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Technik und Wissenschaft

Schweiz führt bis 2029 Cell Broadcast für Katastrophen-Warnungen ein

Die Schweiz führt bis 2029 die Technologie Cell Broadcast ein, um im Katastrophenfall alle Mobiltelefone in betroffenen Regionen automatisch zu alarmieren. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (Babs) ergänzt damit das bestehende System Alertswiss, um insbesondere Touristen und Menschen ohne installierte Warn-Apps rechtzeitig zu erreichen.

Die aktuelle Warnlandschaft in der Schweiz weist eine kritische Lücke auf. Die App Alertswiss ist laut Angaben des Bundes auf rund 2,5 Millionen Smartphones aktiv, was lediglich etwa 28 Prozent der Bevölkerung entspricht. Wer die App nicht installiert hat oder die Informationskanäle nicht kennt, bleibt im Ernstfall auf Sirenen angewiesen. Gegenüber «Le Nouvelliste» erklärte das Bundesamt für Bevölkerungsschutz, im Ernstfall würden Sirenen ausgelöst. Diese Situation führte zuletzt zu tragischen Folgen: Im Val Bavona starben drei Menschen bei Unwettern, ohne von Behördenwarnungen erfahren zu haben, da das Lavizzara-Tal kurzzeitig von der Aussenwelt abgeschnitten war und Mobilfunk- und Stromnetze kollabiert waren, wie tagesanzeiger.ch berichtet.

Cell Broadcast: Die technische Funktionsweise und Reichweite

Im Gegensatz zu App-basierten Push-Meldungen funktioniert Cell Broadcast ähnlich wie eine Radiosendung. Ein Mobilfunkmast sendet eine Nachricht an alle Geräte, die sich in seinem Radius befinden. Das bedeutet, dass auch Menschen mit ausländischen SIM-Karten oder Touristen, die keinen Vertrag bei einem Schweizer Anbieter haben, erreicht werden. Das Babs plant, kurze Instruktionen mit einem Umfang von etwa 500 Zeichen pro Sprache zu versenden.

Es gibt jedoch physikalische Grenzen. Personen werden nicht alarmiert, wenn ihr Smartphone ausgeschaltet ist, der Akku leer ist oder keine Verbindung zum Mobilfunknetz besteht. Ebenso bleiben Menschen ohne Mobiltelefon außerhalb dieses spezifischen Warnkanals.

Finanzielle Aufwände und Zeitplan bis 2035

Die Einführung der Technologie ist mit erheblichen Kosten verbunden, wobei die Quellen hier unterschiedliche Gesamtsummen nennen. Während 20min von initialen technischen Anpassungskosten in Höhe von 15,8 Millionen Franken und jährlichen Betriebskosten von 7 Millionen Franken schreibt, beziffert tagesanzeiger.ch die Gesamtausgaben des Bundesamtes zwischen 2026 und 2035 auf rund 310 Millionen Franken.

Warntag 11.September.2025 | Warnung der Bevölkerung−Entwarnung und Cell Broadcast😯| Lkr.Tuttlingen

Speziell für die Erweiterung von Alertswiss durch Cell Broadcast rechnet das Babs laut tagesanzeiger.ch mit Kosten von etwa 58 Millionen Franken im Zeitraum von 2026 bis 2035, ergänzt durch jährliche Betriebskosten von 5,2 Millionen Franken.

Meilenstein / KostenfaktorZeitraum / Betrag
Frühestmögliche EinsatzbereitschaftAb 2026
Vollständige Inbetriebnahme des WarnkanalsIm Verlauf des Jahres 2029
Gesamtausgaben Babs (laut tagesanzeiger.ch)ca. 310 Mio. CHF (2026–2035)

Strategischer Umbau: Ende des UKW-Radios und neue WLAN-Treffpunkte

Parallel zur Digitalisierung der Warnungen baut das Bundesamt für Bevölkerungsschutz analoge Strukturen ab. Das Ultrakurzwellen-Notfallradio (UKW) in Schutzräumen wird abgeschafft. Eine Umrüstung auf DAB+ wird als zu kostenintensiv bei geringem Nutzen eingestuft. Michaela Schärer, Direktorin des Bundesamts für Bevölkerungsschutz (Babs), sagte gegenüber Keystone-SDA: «Wenn die ganze Bevölkerung nicht mehr UKW hört, bringt es nichts mehr, UKW aufrecht zu erhalten».

Hinsichtlich eines Angriffs mit Massenvernichtungswaffen sei das Notfallradio in seiner heutigen Ausprägung zwar unverzichtbar, es frage sich jedoch, ob die Sender in einer solchen Situation nicht selber zum Ziel von Angriffen mit Präzisionswaffen würden.

Gleichzeitig sollen Notfalltreffpunkte modernisiert werden. Inspiriert durch Erfahrungen aus der Ukraine will das Babs prüfen, wie an diesen Standorten gemeinsam mit den Kantonen WLAN-Zugänge und Lademöglichkeiten für Mobiltelefone bereitgestellt werden können, um die Kommunikation mit Angehörigen in Krisensituationen zu sichern.

Internationaler Vergleich und politischer Status

Die Schweiz gilt bei der Implementierung dieses Standards als Nachzügler. Während die Niederlande die Technologie bereits seit 2012 nutzen, setzen auch Deutschland, Österreich, Italien, Spanien und die USA längst auf Cell Broadcast. In Frankreich ermöglichte das System beispielsweise während Waldbränden flächendeckende Evakuierungsaufforderungen per Push-Meldung.

Schweiz führt bis 2029 Cell Broadcast für Katastrophen-Warnungen ein
Photo: 20min

Der Bundesrat hat der Einführung bereits zugestimmt. Die finale Entscheidung über die Finanzierung liegt nun beim Parlament, welches die Einführung durch eine Verweigerung der Mittel potenziell verzögern könnte. Michaela Schärer betonte an einem Mediengespräch in Bern am Donnerstag: «Wir können die Bevölkerung nur schützen, wenn wir sie rechtzeitig warnen».

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Clara Vogt

Über den Autor

Clara Vogt verantwortet das Ressort Technik und Wissenschaft. Sie schreibt ueber KI, Digitalisierung, Forschung und Innovation und uebersetzt komplexe Entwicklungen in klaren, belastbaren Journalismus.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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