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Technik und Wissenschaft

Tintenfischhai: Erstmals lebendes Exemplar mit Unterwasserrobotern gefilmt

Forscher haben erstmals Aufnahmen eines lebenden Tintenfischhais (Mitsukurina owstoni) in seinem natürlichen Habitat gefilmt. Die Aufnahmen, die mittels ferngesteuerter Unterwasserfahrzeuge (ROVs) in großen Tiefen entstanden sind, dokumentieren das Verhalten des als „hässlichster Hai der Welt“ bezeichneten Tieres und liefern neue Daten über dessen spezialisierte Kiefermechanik und Fortbewegung.

Anatomische Merkmale und Sensorik

Der Tintenfischhai besitzt eine längliche Schnauze und eine blassrosa Haut. Ein zentrales Merkmal ist das vorstülpbare Maul. Die Videoaufnahmen zeigen, wie der Hai seine Kiefer blitzschnell nach vorne schiebt, um Beute zu greifen. Diese Anpassung dient der Jagd in der Tiefsee, wo die Energieeffizienz und die Geschwindigkeit des Beutefangs entscheidend sind.

Über die reine Optik hinaus spielt das markante Rostrum, die verlängerte Schnauze, eine entscheidende Rolle für das Überleben des Tieres. Dieses Organ ist dicht mit Ampullen des Lorenzini besetzt. Dabei handelt es sich um spezialisierte Elektrorezeptoren, die es dem Hai ermöglichen, die schwachen bioelektrischen Felder zu detektieren, welche von anderen Organismen durch Muskelbewegungen oder Atmung erzeugt werden. In der absoluten Dunkelheit der bathypelagischen Zone, in der herkömmliches Sehen stark eingeschränkt ist, bildet diese sensorische Fähigkeit die primäre Grundlage für die Orientierung und die Beutesuche.

Kiefermechanik und Jagdverhalten

Ein zentrales Merkmal ist das vorstülpbare Maul. Die Videoaufnahmen zeigen, wie der Hai seine Kiefer blitzschnell nach vorne schiebt, um Beute zu greifen. Diese Mechanik unterscheidet sich grundlegend von der vieler anderer Haiearten. Die Kiefer werden nicht nur durch Muskelkraft, sondern durch eine komplexe, schlagartige Vorwärtsbewegung der gesamten Kieferstruktur nach außen projiziert.

Diese spezialisierte Kiefermechanik ermöglicht es dem Tier, eine größere Distanz zur Beute zu überbrücken, ohne den gesamten Körper in eine schnelle, energieintensive Vorwärtsbewegung setzen zu müssen. In der lebensfeindlichen Tiefsee, in der Nahrungsquellen oft spärlich gesät sind, stellt diese Form der energieeffizienten Jagd einen signifikanten evolutionären Vorteil dar.

Einsatz von ROV-Technologie

Die Erfassung der Tiere erfordert spezialisierte ferngesteuerte Unterwasserfahrzeuge (ROVs). Diese Systeme müssen dem hohen Druck in der Tiefsee standhalten. In den Tiefen, in denen der Tintenfischhai operiert, steigt der hydrostatische Druck massiv an – etwa um eine Atmosphäre pro zehn Meter Tiefe. Um diese Bedingungen zu bewältigen, sind ROVs mit druckresistenten Gehäusen aus Titan oder speziellen Keramiken sowie mit Auftriebskörpern aus syntaktischem Schaum ausgestattet.

Die Kamerasysteme müssen Licht in die dunklen Zonen bringen, ohne die biologischen Prozesse der Tiere durch übermäßige Strahlung zu beeinflussen. Die technische Entwicklung ermöglicht es nun, die Interaktion zwischen dem Hai und seiner Umwelt direkt zu beobachten. Dabei müssen die Beleuchtungssysteme der ROVs so kalibriert werden, dass sie eine ausreichende Sichtbarkeit für die hochauflösenden Sensoren bieten, während gleichzeitig die thermische Belastung und die Lichtintensität minimiert werden, um das natürliche Verhalten der Tiefseeorganismen nicht durch unnatürliche Reize zu verfälschen.

Bedeutung für die Tiefseeforschung

Bisher basierten viele Informationen über Mitsukurina owstoni auf konservierten Museumsexemplaren. Diese Präparate erlauben zwar die Untersuchung der Körperstruktur, geben aber keinen Aufschluss über die Bewegungsabläufe. Die neuen Aufnahmen dokumentieren die Fortbewegung im freien Wasser und die Nutzung der Kiefer im aktiven Zustand. Dies liefert wichtige Daten für das Verständnis der Nahrungsketten in marinen Ökosystemen.

Wissenschaftlich gesehen markiert dieser Fortschritt den Übergang von der reinen Morphologie zur Ethologie. Während die Morphologie die anatomische Struktur und den Bau des Körpers beschreibt, befasst sich die Ethologie mit dem tatsächlichen Verhalten der Tiere in ihrem natürlichen Kontext. Die Fähigkeit, lebende Exemplare in situ zu beobachten, schließt die Wissenslücke zwischen der statischen Analyse von Präparaten und der dynamischen Realität des marinen Lebens. Dies ist essenziell, um die ökologische Rolle der Mitsukurinidae innerhalb der komplexen Nahrungsnetze der Tiefsee vollständig zu verstehen.

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Clara Vogt

Über den Autor

Clara Vogt verantwortet das Ressort Technik und Wissenschaft. Sie schreibt ueber KI, Digitalisierung, Forschung und Innovation und uebersetzt komplexe Entwicklungen in klaren, belastbaren Journalismus.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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