Zum Inhalt springen
Welt

Malta: Jury spricht Yorgen Fenech im Mordfall Caruana Galizia frei

Fast neun Jahre nach dem Autobombenmord an der maltesischen Investigativjournalistin Daphne Caruana Galizia hat eine Jury den Geschäftsmann Yorgen Fenech am Mittwoch in Valletta vom Vorwurf der Beihilfe zum Mord freigesprochen. Das Urteil beendet den letzten großen Prozess in einem Fall, der das politische System des EU-Staatens erschütterte.

Freispruch nach geheimer Beratung und deutlicher Mehrheit

Eine Jury auf Malta hat den 44-jährigen Unternehmer Yorgen Fenech nach stundenlangen Beratungen von den schwersten Vorwürfen entlastet. Fenech, der zu den wohlhabendsten Männern des Inselstaates südlich von Sizilien gehört, war von der Anklage beschuldigt worden, die im Oktober 2017 ausgeführte Autobombe als Drahtzieher in Auftrag gegeben zu haben.

Der Freispruch erstreckt sich sowohl auf den Vorwurf der Beihilfe zum Mord als auch auf die ebenfalls angeklagte kriminelle Verschwörung. Zwar waren in den vergangenen Jahren bereits mehrere direkte Täter und Gehilfen verurteilt worden, doch mit dem heutigen Urteil bleibt die Frage nach den Hintermännern vor Gericht unbeantwortet.

Fenech war im November 2019 festgenommen worden, als er versuchte, mit seiner Jacht aus einem Yachthafen im gehobenen Stadtteil St. Julian’s zu flüchten.

Recherchen zu Korruption und die Verbindung zu 17 Black

Daphne Caruana Galizia galt zum Zeitpunkt ihres Todes als eine der bekanntesten und profiliertesten Investigativreporterinnen ihres Landes. Die 53-Jährige hatte jahrelang über Korruption in Politik und Wirtschaft recherchiert. Im Fokus ihrer Arbeit standen dabei auch die geschäftlichen Aktivitäten Yorgen Fenechs, der als Direktor eines Kraftwerkskonsortiums fungierte.

Malta: Jury spricht Yorgen Fenech im Mordfall Caruana Galizia frei
Photo: Onetz

Wie Recherchen der Familie und internationaler Journalistenkreise zeigten, befasste sich die Reporterin vor ihrer Ermordung intensiv mit Fenechs Offshore-Firma mit Sitz in Dubai namens „17 Black. Die Spur führte direkt in das politische Zentrum des Landes. Der Sohn der Getöteten, Matthew Caruana Galizia, war an dem weltweiten Recherchekonsortium zu den sogenannten Panama Papers beteiligt, die im Jahr 2016 geleakt worden waren. Die Unterlagen enthielten Hinweise auf geheime Geschäfte maltesischer Regierungsmitglieder, darunter der damalige Energieminister Konrad Mizzi und Keith Schembri, der Stabschef des damaligen Premierministers Joseph Muscat.

Nach den vorliegenden Berichten sollten über Fenechs Gesellschaft Schmiergeldzahlungen in Millionenhöhe an die Offshore-Konten von Mizzi und Schembri fließen. Die Zahlungen standen in zeitlicher und sachlicher Nähe zu einer lukrativen Konzession für den Bau und Betrieb eines Gaskraftwerks, die Fenechs Konsortium im Jahr 2013 erhalten hatte.

Kronzeugenaussagen und politische Folgen in Valletta

Im Zentrum der Anklage gegen Fenech standen die Aussagen seines Chauffeurs Melvin Theuma. Dieser hatte sich als Vermittler zwischen den Mördern und dem mutmaßlichen Auftraggeber bezeichnet und im Gegenzug für seine Kooperation eine Begnadigung erhalten. Theuma legte den Ermittlern Notizen, Aufzeichnungen und Textnachrichten vor, die Gespräche zwischen ihm und Fenech über die Täter sowie die polizeilichen Ermittlungen dokumentierten. Laut Theumas Angaben soll Fenech ihm 150.000 Euro für die Weiterleitung an die Auftragsmörder übergeben haben.

Ein Mann mit Gltze und im Anzug läuft
Photo: taz.de
Malta: Jury spricht Yorgen Fenech im Mordfall Caruana Galizia frei
Photo: welt.de

Fenech räumte im Verlauf der Justizverfahren ein, von den Mordplänen gewusst zu haben, versuchte die Verantwortung jedoch auf andere zu lenken. Vor Gericht und in Gesprächen deutete er an, dass sein ehemaliger Vertrauter Keith Schembri der wahre Initiator gewesen sei und ihm die Tat angelastet habe.

Der Mordanschlag und die darauffolgenden Enthüllungen über politische Verflechtungen stürzten den Inselstaat in eine schwere Krise. Im Dezember 2019 kam es zu landesweiten Massenprotesten, die den damaligen Regierungschef Joseph Muscat zum Rücktritt zwangen. Muscat räumte seinen Posten im Januar 2020. Eine im Jahr 2021 veröffentlichte unabhängige Untersuchung kam zu dem vernichtenden Befund, dass die Regierung ein Klima der Straflosigkeit geschaffen habe, welches das Attentat auf die Journalistin erst ermöglichte.

Bilanz der juristischen Aufarbeitung und Reaktionen auf das Urteil

Mit dem Freispruch für Yorgen Fenech ist der letzte Gerichtsakt in der Mordserie abgeschlossen, während andere Beteiligte bereits langjährige Haftstrafen verbüßen. Drei Männer bekannten sich in früheren Verfahren schuldig und wurden zu Gefängnisstrafen zwischen 15 und 40 Jahren verurteilt, darunter die Brüder George und Alfred Degiorgio, die den Sprengsatz gezündet hatten. Die Beschaffer des Sprengstoffs erhielten im Jahr 2025 lebenslange Haftstrafen.

Yorgen Fenech leaves court after challenging lead inspector on Caruana Galizia murder case

Die Familie der getöteten Journalistin reagierte mit Bestürzung und tiefer Enttäuschung auf den Ausgang des Prozesses.

In einer Stellungnahme betonte die Familie, dass mit dem Richterspruch der Journalistin die gerechte Behandlung verwehrt worden sei. Auch internationale Medienorganisationen äußerten sich alarmiert. Das Europäische Zentrum für Presse- und Medienfreiheit erklärte, das Urteil sende eine verhängnisvolle Botschaft an all jene, die gewaltsam gegen Medienschaffende vorgehen.

Teilen Facebook X WhatsApp E-Mail
Anna Richter

Über den Autor

Anna Richter leitet das Weltressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet ueber internationale Politik, Diplomatie und geopolitische Entwicklungen mit Fokus auf Kontext, Verlaesslichkeit und Relevanz fuer deutschsprachige Leser.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.