstagabend hatte Alle Farben den Song auf der Pre-Party gespielt. Tom Gregory spielte den Song bei seinem Auftritt direkt zum Einstieg. Das vor 41 Jahren erschienene „Forever Younghat damit über das Wochenende eine neue Bedeutung bekommen. Unpolitisch war der Song allerdings von vornherein nicht. Bei
Forever Younghandelt es sich nämlich nicht um eine seichte Hymne an die Jugend. Mit Zeilen wie
Hoping for the best, but expecting the worst, are you gonna drop the bomb or not?“ fingen Alphaville die Gefühle junger Menschen ein, die in einer Zeit der sich zuspitzenden Aufrüstungsspirale im Kalten Krieg aufwuchsen. Eine Jugend, die jederzeit mit dem nuklearen Armageddon hätte enden können. Wenn Sänger Marian Gold also fragt: Do you really want to live forever?
, klingt nicht nur die Angst vor dem Altern durch, sondern auch das Nachdenken über einen viel zu frühen Tod im sinnlosen Konflikt der Weltmächte. Ein weiterer Grund, das Lied gerade heute wieder zu hören. Und ein weiteres Argument dafür, dass auch vermeintlich schnulzig daherkommender Pop selten unpolitisch ist.