Eine Woche nach verheerenden Sturzfluten und Gletscherabgängen in Nepal und Tibet steigt die offizielle Opferzahl auf mindestens 1.127 Tote, während fast 5.000 Menschen weiter vermisst werden. Rettungskräfte aus dem Inland und dem Ausland konzentrieren sich vor allem auf unterirdische Wasserkraftanlagen und zerstörte Schluchten, um Überlebende zu bergen.
Die verheerenden Folgen des Gletscherabgangs an der Grenze zu Tibet
Am Morgen des 26. August löste sich im Himalaya-Gebiet in der Grenzregion zwischen Nepal und Tibet eine gewaltige Lawine aus Eis, Gestein und Schlamm, die ganze Berggemeinden und wichtige Infrastruktur mit rissiger Wucht überrollte. China meldet für den tibetischen Grenzbereich bislang 16 Tote und 546 Vermisste.
Die wirtschaftlichen und infrastrukturellen Schäden belasten das ohnehin fragile Land schwer. Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) schätzt, dass die Flutmassen rund 2,2 Millionen Tonnen an Geröll, Schlamm und Gebäuderesten hinterlassen haben. Durch die Beschädigung von acht bestehenden und vier im Bau befindlichen Wasserkraftprojekten brach etwa ein Zehntel der nationalen Stromerzeugung zusammen. Zudem wurden rund 50 Hängebrücken und 31 Autobrücken zerstört oder schwer beschädigt. Der nepalesische Finanzminister schätzt den Wiederaufbau auf eine Summe zwischen 4 und 5 Milliarden US-Dollar.
Rettungseinsätze an Wasserkraftprojekten und der Kampf in den Tunneln
Im Distrikt Rasuwa und im schwer in Mitleidenschaft gezogenen Distrikt Nuwakot versuchen 9.200 Soldaten der nepalesischen Armee mithilfe von schwerem Gerät, Hubschraubern und Baggern, zu den Überlebenden und den Trümmern vorzudringen. Derzeit liegt der Schwerpunkt der Suche auf den unterirdischen Räumen und Tunneln zerstörter Wasserkraftwerke, in denen sich Arbeitskräfte aufgehalten haben könnten. Bislang wurden zwar über 6.500 Menschen in Sicherheit gebracht, darunter 279 direkt aus Projektgeländen, doch Behörden befürchten, dass noch immer hunderte Menschen in den verschütteten Stollen eingeschlossen sind.

Unter den Vermissten befinden sich auch neun südkoreanische Staatsbürger, die an einer Baustelle eines Wasserkraftwerks im Distrikt Rasuwa beschäftigt waren. Ein südkoreanisches Regierungsteam für rasche Einsätze, zu dem auch Polizeieinsatzkräfte und Feuerwehrleute gehören, setzt bei der Suche Hubschrauber und Drohnen ein. Südkoreas neuer Botschafter in Nepal, Park Jae-kyung, sicherte den betroffenen Familien volle Unterstützung zu. Auch südkoreanische Unternehmen wie Doosan Enerbility beteiligen sich mit eigenen Hubschraubern an den Suchflügen, nachdem die nepalesischen Behörden entsprechende Freigaben erteilt hatten.
Internationale Hilfe und das Schicksal der Hinterbliebenen
Da Nepal nach Angaben seines Außenministers für die Bewältigung der Katastrophe auf spezialisierte technische Hilfe angewiesen ist, haben zahlreiche Staaten internationale Expertenteams entsandt. Indien und China schickten Tunnel- und Forensik-Experten, während Singapur ein Team für die Identifizierung von Opfern entsandte und Südkorea ein Rettungsteam bereitstellte. China hat zudem nach der Wiedereröffnung der Straßenverbindung zum Grenzübergang Gyirong schweres Räumgerät, Suchhunde und Lebendetektionsgeräte in die Region verlegt.

Abseits der offiziellen Suchtrupps kämpfen Angehörige der Vermissten oft unter extremen Bedingungen um Gewissheit. Talka Sada, ein Arbeiter aus der südlichen Terai-Region, reiste nach tagelangem Fußmarsch und geliehenem Geld nach Nuwakot und Kathmandu, um nach seinem 19-jährigen Sohn Vinod zu suchen, der an einer nepalesischen Wasserkraftanlage gearbeitet hatte. Seine Erlebnisse spiegeln die Verzweiflung vieler Angehöriger wider, die vor verschlossenen Türen in Krankenhäusern und Militärcamps stehen.
Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr meine Frau heult. Ich bin selbst in tiefem Schmerz und weiß nicht, was ich tun soll. Talka Sada, betroffener Vater aus Saptari, via Al Jazeera
Klimawandel und die Diskussion um grenzüberschreitende Frühwarnsysteme
Die Katastrophe hat eine breite Debatte über die Dringlichkeit von Klimaschutz und geologische Risiken im Himalaya ausgelöst. Der nepalesische Premierminister Balendra Shah machte die Folgen des globalen Klimawandels direkt für das Ausmaß der Flut verantwortlich. Experten betonen jedoch auch die komplexen Herausforderungen bei der grenzüberschreitenden Überwachung von Gletschern.
Nepalesische Hydrologen hatten dabei gefordert, bei plötzlichen Gletscherbewegungen und Wasserstandsänderungen frühzeitiger informiert zu werden. Die chinesische Botschaft erklärte dazu, dass die Überwachung in der schwer zugänglichen Bergregion extrem schwierig sei, betonte jedoch, dass man Wetter- und Starkregenvorhersagen rechtzeitig über digitale Kanäle geteilt habe.