Eine schwere Sturzflut hat weite Teile der nepalesischen Region Bidur verwüstet, Dörfer zerstört und nach Angaben aus dem Krisengebiet verheerende Schäden hinterlassen. Während Tausende vermisst werden, kämpfen Überlebende wie der 13-jährige Sushant Tamang und Schulleiter Rajendra Dawadi mit den dramatischen Folgen der Katastrophe.
Rettung in letzter Sekunde an der Tribhuvan Trishuli Secondary School
Als die Flutwellen durch das Trishuli-Tal rasten, bewies der Schulleiter Rajendra Dawadi geistesgegenwärtig Entschlossenheit. Mitten im Unterricht erhielt Dawadi Berichte von einem Kollegen sowie einen weiteren Warnanruf über heranbrausende Wassermassen, die Häuser, Brücken und ganze Dörfer rissen. Ohne offizielle Bestätigung abzuwarten, betätigte er sofort die Schulglocke, rief Schüler und Personal ins Freie und leitete die Evakuierung auf einen nahegelegenen Hügel ein. Wie Dawadi gegenüber The Associated Press erklärte, habe er sofort beschlossen, die Schule zu stoppen und die Kinder in Sicherheit zu bringen.
«I immediately decided to stop … school»
Rajendra Dawadi, Schulleiter
Mindestens 900 Schülerinnen und Schüler befanden sich an jenem Morgen auf dem Campus der Tribhuvan Trishuli Secondary School, die insgesamt 1,643 Schüler zählte; einige Kinder waren zu dem Zeitpunkt noch auf dem Weg dorthin. Dank der schnellen Alarmierung entkamen sie der Katastrophe. Kurz nach der Evakuierung verschlang der Schlammstrom das gesamte Schulgebäude. Dawadi ordnete zudem telefonisch an, dass Busse nicht mehr kommen sollten. Einen bereits vollbesetzten Schulbus konnte er noch rechtzeitig stoppen; das Fahrzeug überquerte kurz zuvor eine neu errichtete Brücke, ehe die alte Brücke daneben einstürzte. Zwei Mitarbeiter der Schule konnten sich laut den Berichten nicht rechtzeitig retten und bleiben vermisst.
Schicksale im Schlamm: Sushants Überleben und die Suche nach Wertsachen
Nicht alle hatten so viel Glück. Der 13-jährige Sushant Tamang wurde auf seinem Schulweg von der Sturzflut mitgerissen und überlebte die Fluten in der Stadt Bidur nur knapp. Zwei Tage lang musste seine Adoptivmutter Mina Lama Tamang (41) auf ein Lebenszeichen von ihm warten, während von einem Schulfreund, mit dem der Junge unterwegs war, bis heute jede Spur fehlt. Sechs Tage nach der Katastrophe hängt das Haus der Familie im Distrikt Nuwakot schief in den Angeln, und das Untergeschoss ist vollständig mit Schlamm gefüllt.
Um mit dem Erlebten umzugehen, zieht der 13-Jährige täglich durch die Schlammmassen, die einen grossen Teil der Ortschaft bedecken. «Ich suche im Schlamm nach Wertsachen», erklärte der Junge mit einem Lächeln, der bei seiner Suche nach eigenen Angaben sogar einen menschlichen Fuss gesehen hat. Seine Tante und Adoptivmutter Mina war zum Zeitpunkt der Katastrophe beim Kochen, als sie auf der Strasse über dem Haus Warnungen von Beamten hörte. Da man an regelmässige Fluten gewöhnt sei, ging sie zunächst nicht von einer so grossen Welle aus, ehe die Erde bebte und eine riesige Welle das Tal herunterschoss. Sie weckte ihren Mann und floh mit der Familie die Böschung hoch, während das Untergeschoss vollständig überflutet wurde. Nebenan musste sie mitansehen, wie ein gerade renoviertes ehemaliges Gefängnis weggeschwemmt wurde und die dortigen Arbeiter verschwanden.
Hilflosigkeit und Zerstörung im Katastrophengebiet von Bidur
Die Dimensionen der Zerstörung sind immens. Nach Berichten über die Naturkatastrophe, die nach einem Gletscherabbruch im Himalaya ausgelöst wurde, kamen in Nepal und Tibet über 950 Menschen ums Leben, während mehr als 4.400 Personen weiterhin vermisst werden. Am Ufer des geschwollenen Flusses Trishuli in Bidur sind Rettungskräfte im Einsatz.
Für die Überlebenden vor Ort gestaltet sich die Lage dramatisch. Mina Lama Tamang berichtete, dass ihre Familie fast alles verloren habe und von staatlicher Seite kaum Hilfe erhalte. «Niemand hilft uns dabei. Wir sind komplett auf uns allein gestellt», klagte sie. Beim Verteilzentrum ihres Distrikts erhielten sie lediglich etwas Nudeln und Trinkwasser. «Wir müssen betteln, damit wir genug bekommen», so Mina. Unterstützt werden die Menschen immerhin von Freiwilligen wie Santos Bk (35) aus Nawalparasi, seinem Priesterkollegen Nabin Baniya (35) aus Kathmandu und deren Begleiter Amon Baniya (19), die vor Ort Spenden sammeln und Hilfspläne aufstellen.
Bildungsnotstand und der Weg zurück in den Alltag
Die Zerstörung betrifft auch die Infrastruktur im Norden des Landes massiv. Nach Angaben der Hilfsorganisation Save the Children wurden mindestens 69 Schulen im Norden Nepals zerstört, wodurch die Bildung von fast 19.000 Kindern akut gefährdet ist und Tausende Kinder ohne Klassenzimmer dastehen.

Für Schulleiter Rajendra Dawadi, dessen lebensprägende Schule vollständig zerstört wurde, steht fest, dass die Schüler nach der Katastrophe zunächst psychologische Betreuung benötigen werden. Danach müsse der Unterricht wieder beginnen, auch wenn die Schule vorübergehend an einem anderen Ort untergebracht werden muss. Seinen Appell an die Regierung fasste er knapp zusammen: Die Schulen müssen wiederaufgebaut und die Kinder zurück in den Unterricht gebracht werden. Die 14-jährige Schülerin Suvina Tamang fasste die Dankbarkeit vieler Eltern zusammen: «I will thank him when I see him» für die Rettung ihres Lebens.