Zum Inhalt springen
Unterhaltung

Australien schließt KI-Musik aus den Charts aus, Schweiz zieht nach

Die Australian Recording Industry Association hat ihren Verhaltenskodex geändert und schliesst rein KI-generierte Musik aus den offiziellen Charts aus. Der Branchenverband reagierte damit auf einen Sommer-Hit mit künstlich erzeugtem Gesang und Schlagzeug. Auch in der Schweiz bereitet der Branchenverband IFPI eine entsprechende Reglementsänderung bis Ende Jahr vor.

Musik aus der Steckdose flutet seit Monaten die Streaming-Dienste, doch die Hitparaden setzen nun eine harte Grenze. Während in Australien rein maschinell erzeugte Titel offiziell verbannt sind, zieht die Musikindustrie in der Schweiz nach. Hinter diesen Schritten steht eine Grundsatzfrage, die das Fundament der weltweiten Kreativwirtschaft erschüttert: Wer darf als Urheber gelten, wenn Maschinen in Sekundenschnelle ganze Alben komponieren?

Der Fall Josh Fawaz und die Kehrtwende in Australien

Ausgelöst wurde die Debatte in Down Under durch einen konkreten Charterfolg. Fünfzig Millionen Streams auf Spotify, die Nummer eins in den Charts: DJ Josh Fawaz hat erreicht, wovon Musiker träumen. Seine Version von Madonnas «Like a Prayer» gehört in seiner Heimat Australien zu den meistgespielten Songs der vergangenen Monate und erreichte dort Platz vier der Charts. Im Nachhinein kam ans Licht, dass der Gesang und das Schlagzeug grösstenteils von künstlicher Intelligenz erzeugt worden waren. Das Stück hatte damit erstaunlich wenig mit menschlicher Handarbeit zu tun, denn das Cover ist weitgehend ein Produkt künstlicher Intelligenz.

Ein generiertes 3d Rendering zeigt einen Ausschlag nach oben und unten
Photo: deutschlandfunk.de

Als Konsequenz änderte die Australian Recording Industry Association ihren Verhaltenskodex. Ab diesem Freitag müssen Aufnahmen «wesentlich von Menschen gemacht» sein, um in den Ranglisten berücksichtigt zu werden. Zwar bleibt die KI als Hilfsmittel im Produktionsprozess erlaubt, aber rein prompt-basierte Stimmen oder Instrumente fliegen aus der Wertung. Betroffene Künstler können Einspruch einlegen, während ARIA Songs künftig ausschliessen, nachträglich aus den Charts entfernen oder Auszeichnungen aberkennen kann. Die ARIA kündigte zudem an, die neuen Regeln mit der technischen Entwicklung weiter anzupassen und zu überprüfen.

Die Schweizer IFPI plant Regeländerung bis Ende Jahr

Die Schweiz steht vor demselben Schritt. Der Branchenverband IFPI Schweiz kündigte auf Anfrage an, dass das nationale Chartreglement gegenwärtig mit der gleichen Zielsetzung wie in Australien überarbeitet wird. Das Ziel ist exakt dasselbe. Der Geschäftsführer Lorenz Haas teilte mit, dass der Prozess voraussichtlich bis Ende Jahr abgeschlossen sein soll.

Australien schließt KI-Musik aus den Charts aus, Schweiz zieht nach
Photo: sueddeutsche.de

Dabei stehen die Verantwortlichen vor enormen technischen Hürden. Der Geschäftsführer Lorenz Haas sagt, bei der Überarbeitung des Reglements müsse auch geklärt werden, wie sich der Einsatz von KI in der Musikproduktion technisch überhaupt überprüfen lasse. Denn zumindest für den Durchschnittshörer ist nicht immer erkennbar, ob hinter einer Stimme ein Mensch steht. Und je besser die Modelle werden, desto schwieriger dürfte die Unterscheidung werden. In Deutschland gilt seit Längerem ein ähnliches System: Der Bundesverband Musikindustrie verpflichtet sich zur Ausrichtung auf menschliche Kreativität. Für die von GfK Entertainment ermittelten offiziellen deutschen Charts müssen menschliche Interpreten benannt und der KI-Einsatz offengelegt werden, während die kreative Hauptverantwortung bei menschlichen Urhebern und Interpreten liegen muss, was von mindestens zwei unabhängigen Programmen zur Erkennung von KI geprüft wird. Ausgeschlossen bleiben dort zudem Titel, die reale Stimmen oder Künstler nachahmen oder serielle Uploads, die den Markt verzerren sollen.

Massenproduktion und der Schutz des künstlerischen Ursprungs

Die Dringlichkeit dieser Massnahmen zeigt ein Blick auf die Streaming-Massen. Noch nie war es so einfach, Musik zu produzieren. KI-Programme wie Suno oder Udio verwandeln wenige Textzeilen in komplette Songs. Wer möchte, kann sich innert Minuten eine Country-Ballade oder einen Techno-Track generieren lassen. Noten lesen muss man dafür ebenso wenig können wie ein Instrument beherrschen. Wie viele es genau sind, ist unklar, da Spotify und Apple Music keine detaillierten Zahlen veröffentlichen. Einen Einblick gab kürzlich der französische Streamingdienst Deezer: Laut ihm war die Hälfte der im Juni neu hochgeladenen Musik bereits vollständig von KI generiert, was 90 000 Songs pro Tag entspricht.

Australien schließt vollständig KI-generierte Songs von den Charts aus
Australien schließt KI-Musik aus den Charts aus, Schweiz zieht nach
Photo: NZZ

Für die Musikindustrie ist das ökonomisch relevant, da Streamingdienste Geld an Rechteinhaber verteilen und Charts mit darüber entscheiden, welche Künstler im Radio gespielt oder für Konzerte gebucht werden. Um KI-generierte Musik wenigstens erkennbar zu machen, hat der Streaminganbieter Spotify eine Änderung angekündigt: Ab Mitte September kennzeichnet Spotify sogenannte KI-Personas – also künstlich geschaffene Interpreten – als solche und begrenzt ihre Reichweite. Grosse Plattenfirmen versuchen derweil, ihre Musikkataloge mit neuen Lizenzvereinbarungen zu schützen, damit die KI nicht einfach so auf sie zurückgreifen und von ihnen lernen kann. Musiker und Songwriter wiederum fürchten, dass KI-Programme Lieder erzeugen werden, die ihre Stimmen oder ihren Stil imitieren, ohne dass sie dafür entschädigt werden. Der Pop-Star Taylor Swift hat darum ihre Stimme markenrechtlich schützen lassen.

Australien verbannt KI-Tracks aus den offiziellen Musik-Charts
Teilen Facebook X WhatsApp E-Mail
Sophie Krueger

Über den Autor

Sophie Krueger leitet das Unterhaltungsressort von Germanic Nachrichten. Ihr Schwerpunkt liegt auf Film, Streaming, Popkultur und prominenten Entwicklungen mit redaktioneller Einordnung und sauberer Quellenlage.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.