Bundeskanzler Christian Stocker traf am Montag, den 10. August 2026, in Ankara den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Im Zentrum des offiziellen Besuchs stehen die Vertiefung der Wirtschaftsbeziehungen, die Zusammenarbeit bei der Migration sowie kritische Themen wie die Meinungs- und Pressefreiheit und regionale Sicherheitsfragen in der Ukraine und im Nahen Osten.
Der Besuch in der türkischen Hauptstadt beginnt mit einem symbolischen Akt: Stocker legt beim Anitkabir, dem Mausoleum des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk, einen Kranz nieder und trägt sich in das Goldene Buch ein. Begleitet wird der Kanzler von Infrastrukturminister Peter Hanke (SPÖ) und dem Vizepräsidenten der Wirtschaftskammer, Wolfgang Hesoun.
Wirtschaftliche Brücken: Handelsvolumen und Investitionen
Die wirtschaftlichen Verflechtungen bilden das stabilste Fundament der bilateralen Beziehungen. Die Türkei gilt für österreichische Unternehmen als strategischer Knotenpunkt zwischen Europa, dem Nahen Osten, Zentralasien und Afrika. Laut der WKO-Außenhandelsstelle in Ankara unterstreicht das aktuelle Ranking, dass die Türkei für viele österreichische Unternehmen weiterhin als Brücke
fungiert.
Die Handelszahlen zeigen einen deutlichen Aufwärtstrend, wobei die Quellen unterschiedliche statistische Grundlagen nutzen. Das türkische Außenministerium gibt an, dass der bilaterale Handel im Jahr 2025 etwa 4,36 Milliarden US-Dollar erreichte, gegenüber 3,91 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024. Die österreichische Regierung beziffert den Handel für 2025 hingegen auf fast 4,3 Milliarden Euro, was etwa 4,97 Milliarden US-Dollar entspricht.
| Kennzahl | Wert / Detail | Quelle |
|---|---|---|
| Österreichische Investitionen (2005–2025) | über 11,2 Milliarden US-Dollar | aa.com.tr |
| Österreichische Niederlassungen in der Türkei | mehr als 250 | heute.at |
| Direktinvestitionen (Nationalbank) | über 1,4 Milliarden Euro | heute.at |
| Österreichische Touristen in der Türkei (2025) | mehr als 563.000 | aa.com.tr |
Außerhalb der EU ist die Türkei mittlerweile der fünftgrößte Exportmarkt Österreichs, übertroffen nur von den USA, der Schweiz, Großbritannien und China. Trotz einer Inflation, die nur langsam sinkt, wuchs die türkische Wirtschaft 2025 um 3,5 bis 3,6 Prozent und lag damit deutlich über dem OECD-Durchschnitt von 1,7 Prozent.
Migration und die geografische Schlüsselrolle Ankaras
Ein zentraler Punkt der Gespräche ist die Migration. Das Bundeskanzleramt betont die geografische Schlüsselposition der Türkei, die als unverzichtbarer Partner bei der Bekämpfung von Schlepperei gilt. Diese Kooperation stützt sich unter anderem auf einen millionenschweren Flüchtlingsdeal zwischen der EU und der Türkei, der verhindern soll, dass Menschen aus dem syrischen Bürgerkrieg weiter in die Europäische Union ziehen.
Die Verbindung zwischen beiden Ländern ist zudem tief in der Gesellschaft verwurzelt. Seit dem Arbeitskräfteabkommen von 1964 kamen zahlreiche Gastarbeiter in die Republik; heute leben rund 300.000 Menschen mit türkischem Migrationshintergrund in Österreich, wobei die Konzentration vor allem in Wien, Nieder- und Oberösterreich sowie Vorarlberg liegt.
Diplomatische Spannungen: Pressefreiheit und Opposition
Trotz der wirtschaftlichen Kooperation bleibt das Treffen politisch heikel. Laut dem Bundeskanzleramt sollen Themen wie Meinungs- und Pressefreiheit
sowie der Umgang der türkischen Regierung mit der Opposition angesprochen werden. Kritikpunkte sind insbesondere der autoritäre Regierungsstil Erdoğans, die Schwächung demokratischer Institutionen und Eingriffe in die Justiz.

Berichten zufolge wurden unabhängige Medien geschlossen oder von regierungsnahen Unternehmern übernommen, während kritischen Journalisten Verfahren wegen Beleidigung des Präsidenten oder Terrorunterstützung drohen. Trotz dieser Kritik sind im Rahmen des offiziellen Besuchs keine separaten Gespräche Stockers mit Vertretern der türkischen Opposition vorgesehen.
Infrastruktur und regionale Sicherheit
Neben den politischen Gesprächen steht die technische Zusammenarbeit im Fokus. Infrastrukturminister Peter Hanke trifft seinen türkischen Amtskollegen Abdulkadir Uraloğlu, um über die Modernisierung der Verkehrsinfrastruktur, die Güterlogistik und den Schienenverkehr zu beraten. Ein Ziel ist die Anpassung und Verlängerung des Luftverkehrsabkommens zwischen Wien und Ankara.

Auf globaler Ebene positioniert sich Erdoğan als regionale Führungsmacht zwischen Europa, Russland und dem Nahen Osten. Während die Türkei NATO-Mitglied ist, pflegt sie gleichzeitig intensive Beziehungen zu Moskau. In jüngster Zeit bemühte sich Ankara gemeinsam mit Pakistan um eine Deeskalation im Konflikt zwischen den USA und dem Iran. Diese diplomatische Gratwanderung wird auch in den Gesprächen mit Stocker über die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten eine Rolle spielen.
Die aktuelle Annäherung folgt auf einen Besuch des türkischen Außenministers Hakan Fidan in Wien im April, bei dem er Stocker und seine Amtskollegin Beate Meinl-Reisinger traf, um die bilateralen Beziehungen und die Türkei-EU-Verbindungen zu stärken.
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