Eine französisch-amerikanische Forschungsgruppe der Universität Tours hat nachgewiesen, dass Gelbfiebermücken lernen können, den Geruch des Insektenschutzmittels DEET mit Nahrung zu verknüpfen. In Laborexperimenten wandelte sich das eigentlich abschreckende Mittel für über 60 Prozent der trainierten Tiere zu einem Lockstoff, sofern es mit einer Blutmahlzeit assoziiert wurde.
Seit Jahrzehnten gilt der Wirkstoff DEET (Diethyltoluamid) als der Goldstandard der Insektenabwehr. Für Millionen von Reisenden und Bewohnern tropischer Regionen ist es die primäre Verteidigungslinie gegen schmerzhafte Stiche und lebensgefährliche Krankheiten. Die Grundannahme war bisher simpel: Mücken haben eine biologische Abneigung gegen diesen Geruch. Doch neue Erkenntnisse rütteln an dieser Gewissheit und zeigen, dass die Lernfähigkeit von Insekten weitaus komplexer ist, als wir es uns eingestanden haben wollen.
Der Pawlowsche Reflex bei Stechmücken
Photo: Berliner Zeitung
Die Forscher um Claudio Lazzari und Clément Vinauger haben ein Phänomen beobachtet, das in der Psychologie als klassische Konditionierung bekannt ist. Ähnlich wie die Hunde in den berühmten Experimenten von Ivan Pawlow, die beim Klang einer Glocke speichelten, entwickelten die untersuchten Gelbfiebermücken (Aedes aegypti) eine positive Assoziation mit einem eigentlich abstoßenden Reiz.
Das Prinzip ist simpel, aber beunruhigend: Wenn ein Insekt den Geruch von DEET wahrnimmt, dieser aber nicht stark genug ist, um den Hunger zu unterdrücken, und die Mücke dennoch erfolgreich Blut saugen kann, wird der Geruch im Gehirn des Tieres mit einer Belohnung verknüpft. MDR Wissen berichtet, dass das Abwehrmittel dadurch plötzlich vom Warnsignal zum Lockstoff werden kann.
Forschungsteam der Universität Tours, via MDR
Laborversuche mit Schafblut und Latexmembranen
Photo: Der Standard
Um diese Hypothese zu prüfen, bauten die Wissenschaftler ein präzises künstliches System auf. Die Mücken wurden einzeln in kleinen Kunststoffröhrchen mit Stoffnetzen isoliert. Als Lockmittel diente Schafblut, das auf exakt 35 Grad erwärmt und durch eine Latexmembran geschützt war, um die menschliche Haut zu simulieren. Zusätzlich wurde eine Zuckerlösung als alternative Belohnung eingesetzt.
Der entscheidende Schritt war das Timing: In den letzten Sekunden der Fütterung setzten die Forscher DEET ein. Durch diese wiederholte Kopplung lernten die Tiere, dass der chemische Geruch eine bevorstehende Mahlzeit ankündigt. Die Ergebnisse des anschließenden Verhaltenstests waren eindeutig:
Untrainierte Mücken: Mieden die mit DEET behandelte Hand einer Forscherin konsequent.
Konditionierte Mücken: Flogen gezielt die mit Insektenspray duftende Hand an.
Erfolgsquote: Mehr als 60 Prozent der trainierten Tiere zeigten diese veränderte Reaktion.
Diese Daten belegen, dass die Abneigung gegen DEET keine unumstößliche biologische Konstante ist, sondern durch Erfahrung manipuliert werden kann.
Warum die richtige Anwendung von DEET entscheidend bleibt
Insektenschutz – Was tun gegen Mücken?
Trotz dieser Ergebnisse ist kein Grund zur Panik oder zum sofortigen Verzicht auf Repellents. Wie SWR3 in einem Faktencheck betont, bedeutet die Studie nicht, dass DEET nutzlos geworden ist. Die Beobachtungen wurden unter kontrollierten Laborbedingungen gemacht; im Alltag ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Mücke exakt so konditioniert wird, geringer.
Die eigentliche Lehre aus der Studie liegt in der Applikationsstrategie. Das Risiko einer Konditionierung steigt massiv an, wenn die Wirkstoffkonzentration auf der Haut nachlässt, aber noch wahrnehmbar ist. In diesem „Graubereich“ ist der Schutzschild nicht mehr undurchdringlich, aber der Geruch ist noch präsent genug, um als Signal zu dienen.
Die Empfehlung der Forscher ist daher klar: Es ist effektiver, das Mittel in regelmäßigen, kleineren Abständen neu aufzutragen, anstatt einmalig eine große Menge zu verwenden. Nur so wird sichergestellt, dass die Konzentration stets hoch genug bleibt, um als echtes Abschreckungsmittel zu fungieren und nicht als „Speisekarte“ für lernfähige Insekten.
Die Gefahr durch Aedes aegypti und der Klimawandel
Photo: SWR3
Die wissenschaftliche Relevanz dieser Entdeckung wird erst richtig deutlich, wenn man die Rolle der untersuchten Art betrachtet. Die Gelbfiebermücke (auch Ägyptische Tigermücke genannt) ist kein harmloser Plagegeist, sondern ein hocheffizienter Vektor für gefährliche Tropenkrankheiten. Der Standard weist darauf hin, dass diese Art für die Übertragung von Zika-, Dengue-, Gelbfieber- und Chikungunya-Viren verantwortlich ist.
Besonders kritisch ist die geografische Verschiebung. Durch den Klimawandel breiten sich diese Vektoren immer weiter nach Norden aus. Es gibt Anzeichen dafür, dass Mitteleuropa bis zum Ende des Jahrhunderts zu einem Hotspot für tropische Fieber werden könnte. Wenn unsere primären Schutzmaßnahmen durch die Lernfähigkeit der Insekten untergraben werden, steigen die Anforderungen an die Prävention.
Die Erkenntnis, dass Mücken „lernen“ können, zwingt uns dazu, Insektenschutz nicht mehr als statische chemische Barriere zu betrachten, sondern als dynamisches Zusammenspiel zwischen Wirkstoffkonzentration und Insektenverhalten. Die Wissenschaft zeigt uns hier eine Lücke im Schutzschild auf, die wir durch diszipliniertere Anwendung schließen müssen.
Hinweis: Diese Informationen dienen der allgemeinen Aufklärung und ersetzen keine medizinische Beratung. Bitte konsultieren Sie bei Fragen zum Schutz vor Tropenkrankheiten Ihren Arzt oder einen Tropenmediziner.
Dr. Lena Hartmann leitet das Gesundheitsressort von Germanic Nachrichten. Sie berichtet seit ueber zehn Jahren ueber Praevention, Medizinpolitik und digitale Gesundheit und legt besonderen Wert auf verstaendliche, quellenbasierte Einordnung.
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