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Unternehmen

Bezahlrevolution: Deutschland verabschiedet sich vom Bargeld – mit Folgen für den Einzelhandel

In Deutschland sank der Anteil der Bargeldtransaktionen im Einzelhandel im Jahr 2025 auf 50,5 Prozent, wie eine Studie des EHI Retail belegt. Damit verliert das Bargeld gegenüber mobilen Zahlungsdiensten und kontaktlosen Karten massiv an Bedeutung, was laut Bundesbank Fragen zur digitalen Inklusion und zur systemischen Resilienz bei Cyberattacken aufwirft.

Der Absturz des Bargelds: Diskrepanzen zwischen Einzelhandel und Gesamtmarkt

Der Absturz des Bargelds: Diskrepanzen zwischen Einzelhandel und Gesamtmarkt
Photo: FAZ
Die deutsche Bezahlkultur befindet sich in einem rasanten Umbruch. Vor zehn Jahren lag der Anteil der Bargeldzahlungen im stationären Handel noch bei 78 Prozent. Laut einer aktuellen Studie des Handelsforschungsinstituts EHI Retail ist dieser Wert bis 2025 auf 50,5 Prozent gefallen. Betrachtet man jedoch den gesamten Markt, ist der Rückgang noch deutlicher. Die Deutsche Bundesbank ermittelte, dass erstmals mehr als die Hälfte aller Einkäufe bargeldlos getätigt wurde; nur noch bei 45 Prozent aller Bezahlvorgänge kam Bargeld zum Einsatz, wie heise online berichtet. Interessant ist die Differenz zwischen der Anzahl der Vorgänge und der tatsächlich bewegten Summe. Während Bargeld bei fast jedem zweiten Bezahlvorgang genutzt wird, macht es beim Geldwert nur noch 23 Prozent aus. Die Debitkarte dominiert hier mit einem Anteil von 28 Prozent, auch wenn dieser Wert gegenüber 2023 um vier Prozentpunkte sank. Im Einzelhandel, wo jährlich etwa 500 Milliarden Euro ausgegeben werden, entfallen bereits 65 Prozent des Umsatzes auf Kartenzahlungen. Die klassische Girocard bleibt zwar dominant, wird aber kaum noch in das Lesegerät gesteckt – dies geschieht nur noch in 15 Prozent der Fälle.

Mobile Payment und der Druck auf Apple

Mobile Payment und der Druck auf Apple
Photo: heise online
Das größte Wachstum verzeichnet das Mobile Payment. Etwa jede fünfte unbare Zahlung im Handel erfolgt mittlerweile via Smartphone oder Smartwatch. Im Vorjahr lag dieser Anteil noch bei 12,8 Prozent. Dieser Boom ist kein Zufall, sondern das Ergebnis technischer Öffnungen und strategischer Partnerschaften. Die EU-Kommission zwang Apple dazu, die Kontaktlos-Schnittstelle des iPhones für Drittanbieter zu öffnen. In der Folge integrierten nicht nur die Sparkassen, sondern im vergangenen Jahr auch die Volks- und Raiffeisenbanken sowie PayPal ihre Dienste in die Apple Wallet. Online ist die Dominanz digitaler Dienste bereits vollzogen. PayPal ist mit fast 29 Prozent die beliebteste Methode, gefolgt vom Kauf auf Rechnung mit 26 Prozent. Die europäische Alternative Wero hat hingegen noch keinen nennenswerten Durchbruch geschafft und taucht in Statistiken lediglich unter Sonstiges auf. Die Industrie zeigt sich skeptisch gegenüber unreifen Produkten. Das Produkt muss sich noch weiterentwickeln, damit es mithalten kann mit den anderen großen Zahlarten, die wir anbieten. Wir brauchen noch Zeit, und Wero braucht noch Zeit, um das Produkt in einen weiteren Reifegrad zu bringen, bis wir es dann auch voll einführen werden. Katy Roewer, Finanzvorständin der Otto Group, via Welt

Die soziale Kluft und die 80-Prozent-Hürde

Deutschland ohne Bargeld: Was dann wirklich passiert
Die Digitalisierung des Zahlungsverkehrs verläuft nicht linear über alle Bevölkerungsschichten. Die Bundesbank warnt davor, dass bestimmte Gruppen systematisch abgehängt werden. Insbesondere ältere Menschen, Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen, Geringverdiener oder Menschen mit geringer digitaler Erfahrung nutzen häufiger Bargeld. Dies führt zu konkreten Konflikten im Alltag. In öffentlichen Verkehrsmitteln oder an Selbstbedienungskassen im Einzelhandel wird Bargeld immer seltener akzeptiert, was die Teilhabe dieser Gruppen erschwert. Trotz des Trends bleibt die emotionale und strategische Bindung an das Bargeld hoch: 80 Prozent der Befragten in einer Bundesbank-Umfrage halten die Möglichkeit, bar zu bezahlen, für wichtig oder sehr wichtig. Der Wandel erreicht mittlerweile auch die untersten sozialen Schichten. In der Hagener City wurde laut Westfalenpost beobachtet, dass sogar Bettler PayPal-Spenden anfordern, da Passanten schlicht kein Kleingeld mehr mit sich führen.

Resilienz und die Lehre aus Schweden

Resilienz und die Lehre aus Schweden
Die vollständige Abkehr vom Bargeld birgt systemische Risiken. Deutschland blickt hierbei auf Schweden, das fast vollständig auf digitale Zahlungen setzte und Bargeld in vielen Geschäften verpönt war. Nun rudert das skandinavische Land zurück. Bargeld muss dort wieder akzeptiert werden und Geldautomaten sollen im Stadtbild erhalten bleiben. Der Grund für diese Kehrtwende ist die Sicherheitsarchitektur. Cyberattacken auf Zahlungsdienstleister könnten ein rein digitales Land binnen kürzester Zeit vollständig lähmen. Aus dieser Perspektive ist die deutsche Zögerlichkeit ein strategischer Vorteil. Eine gleichberechtigte Akzeptanz von Karten und Bargeld macht die Infrastruktur resilienter gegenüber Computerpannen oder gezielten Angriffen, wie die FAZ analysiert. Die Folgen dieses Wandels sind bereits in den Filialen spürbar. Da immer weniger Bargeld in die Kassen fließt, wird die Bereitstellung von Bargeld für Kunden – das sogenannte Cashback – schwieriger. Jedes zwölfte Unternehmen musste die Auszahlung an der Kasse im vergangenen Jahr spürbar einschränken. Händler wehren sich gegen die Rolle als Geldautomaten-Ersatz, da es nicht ihre Aufgabe sei, mit Geld zu handeln. Deutschland steuert auf ein hybrides System zu. Während die Bequemlichkeit des Smartphones den Markt treibt, bleibt das Bargeld als soziale und sicherheitstechnische Absicherung unverzichtbar. Die Herausforderung für den Handel besteht nun darin, beide Welten parallel zu bedienen, ohne entweder die digital Affinen oder die analog Gebundenen auszuschließen.

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David Falk

Über den Autor

David Falk verantwortet das Wirtschafts- und Unternehmensressort von Germanic Nachrichten. Er berichtet ueber Maerkte, Mittelstand, Innovation und strategische Entwicklungen in deutschen und internationalen Unternehmen.

Alle Beiträge erscheinen nach redaktioneller Prüfung gemäß unseren Redaktionsrichtlinien.

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